Nachts

05.01.2016
tags: literatur

Sie war zu schnell auf die Mauer zugegangen, musste kurz innehalten. Mit einem Ruck öffnete sie das Gartentor. Er stand da, über den Stufen in der Tür, die vertraute Gestalt ein dunkler Umriss gegen den sanften Lichtschein im Haus. Wie ein Heimkommen, dachte sie unwillkürlich, jedes Mal, und erschrak, denn dies stand ihr nicht zu. Und: someone to watch over me, so sieht das aus, aber laut sagte sie: ich bin dein Hauptabendprogramm, und lachte verlegen. Viel lieber hätte sie sich in seine Arme fallen lassen wollen, aber so war das nicht zwischen ihnen, also gingen sie in die Küche. Mach mir was Gutes zu essen, bat sie, und während er konzentriert am Herd hantierte, breitete sich Zärtlichkeit aus in ihr. Sie redeten viel, Bücher, Kino, Fernsehen an einsamen Abenden, Kochen natürlich und Essen, sie lachten auch; aber seltsam, dachte sie, diese Vertrautheit rundum, das Haus, seine Atmosphäre – und nur er, wie er da neben ihr sitzt, bleibt fremd. Ihr Blick blieb an seiner Stirn hängen, spärlicher Haaransatz auf glänzendem Fleisch, und mit Heftigkeit überkam sie Begehren. Jetzt sofort, hier, auf dem Esstisch, dachte sie, aber erst musste der Abend mit Anstand weitergeführt werden, die Nacht war noch lang. Hinter höflicher, kultivierter Distanz lauerte Spannung, sichtbar nur dann, wenn ihre Blicke sich trafen. Komm, sagte er plötzlich ganz rau, gehen wir, und dann standen sie, Wildheit in den Augen, und als sie übereinander herfielen, war jede Fremdheit verloren.

Mit jeder Begegnung wagten sie sich weiter vor, drangen ein in die verborgenen Tiefen des anderen, Geheimnisse flüsternd, Phantasiewelten stöhnend, Begierde schreiend. Während er immer heftiger zulangte und ihr schien, als legte er alle Anspannung, gesammelt in endloser Haltung der Geduld, und alle ein Leben lang gesammelte Enttäuschung und Verzweiflung in jeden Stoß und jeden Schlag, duckte sie sich noch tiefer, nahm alle seine Ausbrüche demutsvoll auf, als könnte die lustvolle Erniedrigung sie erlösen von mangelnder Selbstachtung, die ihr im wirklichen Leben zum Fallstrick geworden war. Irgendwann ließen sie voneinander ab, lagen jeder für sich, eine leise Berührung mit den Fingerspitzen, eine ferne Zärtlichkeit, wortlos. Einmal aber würden Sätze gesprochen werden, Worte fallen, die besser verborgen blieben, und dann würde die Unschuld verloren sein und nichts mehr so wie jetzt.

Erinnerungen an andere Nächte tauchten auf, warme Sommernächte, als alles noch neu war, als sie sich stundenlang in ihrer Nacktheit wälzten, gelegentlich innehielten, ein Glas Wein, eine absichtslose Erzählung, bis die nächste Berührung sie weiter von Höhepunkt zu Höhepunkt trieb und sie endlich, satt und sanft aneinander liegend, einschliefen.

Sie erwachte plötzlich, setzte sich auf. Er schlief völlig unbeweglich, unhörbar. Als hätte er sich auch im Schlaf unter Kontrolle, dachte sie, und ließe Freiheit nur in der Ekstase zu. Ich hüte deinen Schlaf, mein schöner Geliebter, flüsterte sie, ließ ihre Hand ohne Berührung über seine Beine, Hüften, Rücken gleiten. Sie fühlte sich geborgen in der Dunkelheit, in diesem Zimmer mit seinen dunkelroten Wänden, vom ersten Augenblick an hoffnungslos seiner Atmosphäre verfallen, hineingezogen, aufgesogen.

Nachts gehörten die Gedanken ganz ihr, sie konnten sich nicht stoßen an Menschen, an Situationen, sie konnten sich ungestört auftürmen zu Geschichten, die so real waren wie die Nacht selbst in ihrer unbestimmten Zeit, die gefüllt war mit Träumen, Ängsten, Ahnungen und Hoffnungen der Schlafenden. Sie lauschte den Geräuschen – Wind, der schwer durch die Bäume fuhr, das Getrampel der Pferde, die bisweilen durch den Garten liefen. Sie schlafen nie, dachte sie, und Erinnerung kam an wieder andere Nächte, vor unendlich langer oder auch kurzer Zeit, draußen beim Reitstall, alle Tiere wach in ihren Boxen, die Stille nur durchbrochen vom Stoß der Hufe gegen die Türen und von sanftem Schnauben, bis plötzlich ihre eigenen Schreie die Nacht zerrissen und in denen ihre ganze Verzweiflung über die Unmöglichkeit einer Möglichkeit lag. Sie hätte heute nicht mehr sagen können, ob der Himmel damals bewölkt gewesen war oder sternenklar.

Sachte erhob sie sich, ging durch die Räume, alles aufmerksam in sich aufnehmend. Seine Dinge, seine Ordnung. Sie wagte nicht, etwas zu berühren, als würde sie ihm damit schon zu nahe treten. Sie wollte auch nicht, dass er greifbar würde, denn dann könnte er nicht mehr Teil ihrer Geschichten sein. Dann wüsste sie, was sie jetzt nur ahnte, aber Ahnung ließ sich beiseite schieben, auch sah sie manchmal etwas, aber dann tat sie so, als hätte sie es nicht gesehen. Deshalb liebte sie die Nacht, da war es dunkel und nichts zu sehen, nur Gedanken. Behutsam glitt sie neben ihn aufs Bett, gestattete nur den Beinen eine Berührung. Unwillkürlich drehte er sich ihr zu, legte seine Hand auf ihren Kopf. Sie gab sich dieser unbewusst zärtlichen Geste hin, die in ihrer Unmittelbarkeit und schläfrigen Trägheit wahrer war als all die anderen bewusst gesetzten, und in dieser Illusion von Nähe schlief sie mit einem Lächeln auf den Lippen ein.