Sonntag in Skagen

09.09.2011

Die Sonne treibt mich um sieben aus dem Bett, sie hat sich in den letzten Tagen ja kaum blicken lassen. Ich gehe einfach drauflos, vorbei an den Häusern entlang des Østre Strandvej. Es bläst ein kräftiger Wind aus dem Süden, erstaunlich warm; es riecht nach Fisch. Um diese Zeit sind noch kaum Menschen zu sehen, eine alte Dame aber hat das Morgenbad im wilden Wasser sichtlich genossen. Das diffuse Licht begrenzt den sonst so unendlichen Raum, ich gehe und gehe und mag nicht aufhören, die Füße im kühlen Wasser und im Schaum; ich muss lachen, weil mir die Schäumchen der „Kreativköche“ einfallen. Ich gehe über die Dünen und durch die Heide dahinter, das taunasse kurze Gras wäscht mir den Sand von den Füßen.

Die ganze Zeit über habe ich ein Lied im Ohr, fool on the hill, Dünenhügel um mich und die Rekonstruktion des historischen Leuchtfeuers auf einem kleinen Hügel im Rücken. Die Farben wachsen, ich gehe durch die Sommerhaus-Siedlung von Østerby, hinter einer hohen Hecke von Hundsrosen entdecke ich das ideale Häuschen: genau so eines wäre mir mehr als ausreichend.

Die Ausstellung im Louisiana fällt mir ein, mit den Visionen von Architektur für individuelle Lebensentwürfe. Ich gehe weiter und weiter, die sonst so quirlige Einkaufsstraße ist menschenleer, nur ganz am Ende in der Rathausbäckerei finden sich ein paar Frühaufsteher ein, sonntagsoffen! Die Luft hat mich hungrig gemacht, Filterkaffee im Becher und Apfelschiff aus leichtem, knusprigem Blätterteig auf der Bank in der Sonne. Dann ziehen wieder Wolkenschleier auf, aus meinem Dachfenster sehe ich, wie sich die Segelboote, die das ganze Wochenende über im kleinen Hafen lagen, wieder auf den Weg machen, die meisten wohl zurück nach Norwegen. Zwei Stunden später ist der Himmel wieder tiefblau. Ein Tag für den Leinenrock, ich mache ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg, Möwen kreisen laut kreischend über einem Industriegebäude am Hafen, es riecht noch immer intensiv nach Fisch, ich weiche vom gewohnten Weg ab. Ein Traktor kippt die frisch gefangenen Fische aus einem Edelstahlcontainer auf ein riesiges Förderband, Heringe sind es wohl, die da übereinanderpurzeln, als sprängen sie über die Steine eines steilen Gebirgsbaches. Ein anderer Traktor lädt eine blutige Masse von Fischabfällen in seinen Anhänger, „das kommt dort nach hinten, zu FF“, sagt der junge blonde Arbeiter, „daraus machen sie Fischölkapseln und Tierfutter“.

Als die beiden Traktoren wegfahren, fliegen auch die Möwen weg. Und dann das Museum, mein Museum. Nicht so sehr der Bilder der Skagen-Maler wegen, sondern um einer Geschichte willen, die ich vergangenes Jahr hier entdeckt habe: die der Marie Krøyer. Ich fotografiere mit dem Handy die Seiten über sie aus dem Buch, das es nur auf dänisch gibt. Ein eigenwilliges, spannendes Frauenleben voller Dramatik, über das ich mehr wissen will; es ist, lese ich später, gerade ein Film im Entstehen über ihre schwierige Ehegeschichte in Skagen an der Seite eines possessiven, älteren Mannes, dem großen Maler P.S. Krøyer.

Ich setzte mich in die spröde Sonne im Garten des Museums, in den Wind. Im Gartenhaus, einst wichtiger Schauplatz in der Geschichte der Skagen Maler, gibt es ein entzückendes Kaffeehaus mit Bergen an hausgemachten Kuchen. Dennoch wähle ich Salat und rejer; seit ich erfahren habe, dass die Krabben zwar im kalten Wasser vor Skagen, wo sie ganz langsam heranwachsen, gefischt, aber sofort nach dem Kochen nach Marokko zum Schälen verschifft werden, um dann wieder in Skagen in den Handel zu kommen, schmecken sie allerdings nicht mehr so zart und frisch wie noch vor zwei Tagen - eine der vielen Absurditäten in der Welt der Lebensmittel. Dafür ist das Gemüse untadelig frisch, aber auch gnadenlos roh. Später radle ich zum Nordstrand, hier war ich bislang noch nicht.

Das ist nun also wirklich der nördlichste Punkt Dänemarks, denke ich mir, und kann die Biegung sehen, die der Strand hier macht, wie er sich nach West und nach Ost beugt und also kein Punkt ist, sondern eine sanfte Nordkurve. Und dann kehre ich zurück, durch Heidelandschaft und sterile neue Ferienhaussiedlungen und idyllische Gassen und Wege mit all den alten Häuschen, von denen ich gern eins hätte, zum Hafen. Vier Stunden sind vergangen, der Traktor ist wieder da, so wie die Möven. Eine liegt tot mitten am Gelände - Kollateralschaden, während eine andere in der Blutlache unter der Abfallfüllstation steht. An der Seite des Gebäudes, hinter Plastikcontainern, entdecke ich das Salz für die Heringe. Ich radle weiter im Hafengelände herum, mag diese eigenartige, ruhige Sonntagsstimmung, sie lässt mich nicht los. Auch bei FF ist heute alles still; am nächsten Tag aber werden heftig riechende Tierfutter-Duftwolken das Städtchen überziehen.

Gleich daneben liegt Gitte vor Anker, ein junger Deutscher ist auch da mit seinem Auto und fotografiert. Langsam sieht es wieder nach Regen aus; der kleine Hafen, auf den ich von meinem Dachkämmerchen aus hinunter blicke, ist sehr leer geworden. Weitere vier Stunden später sitze ich im wunderschönen Speiseraum des Brøndum Hotels und tauche ein in ein emotional geladenes, sehr klassisches Esserlebnis. Nordic muss nicht immer new sein.

 

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