die ideale nacht. miniatur ::1::

09.07.2017
tags: literatur

die ideale nacht

heute um 6 uhr morgens war vollmond; was ihm vorausging, war vielleicht wolfsgesichtigen eine ideale nacht. doch dieses übermaß an unruhe, an vibration, an erregung, an aufbäumen selbst mit einem mond hinter wolken: ideal zeigt sich anders. 

zum beispiel dann, wenn die zunehmende sichel grade mal zwei tage alt ist und schwer im osten hängt, darüber das leuchten der venus, so unerschütterlich wirkend. ich werde sofort in die kindheit zurückgeworfen, auf den küchenbalkon in erdberg. ich sehe meinen abendstern und habe das kleine lied im ohr, das mein vater wie so viele andere melodien für das kleine volk geschrieben hat: lieber guter abendstern, hab dich gern. vielleicht ist es aber auch nur mein singsang, den ich erinnere ...

ich stand jedenfalls gern auf dem balkon im sechsten stock und versuchte, etwas vom aberndhimmel zu erhaschen; das gelegentliche flutlicht des praterstadions war hell genug, um über den donaukanal in den dritten zu strahlen. mit diesem meinem stern versuchte ich, mich wegzuträumen aus der enge eines vier-kinder-kinderzimmers, das keinen freiraum zuließ, mir damals doch schon so wichtig. 

als ich diese miniatur rudimentär festhielt, war so eine ideale nacht gewesen, gequake und zuvor gezwitscher und viel weite. seewinkel, endlos. ö1 erzählt über die kosmische hintergrundstrahlung, mein kopf ist zum bersten voll. sechs wochen ununterbrochenes unterwegssein mit der erforderlichen aufmerksamkeit, das umsetzen des gehörten und aufgezeichneten in meine worte; abgabetermine sind wahrzunehmen. dazwischen aber bleibt immer zeit für ein kurzes innehalten und freuen und lachen. 

erst wenn das alles abhanden kommt, sich verliert im verengten blick auf vermeintlich vordringliches, dann werden auch die nächte unrund, weit weg von dem, was entspannt, gar in ein persönliches ideal gehend wäre.