autor werk täter. nachdenken über nachlass und #metoo

19.11.2017
tags: reden, salon

ist zwischen werk und autor zu trennen, wenn dieser sich schuldig gemacht hat? diese fragestellung geistert gerade durch die feuilletons, und ich fürchte, es kann darauf keine allgemein gültige antwort geben. eine jede hat ihre eigene erfahrungswelt.

meine erste übergriffs-erfahrung erlebte ich mit etwa 10 jahren, ein griff zwischen die beine, als ich, von der geigenstunde heimkehrend, höflich die aufzugtüre einem hausfremden aufhielt. mein gellender NEIN!-schrei hallt mir heute noch in den ohren, und auch die hilflosigkeit der mutter, die mir nichts tröstliches zu sagen wusste, ist wie eingebrannt in der haut. danach hatte ich nie mehr angst. 

dass das zudringliche gehabe des mächengrapschenden musiklehrers auch mich in den privaten klavierstunden traf, versperrte mir später den professionellen zugang zur musikausübung. damals, im alter so um die 15, wehrte ich mich mit starrer, kalter haltung und nicht-üben. aber ich erlebte auch das dilemma, es mit einem menschen zu tun zu haben, der mir so viel von dem zu vermitteln imstande war, was heute noch in der musik zu meinen liebsten klängen zählt. im nachhinein ertappe ich mich bei der überlegung: war das ein betteln um akzeptanz? der mann lebt schon lange nicht mehr; ich fand seinen relativ frühen tod nur gerecht. 

bis heute aber habe ich keine antwort auf diese frage: kann man autor und werk trennen? eine studentische zeit lang war ich resolut und naiv-feministisch böse – nein, keine trennung!; doch zu wissen, wo mir wichtiges herrührt, auch wenn es um ganz andere figuren wie regisseure zb geht, deren filme ich nach wie vor nicht missen will, wird die ganze ambivalenz der frage deutlich. 

wie aber sähe ein leben aus, das nur aus eindeutigkeiten bestünde? mittlerweile allerdings bin ich alt genug, um zwiespälte aller art wie zb meine nachhaltig böse erkrankung auszuhalten.