Fredi Torres: Eine Liebe zum Priorat

07.11.2013

„Ich mag keine Traktoren.“ Dies ist einer der ersten Sätze, die Fredi Torres ganz dezidiert hinwirft; der erste Platz, den wir besuchen, ist auch das Gehege seiner beiden Maultiere und des neuen jungen Esels. „Meine wichtigsten Mitarbeiter“, stellt er sie vor: Morena hat 14 Jahre im Weinberg „Ermita“ bei Alvaro Palacios gearbeitet, der vielleicht berühmtesten (und sicher teuersten) Lage im Priorats; jetzt hilft sie in Fredis Weingärten. „Sie ist erfahren und präzise, wie eine Schweizer Uhr!“ Pepe hingegen ist noch jung, erst 9 Jahre alt, „ein Teenager“ und muss sich erst ans Leben im Weinberg gewöhnen. 

6 Hektar stehen für das Weingut Saó del Coster, Gratallops, in Produktion, 10 sind in Vorbereitung. Alte, dschungelhaft überwachsene Hänge, die in langwieriger Handarbeit gesäubert werden; dabei kommen die uralten Rebstocke, 80jährig und älter, wieder hervor: Cariñena und Garnacha, hier heimisch und das heiße Klima gewohnt. „Wo man jetzt Wald sieht, waren früher überall Weinberge!“ erklärt Fredi, während wir inmitten von eben erst freigeräumten Hängen stehen. 25 Jahre lang waren sie unbearbeitet, selbst die Wege hinauf mussten erst wieder neu angelegt werden inmitten der wild wuchernden Flora des Priorat. Auch die Linien, entlang der die alten Rebstöcke stehen, hat er mit seinen Tieren wieder nachgezeichnet. Viel Arbeit, doch nur so bringt er die alten Stöcke behutsam zu neuem Leben, der wilde Fenchel dazwischen bleibt stehen. Mit dem richtigen Schnitt verschafft er schließlich den Buschreben auch neuen Energieschub.

work in progress

Der zweite Hang mit work in progress gleich daneben sieht ganz anders aus, hier stehen vor allem amerikanischer Hybridreben. Dieses System einer Neuanlage ist wesentlich langwierigerer, aber für Fredi Torres auch ungleich stimmiger: er lässt erst die Unterlagsreben ein Jahr lang für sich wachsen, dadurch wurzeln sie sofort viel tiefer und entwickeln größere Resistenz. Erst im zweiten Jahr erfolgt dann das grafting, das Aufpfropfen der eigentlichen Rebsorte. Alter Carignan aus der Gegend, damit die spezifischen Genome gewahrt bleiben – „Wir werden ohnehin immer ärmer durch die ständige Klonselektion“. Drei Jahre später hat er auf diese Weise seine idealen Stöcke stehen. Und wenn es nicht so lange dauerte, würde er am liebsten seine Rebstöcke aus Samen großziehen.

Kein Menschenkontakt seit 20, 25 Jahren, keine Behandlungen – für Fredi der paradiesische Zustand eines neuen Weinbergs. Auch den Garnacha auf der anderen Seite des neu angelegten Weges hatte er vor einiger Zeit aus seinem Dornröschenschlaf geholt. „Früher, vor 80 oder 100 Jahren, waren die Menschen hier viel klüger, ganz ohne Bildung.“ Und er meint damit die Art und Weise, wie in den Weinbergen gearbeitet wurde. Diese ganzen Terrassenanlagen, die man auf der gegenüberliegenden Seite sieht, oder später beim Vorbeifahren mit Herbiziden behandelte Rebzeilen, die so früh schon welkes Laub haben – nur neue Probleme, konstatiert er.

Gefühl für die Weinberge 

Fredi Torres arbeitet biodynamisch, den Kompost bekommt er aus Lleida, der eigene Mist würde nicht ausreichen. Aber dort gibt es schließlich einen, der hervorragende Qualität liefert. Er selbst braucht kaum Behandlungen, arbeitet mit Kamillentee und Brennessel. „Wir sind viel zu überbeschützend geworden, schaffen uns Komfortzonen für alles“ klagt er an. „Doch wir müssen wieder mehr Gefühl bekommen für unsere Weingärten!“ Und das wichtigste Präparat dabei sei immer noch der Mensch.

Seit 10 Jahren ist der in Galizien geborene und in der Schweiz aufgewachsene Fredi Torres im Priorat, genau seit dem 29.2.2004. Zuvor war er als DJ von 1993 bis 2001 Teil der europäischen Technoszene. Doch er träumte von einer Rückkehr zu einem natürlicheren Leben und von Argentinien; er mochte dieses Land und seine Kultur der Gauchos, dort wollte er eigentlich ein landwirtschaftliches Projekt verwirklichen. Er studierte Weinbau und Önologie in der Schweiz und unternahm zunächst eine Tour durch Europa, um sich überall dort, wo noch nicht gewesen war, den Weinbau anzuschauen. So landete er im Priorat und bei der Erntearbeit in Clos Mogador. Dieses Land war anders, spürte erm nicht die perfekte Schönheit, aber es reizte ihn, er empfand es als mystischen Platz, einen, der jeden Tag ein anderes Bild zeigt. „Wie ein altes Eldorado erschien es mir, ohne Komfort, aber eine wundervolle Welt!“

Eine Liebe zum Priorat 

So entstand diese bis heute andauernde Beziehung, vergleichbar mit der zu einem Menschen: „Erst heftige Liebe, Superlative allenthalben, dann wird es nach und nach ruhiger.“ Doch Fredi Torres ist immer noch „in love“ und versteht mit den Jahren viel besser, warum es für ihn diese Liebe gibt und sie eine so beständige ist. Auch wenn es ökonomisch nicht einfach ist; aber die Vertiefung in der Zeit, und zu sehen, wie seine Projekte langsam Fuß fassen, all das gibt ihm mehr Freude als zu Beginn. „Man braucht klare Ideen, man zahlt auch seinen Preis, opfert sich auf, empfindet das Land als goldenes Gefängnis. Doch ich bekomme so viel zurück!“ 

Wenn man neben ihm auf dem warmen und weichen llicorella*-Boden sitzt, der sich ganz selbstverständlich dem Körper anpasst, und in die Stille schaut, wird auch die Ruhe vorstellbar, die damals herrschte, als die Mönche kamen. „95% dessen, was man hier sieht, war früher mit Reben bepflanzt,“ sagt Fredi, „es war die ärmste Region Catalunyas und doch gleichzeitig eine so reiche!“

Dann kam René Barbier und hat alles umgedreht. „Dieses Revival durch den homo sapiens ist eine einzige Dummheit, mit Riesenterrassen, die das Land an die Maschinen adaptieren, anstatt die Maschinen ans Land anzupassen.“ Außerdem verändern die Terrassen das gesamte Gleichgewicht, es wird mehr Chemie eingesetzt, neue Insekten kommen, ein negativer Kreislauf ist da in Gang gesetzt.

Reinheit des Handwerks

Fredi Torres hingegen nimmt das alles wie ein Erbe an und und sucht es zu beschützen, arbeitet in den Hängen so wie früher üblich. Für die Reben nimmt er, wenn benötigt, Stützpfeiler aus Holz oder Bambus für die Jungpflanzen, um die „Reinheit des Handwerks“ zu pflegen. „Das ist mein vorrangiger Anspruch.“ Das kostet Geld und Zeit, doch es ist für ihn die bessere Arbeit. 2 Wochen Pflügen mit dem Maultier stehen einem Tag mit dem Traktor für dieselbe Fläche gegenüber. Doch in seinen Weinbergen wachsen Mandelbäume und Olivenbäume, die Schatten geben in den Arbeitspausen, und Pfirsichbäumchen für saftiges Vergnügen.

„Ich will hier aber nicht nur Wein machen, sondern das alte autarke System wiederbeleben.“ Deshalb wird das nächste Projekt eine kleine Landwirtschaft sein; den Platz dafür hat sich der Mann mit Tendenzen zum Eremitendasein schon ausgesucht, abgelegen, aber ein guter Platz. Gemüse und Früchte für den lokalen Markt, biodynamisch großgezogen, um die Menschen hier dazu zu bringen, sich der Natur rundum und ihrer selbst anzunehmen. Noch stehen die Salatpflänzchen für den Eigenbedarf auf der Terrasse des mehrstöckigen Kellergebäudes – die einzige Terrassenbewirtschaftung, die Fredi Torres zulässt.

Sein Blick in die Zukunft ist ein positiver, auch wenn er der Gegenwart nicht unbedingt zugetan ist: „In den letzten fünf Jahren gab es auch hier die Tendenz, die Weine frischer und delikater, nicht mehr so laut und mit mehr Subtilität in der Struktur zu vinifizieren. Junge Leute starten neue Projekte, sie haben viel Wissen über die gesamte Weinwelt, das ist fantastisch für diese Weine. Aber eines muss auch klar gesagt werden: wir sind hier im Priorat und nicht in der Burgund. Die lauten Schokolade-Weine, diese Ikonen des Priorats, sind allerdings eine jüngere Tradition; in den 1970ern war noch eine ganz andere Struktur zu finden, man arbeitete mit foudres und vergor mit Stielen; Scala Dei ist da großartiges Beispiel.“ 

Fredi Torres ist auch als Berater für andere tätig, mit zwei Freunden betreibt er zudem ein Projekt im spanischen Norden, in der Ribeira Sacra. Hier findet er ähnliche Voraussetzungen vor wie im Priorat: es ist heiß, die Böden bestehen aus Schiefer und Granit, die Hänge sind steil. Das einzig andere sind der Fluss ... und der Albariño.

*Die Böden des Priorat, neben Rioja die einzige DOCa Region Spaniens mit etwa 1700 ha, sind geprägt von llicorella, Erde aus zersetztem Schiefer und reich an Eisen. Sie speichert Feuchtigkeit und die Wärme der Sonnenstrahlen; in ihr können die Wurzeln der Reben auch rasch in die Tiefe wachsen. Ideale Voraussetzungen für den Metabolismus der Pflanzen; balsamische Noten und intensive Mineralik prägen die Weine.
Verkostungsnotizen folgen.