Der Geschmack Europas

10.08.2017

Was für ein Vorhaben! Den Geschmack Europas zu erkunden hat sich Lojze Wieser zur genussvollen Aufgabe gemacht; nach den verborgenen autochthonen Schätzen zu graben, die damit verwobenen Menschen und ihre Geschichten zu würdigen, verloren Geglaubtes zu finden, Erinnerungen wachzurufen. Dem Geschmacksgedächtnis eine Spur legen!

Es ist ein großes, schweres, aufwändig gestaltetes Buch, keine „leichte“ Lektüre also, nichts für’s Nachtkastl – falls das jemandem in den Sinn gekommen sein sollte ;) Hochglanzpapier, keine (Doppel)Seite ohne Foto(s), zurückhaltend in den Farben. Immer wieder Lojze Wieser selbst, mit Tier, allein, in einer Runde – hier ist ein Mensch, er ist bei dir!

Es liegt eine Ruhe über dem Buch, obwohl es quer durch Europa führt und man gemeinsam mit Autor und Fotograf außer Atem geraten könnte. Doch dazu sind die Landschaften zu ruhig, die Gebäude zu alt, der Blick Lojze Wiesers zu aufmerksam, erstaunt, erfreut, heiter und lächelnd. 

Der Vor-Worte gibt es viele: Der Kameramann. Der Autor. Zwiegespräche, Interviews, Grüße. Einbegleitung, was für ein schönes Wort! Es ist kein Buch zum Durchlesen; der Lauftext wird gebrochen von Zitaten anderer, von kurzen Zusatztexten an den Seiten, ein Widerspiegeln des Vielfältigen, das einen in 7 Kapiteln erwartet.

Der Untertitel “Die ersten Stationen“ lässt auf weitere schließen, auf die Fortsetzung einer Reise, die im slowenischen Karst, der Goriška brda und Collio beginnt. Mit einem Riesensprung tut sich Kapitel 2 in der Innerschweiz um; nicht minder klein jener in ein spannendes, umfangreich erkundetes Siebenbürgen. Weg 4 katapultiert nach Süden, in die toskanische Maremma. Klingt vertraut und vermag doch zu überraschen. Kapitel 5 führt in die Lausitz, zu den Sorben, in den Spreewald, an die Ostgrenze. 

Dann wieder Süden, aber ein ganz anderer. Galicien, äußerster Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Fisch und Wein. Kargheit und Jakobsweg. Und der Anfang der Welt, nicht Finsterre. Kapitel 7 schließlich das Kärntner Gailtal, das sich den Bergen entlangzieht, vertraute alpine Landschaft. Nein, Landkarten gibt es keine, alles bleibt im Schweben. 

Und ist doch im Wirklichen, einem raren freilich, das es zu bewahren gilt. So viele Geschichten, in die einzutauchen sich lohnt. So viele bemerkenswerte Menschen, die man am liebsten selbst kennen würde.

Die Rezepte sind in die Geschichten eingestreut wie Gewürze, das zwingt zur Aufmerksamkeit, um teilhaben zu können an der Verankerung am jeweiligen Ort ihrer Zugehörigkeit. Nur bei der Maremma sind sie überschaubar gelistet, sonst aber gilt es zu klauben. Sich die Anregungen suchen. Denn klassische Rezeptaufbereitung gibt es keine. Orlotto mit Leimkraut. Wähe. Hanklich. Acquacotta. Gelbe Suppe. Entenmuscheln. Cjelsons. Lassen Sie sich ein auf „den Himmel im Mund“!

Lojze Wieser, Der Geschmack Europas.
Ein Journal mit Rezepten. Die ersten Stationen
ca. 300 Seiten, gebunden, Lesebändchen  € 30,00 
ISBN: 978-3-99029-235-8

 

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