der süden in mir. miniatur ::2::

11.07.2017
tags: literatur

der süden in mir

als ich das erste mal in den süden kam, war ich vierzehn und schämte mich meiner eltern. den vater fand ich unerträglich in seinem exhibitionismus am nacktbadestrand, die mutter peinlich in ihrem bemühen, welttauglich zu sein mit eigens genähten neuen gewändern fürs diner im hotel am jugoslawischen adriastrand. ich versteckte mich hinter meiner großen sonnenbrille und bemühte mich, die von mutter genähten hot pants, die viel zu lang waren, um eine solche bezeichnung überhaupt zu verdienen, mit angemessener coolness zu tragen. als ich das nächste mal in den süden kam, war ich bereits sehr viel älter, dreiundzwanzig. was dazwischen gewesen war, zählte noch nicht so recht, venedig nicht, weil es kühl und nebelig war und ohnehin zu nah an wien und voll von peinlichen österreichern. die ausflüge per autostopp, mit studienkolleginnen recht waghalsig in lkws, irgendwo ins ligurische zu einer für kurze zeit lockeren jugendherberge mit gemischten schlafsälen, wo es in den stockbetten recht ungeniert zur sache ging, die deuteten erst an, was da möglich sei, im süden.

dann aber: allein, ohne die sprache zu können, sommerjob am campingplatz. römer und napoletaner zu gleichen teilen, zwei sprachen, und eine dritte, das abbruzzesische der campingbesitzerfamilie gleich noch dazu. mein hartes ,attentzione‘ am lautsprecher im büro verlor ich dennoch nicht, obwohl ich mich der weichheit des napoletanischen und auch dem weichen leib eines napoletanischen fotografen hingegeben hatte. am meisten aber genoss ich es, für mich zu sein, wer auch immer um mich war; ich verlor mich ans licht und den sand und den wind und den klang, der in allem war, in den felsen und dem gestrüpp, auch in den bombe, die wir nachtfröhlichen um vier uhr morgens in der pastificeria holten, weil schlafengehen viel zu verschwenderisch gewesen wäre. zu jobende wollte ich nicht mehr zurück ins enge daheim, zog für zwei wochen nach neapel, wo ich mich so selbstverständlich bewegte, als wär ich ein teil dieser stadt, setzte mit dem schiff über nach lipari, ließ mich über sizilien wieder an die stiefelspitze schaukeln, umrundete apulien, ließ mich weitere zwei wochen im schoß der campingbesitzerfamilie bei lanciano nieder und querte nach rom, wo ich von einem markt zum anderen zog. als ich fast bereit war, mich hier dauerhaft niederzulassen, dachte ich an die mutter daheim und dass ich ihr eine erklärung schuldete, sah mit schrecken den frühen schnee am brenner und verfiel, mich daheim selbst zur gefangenen machend, in eine anhaltende melancholie.

doch es kam wieder ein sommer, und von da an wurde der süden zur notwendigkeit, neapel zur auserkorenen, ich nahm die frische neue liebe mit für drei wintermonate und viele jahre später die erstgeborene. als ich einmal einem jungen bauern, aufgegabelt im napoletanischen, in seinem monferrato-daheim einen besuch abstattete, dachten seine freunde, ich käme aus dem süden. ja, da hatte ich diesen schon längst in mir und auf der zunge. 

als die reisen seltener wurden und irgendwann aufhörten, weil ich nicht nur mehr die felsen sah und den sand und das gestrüpp und das licht, sondern auch die politischen veränderungen und die grausame, charakterlose, amerikanisierte oberfläche des alltagslebens, waren sie nicht mehr wichtig. luft und liebe und der augenblick, in erster linie lebte ich, egal wo, und wenn ich wieder, so wie vor langer langer zeit schon, als ich den norden in jugendlicher schwärmerei zu meinem mythos gemacht hatte, in den norden fahre, weil es dort ist wie in den bergen, nur am meer, und mich diese wundervolle ruhe überkommt, wie ich sie auch oben auf den bergen habe, dann weiß ich, dass ich das so genieße, weil der süden in mir ist und die melancholie keine chance hat.

Der Text fiel mir auf der Suche nach Anderem in die Hände, ist von 2011 und mehr als eine Miniatur. Erinnerungen an eine Zeit, da ich noch nicht so nordsüchtig war wie heute. 
10.7.2011, überarbeitet 11.7.2017