Ich habe Sie unter Beobachtung! Adi Werner im Gespräch.

03.05.2011
tags: interviews

Adi Werner ist der Monsieur Bordeaux des Arlberg. In einem kurzweiligen, von Geschichten gespickten Gespräch erzählt er über die Anfänge des Weinkultes am Arlberg, über Robert Parker und Château Lac Froid - den Kalterersee.

Aufgezeichnet wurde das Interview, das mehr zu einem langen Monolog wurde, im Frühjahr 2010. Mit dem Satz „Ich habe Sie unter Beobachtung“ kündigt Adi Werner immer eine mögliche Aufnahme in die renommierte Bruderschaft St. Christoph an; die feiert heuer glanzvoll ihr 625jähriges Bestehen. Hier aber Adi Werner im O-Ton:

Wie alles anfing.

Vor 30 Jahren hat, übertrieben gesagt, keiner das Wort Bordeaux schreiben können. Die hab ich alle ein bissl infiziert. Aber das alles gäb‘s nicht, wenn es die Gäste nicht verlangt hätten. „Darf‘s was zum Trinken sein? Was darf‘s sein? Ein Wein? Weiß oder Rot? A Achtele oder a Viertele?“ Das war damals der Brauch, das Verkaufsgepräch beim Abendessen. Doch dann ist der Flick gekommen ist, im Jahr 1965, dann die Burdas, der Herrmann Volkhardt vom Bayrischen Hof, und die haben gesagt „Du Bauernwirtle“ - denn der Schilehrer, Sigi Haueis hieß er, hat dem Flick eingeredet, dass ich ein Bauernwirt bin, „du Bauernwirtle, bring an gscheitern Wein her!“ und haben mir aufgeschrieben: Lafite, Mouton, Latour. Also hab ich je eine Kiste gebracht, und wenn der Sigi Haueis zum Flick gesagt hat „du, der ist a Wahnsinn“, dann hat der gleich 10 Kisten gekauft, und wenn er gesagt hat, der Wein ist nix, dann war‘s eben nichts. Also haben sie angefangen, Lafite und Latour zu trinken, und die anderen Gäste haben gefragt: „Geh was trinkt denn der Flick? Können wir das auch haben?“ Und dann sind sie draufgekommen, dass das besser schmeckt als Château Lac Froid. Und so hat sich das nach und nach gesteigert, und ich dachte mir, dass ich einmal dorthin fahren sollte, wo der Wein herkommt. Das war das erste Mal so im Jahr 1970, also vor 40 Jahren.

Nur mit Smoking.

Damals ist man ja im Bordeaux nirgends hineingekommen. Du bist hingekommen, dann war da die Sekretärin, hat Grüß Gott gesagt, dir einen Prospekt vom Haus gegeben, und dann hast du von einer Flasche, die sicher schon einige Tage offen war, einen Schluck bekommen - dann bist du wieder gegangen. Da hat sich viel verändert inzwischen. Und bei uns hat sich das vor allem geändert, weil Harry Rodenstock hier viele Weindegustationen gemacht hat. Immer am Ende des Sommers kam, er, wir haben das Hotel zur Verfügung gestellt, die Betten und den Service, und er hat die Weine gebracht und immer 50 bis 60 Weinfreunde aus der ganzen Welt eingeladen. Die kamen aus Hongkong, aus Kalifornien, aus Südafrika, aus Deutschland, Österreich und Italien. Es waren immer auch fünf oder sechs Châteaubesitzer dabei. Dadurch habe ich sie kennen gelernt. Und wenn sie zum zweiten oder dritten Mal gekommen sind - wie ich ja immer spaßhalber sage: „Sie stehen unter Beobachtung!“ - dann hab ich zum Hardy Rodenstock gesagt, dass wir sie in die Bruderschaft aufnehmen müssen, die waren ja immer vier Tage da. Schon am Vormittag waren alle im Smoking, keiner durfte ohne kommen, das wäre eine Beleidigung für den Wein gewesen! Diese Verkostungen gingen von 10 bis 13 Uhr, dann gab es ein gutes Mittagessen, von 14 bis 18 Uhr war Ruhepause, und dann ging es wieder los bis zwei Uhr früh. Vier Tage lang. Jeden Tag wurden an die 40 Weine probiert. Auch der Herr Parker war drei Mal da.

Warum Robert Parker gut ist.

Der hat allerdings nie gesprochen. Außer beim Verkosten der je 10 oder 12 Weine. Er hat jedes Glas nummeriert, wollte auch nie wissen, wo die einzelnen Weine stehen, sondern nur blind verkosten und dann kommentieren. Erst hat er jedes Glas durchgerochen, aufgeschrieben, probiert und gespuckt - was ich nicht tue, wenn es ein guter Wein ist, aber Robertt Parker spuckt alles aus. Und dann schrieb er wieder, stand irgendwann auf und sagte auf Englisch: „Also im ersten Glas, selten, dass ich einen besseren Margaux getrunken habe, das ist eine wirklich gute Flasche.“ Er sagte nicht „it should be, it could be“, sondern hat einfach gesagt, was es ist. Auf jedem Tisch lag ein geschlossenes Kuvert mit der Auflösung. Kaum war er durch, haben alle am Tisch das Kuvert aufgerissen, um zu schauen, ob das alles so stimmt. Er hat das zwei Mal einfach so runter geradelt, als ob es die einfachste Sache der Welt wäre. Seither weiß ich, dass es keinen Weindegustator gibt, der ihm nur den kleinen Finger reichen könnte. Alle anderen sind nur so gut wie Sie und ich. Einmal habe ich ihn gefragt: „What could I do to improve my winetasting?“ „It‘s very easy“, sagte er drauf, „You try the wine - if you like it, it‘s a good wine, if you dont‘t, it‘s not a good wine!“ Wenn sie herausfinden, was Ihnen schmeckt, sind Sie eine gute Weintasterin, Sie müssen für sich selbst kosten und nicht für andere. Jeder hat einen anderen Geschmack. Robert Parker hat auch erzählt, wie er mit diesen Weindegustationen begonnen hat. Er war eingeladen und stellte, als er später wieder anderswo eingeladen war, fest: „Diesen Wein habe ich vor 2 Monaten schon getrunken, das ist der und der Wein“, und die anderen Gäste sagten „das gibt es ja nicht, wieso sollen Sie das wissen, was sie da getrunken haben?“. Aber er hat es ein paarmal ausprobiert und festgestellt, dass er ein unglaubliches Weingedächtnis hat. Also hat er seine Juristerei im Jahr 1978 an den Nagel gehängt, ist nach Frankreich gefahren, hat etwas Geld von den Eltern bekommen und sich dort gegen Bezahlung einladen lassen bei Weindegustationen. Und wieder hatte er Bestätigung für seinen Geschmackssinn. Also fuhr er nach Bordeaux und wollte dort in den Châteaux Wein kosten. Doch die haben ihn meist nicht eingelassen; also hat er sich die Weine in einem Comptoir gekauft und dann darüber geschrieben, diese Texte an seine Bekannten in England und New York geschickt.
Die Kunst ist ja nicht, einen reifen Wein zu probieren - die Kunst ist, einen Wein aus dem Fass zu probieren. Von einem Wein, der im Oktober vergoren wurde, im Jänner zu sagen, wie er sich in 10 Jahren entwickelt, das ist die Kunst. Das können die wenigsten. Das lässt sich nachlesen, seine Weindegustationsnotizen so im Jahr 1980, die sind alle mit 95% eingetroffen. Und heute bewegt Parker hunderte Millionen Euros. Wenn zum Beispiel der Mouton mit 200 - 250 € herauskommt und der Wein am Freitag 100 Punkte bekommt, dann kostet die Flasche am Montag 500 €. Wenn der Mouton das Pech hat und der Herr Parker gibt statt der 100 nur 85, 87 Punkte, dann bekommen sie ihn nicht um 250 €, sondern um 150 €.

Die Macht der Parker-Punkte.

Das beste Beispiel, Sie kennen ihn ja sicher, ist Pichon Longueville Comtesse de Lalande. 1990 war ein großartiges Jahr, und was hat der Wein für Punkte? derzeit 79, das heißt untrinkbar. Der Herr Parker hat dem Wein im Jahr 91 78 Punkte gegeben, und die Besitzerin, die Mme Eliane de Lencquesaing hat ihn verklagt, ist durch alle Gerichte gegangen wegen Geschäftsschädigung und hat in jeder Stufe verloren; der oberste Gerichtshof hat festgestellt, dass in Frankreich freie Meinungsäußerung herrscht. Er hat ja nicht geschrieben, der Wein sei untrinkbar, aber mit 78 Punkten .... jeder weiß, einen Wein mit 88, 89 Punkten kauft man schon nicht gern, er muss mindestens 90 Punkte haben. Als Mme alle Prozesse verloren hat, hat er den Wein neu beurteilt und ist statt auf 78 auf 79 Punkte gekommen. Wann‘s heut an 90er probieren, ist der genauso beschissen wie damals. Pichon Baron, der Nachbar gegenüber, hat im Jahre 90 einen herrlichen Wein gemacht; im Jahr 2006 war wieder dasselbe - 2005 ist der Pichon Lalande nix geworden mit 88 Punkten, und Pichon Baron hat 95 oder 96 gehabt. Da hat Mme das einzig richtige gemacht und den Kellermeister rausgeschmissen, der ihr ja schon mindestens einmal 15 Millionen Euro gekostet hat. Bei Lafite war ja dasselbe, der alte Élie Rothschild ist nicht und nicht abakräult von seinem Kellermeister, der hat einen schlechten Wein nach dem anderen gemacht. Bis er ihn dann endlich, nach 3 oder 4 Jahren, rausgeschmissen hat. Während der Nachbar gegenüber, der Mouton, einen Rekordwein nach dem anderen gemacht hat. Heute ist es wieder umgekehrt, heute hat wieder Lafite die besseren Weine. Das gegenseitige qualitative Hinauflizitieren ist ja gut. Damit passiert wirklich was.

Die Liebe zu den Großflaschen.

Und dann ist es losgegangen, natürlich durch die Bekanntschaft mit den Weingütern, die haben ja, wenn sie da waren, nix bezahlt, vier Tage nur des Beste vom Besten serviert bekommen, beim Wein nur das Beste vom Besten getrunken, da haben sie dann, wenn ich ein paar Tage im Bordeaux bin, ein bissl das Gefühl gehabt, dass sich mich auch ein bissl verwöhnen, und so haben sich halt die Türen und Tore geöffnet. Und dann war ja meine Liebe zu den Großflaschen. Ich hab ja in einem Buch gelesen, dass der Kellermeister der Zaren im Jahre 1830 auf die Idee gekommen ist - nicht aus qualitativen Gründen, sondern aus Transportgründen - den Wein in Großflaschen abzufüllen, statt dass er die Fässer importiert hätt, weil die sind zunächst in Segelbooten und dann in den Dampfschiffen viel besser drin gelegen. Denn wenn sie so unförmige Fässer importiert haben, hat erstens nur die Hälfte Platz gehabt, und zweitens, wenn sich die Fässer bei hoher See losgezurrt haben, sie sind im Kanal zwischen Bordeaux und England gesegelt bis nach Petersburg, dann war das Schiff in Seenot. Das waren die Bedingungen für den Transport, und so sind sie nach Jahren draufgekommen, dass sich der Wein in den Großflaschen länger hält, viel besser entwickelt und viel samtener und ruhiger wird. Denn der Wein hat ein organisches Leben, und ein organisches Leben braucht Sauerstoff. Davon hat er in den großen Flaschen, in denen 24 Normalflaschen Platz haben, im Verhältnis zu 24 Einzelflaschen - na ungefähr ein Fünftel oder Sechstel, da fährt der auf großer Sparflamme und entwickelt sich ganz langsam und hält lang. Wenn Sie heute sagen wir einen 1998 St. Emilion vom selben Weingut in einer halben und einer ganzen und einer Magnumflasche trinken, dann ist die halbe Flasche mmmh duftig, ja schmeckt der Wein guat, und die ganze Flasche ist na ja, und die Magnumflasche schmeckt überhaupt nicht. In 10 Jahren ist die halbe Flasche schon voll weg, die normale in voller Blüte und die Magnum beginnt sich zu öffnen.

Vinexpo und die Flaschengröße.

Ich war bei einer Vinexpo, die war ja früher alle 4 Jahre für Winzer und Weinbauern, die teuersten Geräte und Weinbottiche und Kunstdünger und was man so für die Vergärung braucht; heute ist es eine reine Weinmesse geworden für Weine aus der ganzen Welt. Ich bin da durch diese 2 Kilometer lange Halle gegangen, das saß einer hinter einem Pult mit allen Flaschen, die er erzeugt. Ich bin zu ihm hin, hab ihn begrüßt, da war die Imperial mit 6 Litern, und ich hab ihn gefragt, ob er auch etwas Größeres macht. Er, typisch französisch, antwortet „comme vous voulez“. „Ok“, hab ich gesagt, „ich möcht gern doppelt so groß und dreimal so groß“, das sind die drei Größen, das hab ich in einem Buch gelesen. „Balthazar, Nebukadnezar und Melchior“, sagt er, aber ich müsse vorher zahlen. Da hab ich mein Scheckbuch herausgezogen, doch er sagt „pas d‘cheque, pas d‘cheque“. Ich nehme aber den Scheck heraus und sage: „Tragen Sie ihn zur Bank, und wenn die Bank den honoriert, haben Sie das Geld“, er sagt „ok“. Nach 2 Monaten hat er angerufen, er habe jetzt ein Minimum von 12 Flaschen von jeder Sorte, die seien fertig, und so und so viel sei noch zu zahlen, und ich hab ihm gesagt wo er die Flaschen hinbringen soll. Dann hab ich meinen Freund Henri Debosque von Haut Marbuzet angerufen, den ich da schon kannte, ob er bitte die Flaschen holen und bei sich aufbewahren könne. Und dann, im Jahr 1982 - aber da muss ich noch eine Geschichte erzählen!

Die Entdeckung von Haut Marbuzet.

Ich war mit Helmut Romé und mit Peter Morandell im Jahr 1980 eine Woche im Bordeaux, um kleine Weingüter zu suchen mit erstklassigen Weinen. Erst waren wir bei Prieure Lichine, bei dem alten Weißrussen, dessen Vater noch vor dem ersten Weltkrieg mit viel Geld nach Frankreich gekommen ist. Er hat drei Châteaux gekauft und war sehr erfolgreich. Der Sohn war drei Mal verheiratet, na und nach jeder Scheidung ist ein Château draufgegangen, zum Schluss hatte er nur mehr Prieure Lichine. Professor Lichine hat nur mehr das Wohnrecht gehabt und den Kellerschlüssel, mehr nimmer von seinem ganzen Vermögen, und bei dem waren wir, weil der hat so schöne Gschichtln erzählt, die natürlich den Romé sehr interessiert haben. Da saßen wir an einem Sonntagnachmittag, es hat so geschüttet, und irgendwann so um 5 oder 6 ist er ein bissl müde geworden, der ältere Herr und hat überlegt, wo wir hin essen gehen sollen. Am Sonntag ist es schwer, da haben die meisten Restaurants zu rund um Bordeaux. Aber er kennt eines, das eines Katalanen, das hat außerdem eine sehr schöne Weinkarte. Wir sind im strömenden Regen hingefahren, der Patron saß drin mit seinen Mitarbeitern im Restaurant und hat gegessen. Es war halb sieben, und er hat immer gedeutet „7 Uhr“, und wir haben gedeutet „Regen“; schlussendlich ist er mürrisch aufgestanden und hat uns hinein gelassen und gesagt, dass es erst um 7 Uhr essen gibt. Wir haben uns inzwischen hinter der wunderschönen Weinkarte versteckt, und dann kam er und hat uns gefragt, was uns interessiert. Wir haben eine schöne Gänseleber bestellt und einen Château Yquem dazu, das hat ihn dann interessiert, und dann haben wir andere gute Weine bestellt. Und er kam und fragte, warum wir solche Weine trinken. Da sagten wir, dass wir gekommen sind, um neue Weine zu finden. „Einen Moment“, sagte er, und kam wieder mit einer Flasche zum Probieren. Der Romé hat das Glas in der Hand, „mmh, das ist ein Grand Vin“ und hat alle Châteaux heruntergebetet, die er kennt, und der Wirt hat immer gesagt, nein, neinein, und schlussendlich hat er es enthüllt, es war ein Haut Marbuzet 1966, der war da 14 Jahre alt und herrlich. Ob er mit uns am nächsten Tag hinfahren kann? Nein, da hat er keine Zeit, auch am Dienstag nicht, ja und am Mittwoch sind wir wieder gekommen, so um elf, haben wieder Gänseleber bestellt und Yquem, damit er sich nicht eines Besseren besinnt, und dann ist er mit uns in dieses Haut Marbuzet gefahren, da wurden wir nett empfangen, durften den 1978er probieren.

Der wurde damals grad prämiiert als der beste Cru bourgeois superieur. Wir waren alle drei so beeindruckt, dass ich gesagt hab „Du Peter, da kaufen wir jeder 50 Kisten“, „ja nehmen wir sofort“, sagt er, „cinquante caisses“, da hat der herr furchtbar zu lachen begonnen. Ja warum er so lacht? fragen wir. Wir dürfen nicht glauben, dass man den Wein da einfach so kaufen kann! - Ja wieso?  Ja der ist doch schon lang verkauft! Ok, dann haben wir den 79er probiert, der war auch nett, aber hat uns zum 78er lang nicht so geschmeckt. Weißt was, sagt der Peter Morandell, da kaufen wir uns trotzdem jeder 50 Kisten, damit wir den in Zukunft vielleicht wieder kriegen. Sagt der doch „non, c‘est tout vendé“, also haben wir gesagt, dann den 80er, der noch nicht mal geboren ist!

1982

Nein, hat er gesagt, dann hat er doch etwas Interesse an uns bekommen, ist mit einer älteren Flasche wieder gekommen und anderen Weinen. Um zwei oder drei waren wir hingekommen, dann wurde es sechs oder acht, und er hat ein gutes Essen kommen lassen, und auf einmal war es zehn oder zwölf, und wir alle haben schon einen mords Dampf gehabt, weil er immer wieder einen neuen Wein gebracht hat. Am Ende haben wir gefragt, ob wir denn überhaupt einen Wein kaufen können, und in seinem Dulli hat er gesagt „in zwei Jahren“, also 1982. Ok, hab ich gesagt, „un moment“, bin rübergegangen zu seinem Telefon, da war so ein Notizblick. Da hab ich eine Seite herausgerissen und draufgeschrieben „50 caisses hospiz, 20 caisses Morandell 1982 Haut Marbuzet“. Da sagt er, er hat noch keinen Preis, ich drauf „den werden wir schon finden, er soll das unterschreiben“. Wir waren alle etwas angetrunken, er hat noch eine Kopie davon gemacht für jeden, und dann sind wir heim.
Und siehe da, 1982 war der beste Wein, den er je gemacht hat. Dem hat sogar der Parker, obwohl er das sonst nicht macht bei einem cru bourgeois, 95 Punkte gegeben. Inzwischen sind wir gute Freunde geworden. Im Jahr 1983 ruft mich Henri auf einmal an: „Du ich hab eine Bitte, kannst du mir nicht von deinem Kontingent von diesen 50 Kisten 10 Kisten zurück verkaufen, ich zahl dir das Doppelte!“. Nein, sag ich, und er „ich brauch den Wein“; sag ich „du kannst den Wein zum gleichen Preis haben“. „Nein, ich zahl dir das Doppelte, ich hab zu viel verkauft!“ Da sag ich „brauchst den Wein, ja oder nein?“ - „ja natürlich brauch ich ihn“, und so haben wir uns schlussendlich auf denselben Preis geeinigt, den ich damals gezahlt habe, und dann wurden wir die besten Freunde.

Großflaschen-Fieber.

So und er war dann der erste dem ich gesagt hab, Henri, kannst mir nicht 6 Großflaschen abfüllen? Er ruft mich einen Tag später an und sagt, dass er noch die Korken braucht. Aber der Korklieferant hat keine, weil ihm das Stanzgerät fehlt, und er kauft keines, weil das 12.500 nouveau franc kostet. Das waren im Jahr 1983 immerhin 25.000 Schilling. Was blieb mir übrig, ich hab das blöde Stanzgerät kaufen müssen, das die ersten 6 Korke gemacht hat, da hat jeder Kork 4000 Schilling gekostet; ich mein theoretisch, inzwischen haben sie xTausende herausgestanzt, aber damals war das so. Und so hatte ich diese 6 Flaschen, die hab ich unten in der Kapelle an die Wand gehängt, da hatte ich die Alm noch nicht. Und es fanden diese Rodenstock-Verkostungen statt, da sind natürlich die anderen Châteaubesitzer gekommen und haben gesagt „ah c‘est jolie, c‘est grand!“, und so hab ich einen nach dem anderen dazu gebracht, dass er mir auch sechs abfüllt. Das ist dann gestiegen; wenn ich nach Bordeaux gefahren bin - ich fahre jedes Jahr zwei Mal, Ende Mai und Anfang September - habe ich jedes Mal neue Güter davon überzeugt. Jetzt habe ich so ungefähr 25 bekannte Châteaux, die mir den Wein abfüllen, in 6 Litern, die beste Größe ist 12, und die 15er; die 18 Liter ist schon wieder ein bissl schwieriger, aber 12 und 15 sind eigentlich die besten Größen. Inzwischen haben wir 2750 solche Flaschen. Alle sagen, du bist ein Wahnsinniger, und natürlich täte ich das aus Angeberei! Aber ich tu‘s, weil ich glaube, dass das eine gute Investition ist, und außerdem hat das niemand, diesen Weinkeller auf der Alm, und der ist die Attraktion; 70% der Gäste, die wir haben, kommen wegen des Weinkellers. Außerdem haben wir sehr vernünftige Weinpreise. Es gibt kein Hotel und kein Restaurant in ganz Österreich, das nur die Hälte an Bordeaux-Weinen verkauft wie wir. Bei uns ist einfach seit 40 Jahren Bordeau Bordeaux Bordeaux.

Bordeaux, die Österreicher und der Schwefel.

Inzwischen hab ich natürlich alle unsere Sommeliers mindestens zwei oder drei Mal mitgenommen ins Bordeaux, und wenn man einmal so ein Château, auch wenn es ein kleines ist, einmal gesehen hat, dann hat man eine Beziehung dazu und kann es besser empfehlen und verkaufen. Natürlich gehen am besten Doppelmagnums und Imperials, Magnums sowieso, aber die Doppelmagnum ist eigentlich eine Ware, wo wir so 600 Stück im Winter verkaufen, wenn so 6 oder 8 Leut beinander sind, nehmen sie so eine Doppelmagnum. Wenn sie die zuerst im Keller sehen, dann fragen sie auch, ob man die bestellen kann, und dann suchen sie den Wein selbst aus, der wird raufgetragen und serviert. Viele meiner Kollegen hier sagen, du mit deinen Bordeaux, das trinkt ja keiner! Sie haben sie auf auf der Karte, und sie gehen nicht. Ich weiß genau warum, weil sie viel zu teuer kalkulieren. Aber bei den Österreichern hätten sie auch den Aufschlag, und die verkaufen sich!
Also Österreichische Rotweine sind hervorragend, sie haben nur einen großen Fehler, die werden viel zu jung getrunken. Auch ein guter österreichischer Rotwein muss mindestens 8 bis 10 Jahre alt werden, dass er gut ist. Jetzt fangen wir an, die österreichischen Rotweine zu trinken aus dem Jahr 2000, die sind herrlich. Vor zwei Jahren war ich in Linz eingeladen bei einem 60. Geburtstag, da waren so an die 400 Gäste. Es gab einen Burgenländer, der war zwei Jahre alt; wie ich nur die Jahreszahl gesehen hab, hatte ich schon Kopfweh! Wir können keinen Rotwein machen ohne Schwefel, der kommt dazu, wen gerebelt wird und die Beeren auf dem Band dahin laufen, damit nichts oxidiert, da gibt‘s einen Schwefelnebel drüber. Es gibt keinen Wein ohne Schwefel, ja auch so früh, sonst oxidiert er. Ja das müssen alle machen, im Fassl drinnen nützt er Ihnen nix mehr, den musst du dazu geben im Moment wo die Beeren zu bluten anfangen, platzen, denn in dem Moment fängt die Oxidation an, wenn Sie nicht den Nebel hinzu tun; ich hab mir das ja x-mal angeschaut.

Alter Wein.

Wenn man mit einem Burgenländer redest, sagt der, warum soll ich den Wein aufbehalten, die Leute kaufen ihn auch so! Aber zurück zum großen Fest: da kam dann der Herr Restaurantdirektor - ich hab nur Weißwein getrunken, mit Mineralwasser gespritzt, und er fragt „Schmeckt Ihnen unser Rotwein nicht“, da sag ich „es kann schon sein, dass er gut ist, aber ich krieg von jungen Rotweinen wegen des Schwefels, der später flüchtet, Kopfweh, warum sollte ich das trinken?“. Und da kam er mit einer Flasche vom selben Weinbauern, die war 8 oder 9 Jahre älter, na war der gut! Und auf einmal hat der ganze Tisch gefragt, was ich da trinke; vom selben Weinbauern, sag ich - nein du trinkst schon was anderes! Der einzige Unterschied ist der Jahrgang, sag ich, und da haben sie natürlich nur mehr den getrunken, und wir waren um zwei Uhr in der Früh die letzten, die noch gesessen sind, in einer zweiten Reihe Sessel um uns, und alle haben den alten Wein getrunken, weil es den Gottseidank gegeben hat.
Solange die Österreicher das nicht ändern, wird der Rotwein der Österreicher im Westen viel schwieriger zu verkaufen sein als im Osten. Erstens muss der Weinbauer so wie in Frankreich den Wein auf Barrique legen zwei Jahre, dann soll er noch einmal ein Jahr in der Flasche sein, das sind 3 Jahre, dann sollte ihn der Großhändler noch 1 Jahr haben, das sind 4 Jahre, und dann soll er zum Wirt kommen und der Wirt soll ihn noch 4 Jahre behalten, dann ist er 8 Jahre alt, dann kann man ihn verkaufen. Denn es ist sonst schad, der Rotwein wird weit unter seinem Wert geschlagen.

Warum Bordeaux besser ist.

Warum verlangen viele nach einem Bordeaux oder einem alten Italiener oder Spanier? Weil der ausgereift ist! Für mich ist immer noch der beste Rotwein der Welt im Bordeaux; die haben 200jährige Erfahrung, die guten Lagen und einfach aus das Geld und kriegen den Preis dafür; sie können investieren, denn der Wein wird im Garten gemacht und nicht im Keller. Wenn man schaut, was das für ein Aufwand ist, alle Monate durch den Weingarten zu gehen; wenn sie einen Hektar nehmen, alle 3 Meter steht eine Zeile und die ist hundert Meter lang, 30 Stöcke in einer Reihe, und hundert Meter breit, das sind 1000 Stöcke, das ist jetzt ein Hektar, 100 Hektar sind 100.000 Stück, bei 250 ha sind das 250.000 Stöcke, die Sie besuchen müssen, schneide, das kostet so viel Geld - aber es zahlt sich aus. Wissen Sie, wieviel Weingüter es in Bordeaux gibt, in der Region? 10.500! Und davon leben 500 und 10.000 darben. Seit 10 Jahren gibt es jetzt ein Programm von Brüssel, da haben sei 500€ bekommen für jeden, der einen Weinstock rausreißt.

Kalterersee.

Wir machen auch viele Weindegustationen, für maximal 24 Leute, also 22 und ich und der Sommelier; es werden 9 Jahrgänge verkostet, drei mal drei, blind, mit einem Spiel, und der Sieger wird im Bordeaux von dem Weingut zu einer Nächtigung mit einer schönen Weindegustation und einem schönen Abendessen eingeladen; komischerweise werden 50% nie eingelöst. Aber die Leut sind halt draufgekommen, dass ein guter Wein besser schmeckt als ein schlechter Wein, ein Massenwein. Ich mein, der Kalterersee war ja vor dem Krieg ein hervorragender Wein, dann war zu wenig da und sie haben das Weingesetz geändert. Erst mussten 80% Kalterer sein, dann 50 und zum Schluss nur mehr ein Drittel Kalterer, das hat den Wein so ruiniert. Dann haben sie das wieder geändert, jetzt müssen 100% Kalterer sein, jetzt ist er wieder gut. So ein netter Tischwein, wenn man zum Törggelen runter fährt, zur Speckjause und dazu ein guter Wein. Wenn Sie in Südtirol sind, das ist mir schon oft passiert, einen guten Wein trinken, einen Magdalener oder einen Kalterer und sagen, jetzt nehm ich mir ein paar Flaschen mit - und diese Schlitzohren geben dir was ganz anderes mit. Ich hab ein Messer mitgehabt und den Karton aufgemacht und wir haben genau den Wein gegenprobiert, der hat ganz anders geschmeckt. Da hab ich den Chef rufen lassen „jetzt haben wir den Wein probiert, den Sie uns mitgegeben haben, das ist ja ein ganz anderer Wein“ - „So ein Depp“ hat der dann gesagt, „jetzt hat er euch den falschen Wein gegeben!“ Bei genau demselben Etikett behalten sie sich den Guten selber und den von den jungen Reben verkaufen sie. Seitdem kauf ich nie mehr einen Südtiroler Wein, das macht unser Sommelier. Ich kauf nur mehr Bordeaux Bordeaux Bordeaux, und der muss gut sein. Da musst du ununterbrochen schauen, wie sind die Preise, wie sind die Degustationsnotizen; ununterbrochen schauen, was macht der Parker, wie beurteilt er?

Die Parker-Realität.

Parker ist das Um und Auf! Wonach sollte ich sonst einkaufen? Die ganze Welt kauft nach Parker. Parker macht nur Bordeaux und ein bissl Italien, alles andere machen seine Eleven. Das ist nicht mehr Parker, aber Bordeaux macht er immer noch selber. Wenn er dort ist Ende Jänner, dann knien die von den Châteaux, dass der Heiland vorbeikommen und einkehren wird. In den ersten 5 Jahren haben sie gesagt „c‘est un idiot de l‘amerique! Den schmeissen wir raus, wenn er kommt“. Und heute betteln sie, dass er kommt, denn wenn man in seine Notizen aufgenommen wird, hat man schon das Geschäft gemacht. Und wenn man nicht beim Parker dabei ist, tut man sich schwer. Er ist unglaublich, so wie halt der Karajan der jede Oper auswendig dirigiert hat.

Kein schlampertes Verhältnis

In der Hotelfachschule in Lausanne, da hab ich meine Frau kennengelernt, die war dort auch Schülerin. Sie hat gut Tennisspielen können; ich wusste ja nicht, dass sie einen Betrieb hat. Wir haben nie darüber gesprochen, sondern uns übers Schifahren und übers Tennisspielen unterhalten. Irgendwann - sie war aus Feldkirch - haben wir gesagt zu einem Freund „jetzt fahren wir noch Mittagessen“, und da sind wir hierher gefahren und sie hat gesagt, dass das Haus dem Vater gehört. So hab ich auch den Herrn Vater kennen gelernt. Ich war damals in San Francisco Assistent Manager, so hat das geheissen, hab den halben Lohn gehabt von einem Kellner, aber einen Titel! Und ich hab den Herrn Ganahl gefragt, ob das Fräulein Tochter auch in San Francisco ein Praktikum machen könnte, und der Herr Ganahl hat gemeint „ja“. Also bin ich wieder nach San Francisco gegangen im Oktober, und dann bekomm ich im Jänner 62 einen Brief, wo der Herr Ganahl schreibt, dass er seine Meinung revidieren muss; er fände es nicht gut, wenn seine Tochter nach San Francisco ginge. Aber es hat gerade ein Direktor gekündigt, und er hat das Haus ja für eines seiner Kinder gebaut, und da die Gerda gerade ihre Ausbildung macht, wäre es die richtige Aufgabe für uns, das Hotel zu führen. Ich bin ein paar Wochen später herüber geflogen und hab mich länger unterhalten mit dem Herrn Ganahl. Es hat mir natürlich schon auch gefallen, so ein neues Haus, das war damals ganz neu, und die Aufgabe und die Selbständigkeit, und da hat er gleich gesagt „Aber im Land Tirol kann man nicht in einem schlamperten Verhältnis leben, da müsst ihr euch schon überlegen, ob ihr nicht heiratet“, und da haben wir geheiratet und seitdem sind wir da.


Ich danke Adi Werner für dieses Gespräch, das eigentlich noch viel länger war als hier festgehalten. Ein paar Abschweifungen wurden weggelassen.
Angelika Deutsch 

 

Kommentare  

# Jürgen Steinke 2016-06-30 11:47
Wenn das stimmt, was der Adi erzählt, dann hat Parker gelogen. Er behauptet nämlich, nur bei einer Rodenstock-Prob e im Jahr 1985 dabei gewesen zu sein.
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# Walter Müller 2011-06-11 10:41
Bruder ADI ist der Größte!
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# Romirer Arnulf 2011-05-04 10:41
Das ist der Adi so wie wir ihn kennen!!Gratuli ere zu diesem Artikel.lg bis bald am Arlberg!
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