Wein-Adventkalender ::20:: Reflexion zwischen Velue und Numen

20.12.2014

Ganz ehrlich: mich hat der Schmetterling immer gestört. Zillinger-Weine waren in fast jedem Bioladen Österreichs zu finden und mit ebendiesem Schmetterling auch sofort erkennbar. Also eh eine funktionierende Marke. Aber halt mit diesem ein bisserl zu „netten“ Auftreten. Dass in den Flaschen sehr ernsthafter Stoff zu finden war, wurde für mich so nicht transportiert. Die Weine aber entwickelten sich mit Johannes Zillinger, der von seinem Vater ein florierendes Bioweingut übernehmen konnte, immer weiter; die Umstellung auf biodynamisch wurde zum logischen Schritt.

Irgendwann gab es dann K2, zum Beispiel im Jahrgang 2010, Grüner Veltliner ein Jahr auf der Vollhefe mit Batonnage ohne Schwefel, spontanvergoren, BSA, unfiltriert abgefüllt, 12,9% – kräftiges Gelb, sehr reife gelbe Früchte. Wäre da nicht diese Würze, könnte man ihn für Chardonnay halten. Ganz ohne Schwere, hohe Extraktwerte. Von Jahrgang 2011, Anfang November gelesen und mit langer Batonnage ausgebaut, habe ich eine für wein.pur Best of Austria geschriebene Kostnotiz: Zurückhaltende Frucht, viel Würze, trockenes Sommergras, Heu; am Gaumen Mirabellen, etwas Orange; weich und cremig, mit kerniger Struktur. Fülle, Würze, Länge: da stimmt einfach alles. 

Es gab 2013  – seit diesem Jahr ist das Weingut Demeter zertifiziert – aber auch schon erste Kostproben der Weine aus der damals in Arbeit befindlichen neuen Linie. Riesling Reflexion 2012: Kommt eher erst nächstes Jahr heraus, habe ich notiert. Auf jeden Fall unfiltriert. Rebsorte undefiniert, noch hefig. Kräftiges gelb. Samtig, mit feiner Säure. Spannung, Lebendigkeit. Leicht gerbstoffig. Kräuter, Stahl.
Und Sauvignon Blanc Reflexion 2012: Vom Kellerberg, in gebrauchten 500er Fässern. 2006 umveredelt auf Sauvignon blanc, Wurzeln 40jährig. Die brauchen im Sandstein lang, bis sie tiefer kommen. Noch trüb. Mineralisch, schön offen! „Eine alte Anlage mitten im Ort, erzählte Johannes Zillinger, die Leute wussten früher schon, wo sie was gesetzt haben!“ 

Unlängst bekam ich den Grünen Veltliner Reflexion 2013 zu kosten; von ältesten Reben am Kellerberg. Da sind auch einige händisch gezupfte Beeren mitvergoren, das gibt dem Wein zusätzlich Spannung. Gute Säure, Grip, anregende Bitternoten, die ich persönlich sehr schätze. Und Weißburgunder Reflexion Hohes Eck 2013, mit etwas mehr Holzeinsatz; 20% der Trauben wurden in Amphoren vergoren (das geschieht nun bei allen Weinen der Reflexion-Linie). Trotz noch deutlicher Malo-Noten ziemlich viel Frische.

Velue – Reflexion – Numen, mit diesen drei Linien manifestiert sich nun das neue Auftreten von Johannes Zillinger. Velue sind die „Basisweine“, sehr präzise und von jener Typizität, wie man sie im Weinviertel eigentlich nur mehr vermisst! Wenn man z.B. ein Glas Veltliner in einem Gasthaus überraschend serviert bekommt, so ist die Freude wirklich groß. Numen stellt die Toplinie dar, dazu habe ich für die ÖGZ ein wenig erzählt. Den Titel habe ich bei Jürgen Schmücking ausgeborgt, der die Numen-Weine bei einer wunderbaren RAW/Orange-Verkostung für das FIBL Tasting Forum vorgestellt hat.

Numen Riesling 2012: klar, duftig, Eibisch, Kräuter, Frische und Schmelz, elegante Säure. „Amphorenprobe“ 2013: salzig, viel Aroma noch, Kräuterzuckerl. „Die Amphoren speichern die Wärme besser, die Gärung findet gleichmäßiger statt“ begründet Johannes Zillinger seine Gefäßwahl. 16 Monate der Selbstfindung sozusagen.
2014 wird es keine solchen Weine geben. Die Ernte hat einfach nicht dafür gereicht.

Hier nun der für die ÖGZ im September 2014 verfasste Text:

Numen est Omen

Webseite neu, Flaschendesign neu, ja und auch Inhalt neu: Biowinzer Johannes Zillinger bewegt sich sichtbar und schmeckbar auf neuen Wegen.

„Velue“, das ist der alte Name der Ortschaft Velm im südöstlichen Weinviertel. Unter velue.at ist aber auch die neue Webseite von Johannes Zillinger zu finden als deutlich sichtbares Zeichen für das neue Kapitel, das im bereits vom Vater zum Muster-Biobetrieb ausgebauten Weingut aufgeschlagen wurde. Anbau: biodynamisch, Kellerarbeit: minimale Eingriffe ins natürliche Geschehen, Ziel: Individualität und Charakter – diese Kurzformel erfasst allerdings die Arbeit des jungen Winzers in ihrer Tiefe und Tragweite nur unzureichend.

Minimalismus als Arbeitskonzept
Griffiger hingegen ist der neue Flaschenauftritt. Die Form ist stark verändert, der Schmetterling als Wiedererkennungssymbol aber flattert, künstlerisch aufgewertet, weiterhin auf den Etiketten. Die Basislinie läuft ebenfalls unter der Bezeichnung „Velue“, Ortsweine sozusagen, im Stahltank spontan vergoren für den unmittelbaren Genuss. In „Reflexion“ kommen Lagencharakter und Jahrgang noch deutlicher zur Geltung, einige Stunden Maischestandzeit verleihen den Weinen Struktur und Gerüst. „Numen“ aber ist die neue Toplinie mit metaphysischem Hintergrund, in der Minimalismus als Arbeitskonzept besonders explizit zum Tragen kommt. 

Kunstwerke der Natur
Das gilt allerdings nur für den Keller, denn solch kontrolliertes Nichtstun bedarf zuvor der Akribie im Weingarten. Johannes hat das Glück, von seinem Vater Hans intakte Weingärten übernommen zu haben: Böden, die seit 30 Jahren keine Herbizide und Pestizide mehr gesehen haben, stattdessen üppiger Kräuterwuchs zwischen den Rebzeilen. Gnadenlose Selektion einzelner perfekter Stöcke, langsames Rebeln der 100% gesunden Trauben; die unverletzten Beeren landen ungequetscht im Bottich und starten unter Folienabschluss spontan eine intrazelluläre Vergärung. Nach 6 Tagen wird der gerbstoffreiche Saft abgepresst und liegt ohne weitere Zutun für 16 Monate im Tank bzw. Fass. Geschwefelt wird nur kurz vor der Füllung, ohne Filtrierung versteht sich.

„Easy-cheesy!“ meint Johannes Zillinger ganz locker. Das Ergebnis dieser „Nicht-Arbeit“: drei rebsortenreine Weine, ausdrucksstark, klar und animierend, perfekte Speisenbeleiter. Grüner Veltliner und Riesling aus dem Stahltank, Fumé blanc aus gebrauchtem 500l Fass. Fumé blanc? „Dieser Wein ist so weit abseits von österreichischem Sauvignon, dass es mir lieber ist, die Leute fragen, bevor sie nach gewohnten Aromen suchen!“ Und fügt ein „Doch ich bin erst auf dem Weg“ hinzu. Jahrgang 2013 liegt derzeit in noch 500er Amphoren!

 

 

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