woyzeckmoon. miniatur ::3::

30.08.2017
tags: literatur

der junge mann mit dunklem haar und bleicher haut fiel ganz unvermutet in meine arme. ich las gerade von der salzburger salome und dem berliner woyzeck, da sah ich plötzlich einen weißen ohrstöpsel am schwarzen haaransatz in die zeitung auf meinem schoß gleiten. weit aufgerissene dunkle augen sahen mich einen augenblick lang an, dann glitt der schwere körper, mit einem schlag leblos geworden, an meinem beinen entlang zu boden. die luft im ICE war stickig gewesen, ausfall der klimaanlage, zu viele reisende zudem, wegen technischen gebrechens nur eine einfache garnitur unterwegs statt der doppelten.

der arzt, der zufällig daneben stand in diesem augenblick, reagierte professionell ruhig, legte den kopf des jungen mannes sanft zu boden, hob seine beine hoch und legte sie mir in die hände. zwei sanfte klapse auf die wange, „hallo? sie sind umgefallen!“ und sofort ein “ja das hab ich bemerkt“ zurück. durch die offene wagentür zog ein wenig frischluft vom bahnsteig herein, und dann waren doch alle ausgestiegen, keiner sah mehr, wie drei kurven später ein riesiger blutroter woyzeck-mond in die landschaft stieg. unmöglich zu fassen aus dem hell erleuchteten waggon mit dem spiegelbild in den scheiben. am abend zuvor war er ganz gelb über dem rhein erschienen.

dieser kurze text fiel mir heute auf der suche nach anderem in die hände. er ist unter 2011 in meinen salon-texten gespeichert. ich kann mich nur nicht erinnern, ihn geschrieben zu haben. aber ich mag ihn.