Blindprobe. Völs. Am Schlern.

14.01.2012

Kein Handy, keine Uhr. Alles, was störende Geräusche verursachen könnte, bleibt draußen, weder an ein Aufnahmegerät ist zu denken, noch ans Mitschreiben: ich begebe mich in die totale Dunkelheit, eine Blindprobe im wahrsten Sinn des Wortes. Völs am Schlern, Südtirol, 880 m Seehöhe. „Völs ist ein zentraler Ort“, sagt Jörg Linke, einer der Initiatoren des Blindprobe Sensoriums hier, und was scherzhaft gemeint ist, erhält bei genauem Hinsehen doch Bedeutung. Völs sei vor allem ein „starker visueller Ort“ - allein der Kirchplatz, die alten Mauern, und dahinter, alles bestimmend, der Berg, der Schlern. Schwer vorstellbar, dass die Intensität der Erlebens, wie man sie hier erfahren kann, sich auch in einer großen Stadt mit bequemen, aber lauten Verkehrswegen einstellen könnte.

Die Ruhe des Dorfes rundum ermöglicht schon im Vorfeld Besinnung, eine konzentrierte, fast meditative Haltung, die allerdings von neugieriger Spannung begleitet ist. Im kleinen Vorraum treffen die Teilnehmer der Verkostung zusammen, es gibt wenig Grundinformation, eigentlich nur das Handy- und Uhrenverbot. Lächeln und Vertrauen. Die Assistentin dieses Tages ist Irene Delago, eigentlich Hebamme, die ebenso wie ihr Bruder Rainer aktiv im Sensorium mitwirkt; das familiäre Lebensmittelgeschäft am Völser Kirchplatz dient als organisatorische Anlaufstelle. Wir werden zu zweit in den versteckten Raum geführt, die Hände auf die Schultern von Irene, des Vordermannes, der Vorderfrau gelegt.

Das Dunkel kommt, nach einer kurzen Dämmerzone, abrupt. Kleine Kurven, ich streife eine Mauer. Der Boden verändert sich: von Stein zu Teppich, das Weichere wird unmittelbar registriert. Hätte ich es bei Licht auch so bemerkt? Wir werden zu unseren Plätzen geleitet, legen die Hand auf die Lehne des Stuhles. Leder. Ich fühle mich erstaunlich sicher. Verlasse mich auf das, was ich höre, was ich spüre. Denn es ist wirklich dunkel hier drinnen, dunkler als die finsterste Nacht. Es wird fast ein wenig schwierig, sich auf einen der eng stehenden Stühle zu setzen - wie viel Platz hab ich nach hinten? Wie weit kann ich ihn zurückschieben? Erkundung des Tisches, ungefähres Erahnen der Dimension.

Die warme Stimme von Jörg Linke, der dieses Seminar leitet, gibt Orientierung. Irgendwann sind wir vollzählig. Irene kümmert sich um den Service. Es ist beeindruckend, wie leise sie sich bewegt, man hört sie nie, spürt sie nur. Bevor sie etwas auf den Tisch stellt, genau vor jeden, berührt sie behutsam die Schulter. So gibt es kein Erschrecken, man fühlt sich geborgen. Damit auch der Seminarleiter weiß, wo jeder sitzt, nennt ein jeder reihum seinen Vornamen. Und das Lieblingsaroma. Man hört Zitrus, Vanille, aber auch Stein, Zedernholz. Die erste sensorische Einstimmung dann ist taktil: Jörg Linke reicht einen Gegenstand herum. Wir sollen ihn fühlen, das Material, die Form. Was könnte es sein?

Holz, oh ja, an einer Stelle rau, gerillt; andere Stellen sind wiederum rund. Insgesamt länglich in der Form, ein jeder scheint es quer in der Hand zu halten. Eine kleine Schaufel, künstlerisch bearbeitet? „Stell es auf“ sagt Jörg zur Frau an seiner Linken, „befühl es noch einmal!“ Und auf einmal wird aus dem Hilfsgegenstand eine kleine Skulptur, eine Frauenfigur, von einem lokalen Künstler aus Holzfunden gefertigt. Wie sehr haben wir uns doch alle auf diesen ersten Eindruck der Querlage verlassen! Nicht gewendet, nicht gedreht. So reduziert, ahne ich, arbeiten wir auch im Sehen. Nächste Aufgabe: Riechen. In großen, schweren Goldfischgläsern sind die Gerüche vorbereitet, natürliche Aromen, wird betont.

Zitrone. Limette? Grapefruit! purzelt es durcheinander. Es ist eine Zitrone, aufgeschnitten. Mit etwas Zeit würde man die verschiedenen Komponenten darin erriechen, doch das nächste Glas ist schon da. Mandarine gegen Orange, es ist eine Mandarine. Die aufgeschnittene Orange kommt erst danach, und dann das letzte Glas, etwas ganz anderes. Warm und weich riecht es, doch der erste sagt Stein. Vorsichtige Annäherung an etwas Unbekanntes; dass es mir so bekannt erscheint, liegt wohl an der Vertrautheit mit lokalen Esstraditionen. Schüttelbrot! Brotklee! Und tatsächlich, gebrochenes Schüttelbrot war es, unverwechselbar für den, der es kennt.

Dann aber geht es ans Verkosten. Ingrid stellt vor jeden ein kleines Holzbrett mit vier Fläschchen, die die Weine fassen. Auf der Linken des Brettes ist eine kleine Ausnehmung - damit wir auch immer vom gleichen Wein kosten und reden! Die Fläschchen haben einen Stöpsel, und auch der Spucknapf ist ein Glasgefäß mit festsitzendem Deckel. Das Weinglas wird vor das Brett auf eine Serviette gestellt, zur Linken steht das Spuckgefäß, zur Rechten eine kleine Flasche Wasser (Plose, es schmeckt wie sauberstes Brunnenwasser, auch der Geschmack des Wassers wird im Dunklen viel deutlicher wahrgenommen). Wir verkosten reihum, teilen die Aromeneindrücke mit, geben Tipps zum Alkhoholgehalt ab.

Und da ,sehe‘ ich die vielleicht spannendste Erfahrung dieses Seminars: dass es ohne die Hilfe der Farbe des Weines oder der Schlieren, die er am Glas hinterlässt, zu ganz anderen Rückschlüssen kommt. Auf die Präsenz am Gaumen angewiesen, werden sowohl ein strukturstarker, aber leichter Weißwein wie ein kühler, mineralischer, balancierter, jedoch ungemein kraftvoller Rotwein bei denselben 13 oder 13,5% angesiedelt - und haben doch nur 12% oder satte 14% aufzuweisen! Die Runde ist in ihren Weinbeschreibungen recht harmonisch, nur selten driften sie auseinander. Aber leicht ist es nicht, die Weinauswahl ist durchaus knifflig, vor allem im Dunklen (Das gemeinsame in dieser Aufstellung ist die alpine Region, aus der sie stammen):

Praepositus Kerner 2009 Kellerei Stiftskellerei Neustift :: Ex Vero 1 2005 Werlitsch :: Gewürztraminer Lunare 2008 Kellerei Terlan :: Epesses Sauvignon Blanc 2000 :: Mason 2008 Pinot Noir Manincor :: Leithaberg 2006 Birgit Braunstein :: Vinai Syrah 2006 :: Eichholz 2006 Pinot Noir Irene Grünenfelder. Die Winzerin war selbst mit dabei, erkannte ihren eigenen Wein nicht. Und ich hätte den gereiften Sauvignon Blanc vom Genfer See fast als Rotwein verkostet!

Zwei Stunden gehen so rasch um, als wär‘s nur eine gewesen. Man verliert mit dem Sehen auch die Zeit, so scheint es mir, ein durchaus angenehmes Gefühl. Obwohl im Eingangsraum das Licht stark gedimmt ist, blinzeln wir in die ungewohnte Helligkeit. Es dauert ein wenig, bis wir uns wieder ans Sehen gewöhnen. 70% unserer Wahrnehmung laufen normalerweise über den Sehsinn, sagt Jörg Linke. Angst vor der Dunkelheit zeigten die wenigsten, eher sei es die Angst vor dem Wein, die Einsteiger plagt. Doch gemischte Gruppen, die nicht nur aus Profis bestehen, machen das Trainieren besonders spannend.

Die Idee zu diesem einzigartigen Unterfangen entstand vor einigen Jahren durch einen dieser glücklichen Zu-Fälle. Auf einer Gartenschau, bei der es auch Blindenführungen gab, kam es an der Bar zu einem Gespräch mit Florian Deroubaix, einem jungen blinden Musiker, der hier mitarbeitete: wäre es nicht eine perfekte Situation, unter der Prämisse totaler Dunkelheit Wein zu verkosten? Die Idee war gut, allein die technische Seite stellte einer zügigen Umsetzung Hürden in den Weg. Wo stellt man den Wein hin? Wie löst man das Problem des Einschenkens? All jene scheinbaren Kleinigkeiten, die den Sehenden so selbstverständlich sind, werden angesichts der Finsternis zur logistischen Herausforderung.

Mit Hilfe von Florian und zweier anderer Blinder, die auch als Servicefachkräfte im Blindprobe Sensorium fungieren, wurde ein ausgeklügeltes System entwickelt, das die reibungslose Abwicklung der Sensoriktrainings ermöglicht. Ebenfalls mit dabei im anfänglichen Kreativteam: Christian Frens, Sommelier-Consulter. Begonnen wurde mit der mobilen Box, 10 Meter lang, 3 Meter breit. Sie stand in Berlin, in München, in Köln, in Neustift im Eisacktal. Doch das Aufbauen, Abbauen, Transportieren war aufwändig und kompliziert. Also wurde nach einem festen Standort gesucht - und vor gut vier Jahren in Völs gefunden, ebenfalls durch einen dieser Zufälle, aufgrund familiärer Bindungen, in einem aufgelassenen Gemüsegeschäft am Kirchplatz.
Was mich verwundert: dass der Ort, die Hotellerie hier, nicht aufspringt. Geduldet, aber nicht zur selling proposition gemacht. Dabei ist, was hier erlebbar ist, so einmalig.

Sinnenschärfung im Dunkel. Außergewöhnliche Intensität, fundamentale Erfahrung. Völs als Sensorik-Zentrum: Herr Linke hat schon recht.

Blindprobe Sensorium Völs

 

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