Der relative Charme von Weinbeschreibungen

27.02.2011
tags: salon

Die fröhliche Runde, die sich in der Hoffnung auf Weinerkenntnisgewinn an meinem Tisch versammelt hat, ist bunt zusammengewürfelt: eine Physiotherapeutin, ein Krankenpfleger, eine Steuerberaterassistentin, eine Kurhaus-Küchenleiterin, ein Grundwehrdienstleister, eine Diätologin, ein Koch. Und ein ehemaliger Schulkollege, dessen Lust, ein bisschen mehr hinter den Wein zu blicken, gerade erst entzündet wurde. Eine wohltuende Stimmung von Unvoreingenommenheit und Neugier, niemand trägt auch nur annähernd wichtigtuerisches Weinwissen mit sich, die wenigen beruflichen Berührungspunkte blitzen nur in sporadischen Einwürfen und Fragen auf.

Dafür zeugen überraschend eingeworfene Details zur Geographie von Weinbergslagen von der Weitgereistheit der Anwesenden: als ich den Chardonnay 2006 von Zens, der aufgrund seiner Reife auf wohlwollenden Anklang stieß, mit „Kessellage im Weinviertel“ kommentierte, schoss mir prompt ein „Mailberg Valley?“ entgegen. Und auf die allgemeine Verwunderung ob solcher Zielgenauigkeit kam ein lakonisches „na ned weit von Wulzeshofen“ hintennach. Oder die junge Therapeutin, die bei meinen Erläuterungen zum Johann-Schinken aus Trautmannsdorf, den es zwischen Weiß und Rot als Kraftnahrung gab, gleich die Schweine identifizieren konnte: „die neben dem Styrassic Park, nicht wahr?“ Weil eine Südburgenländerin mit ihrem Kind eben einmal im Jahr dorthin fahren muss und dann unweigerlich an den freilaufenden Schweinen vorbeikommt.

Das Erheiterndste aber waren die Assoziationen zu den Weinaromen, ungetrübt von jeglicher Verkostungsnotizenroutine in Weinmagazinen. „Schokobanane“ zum leichten und doch nasenüppigen Gemischten Satz der Weingärtnerei Aichinger traf ja noch herkömmliche Schemata, aber als ich dann einen Roten Veltliner von Stefan Bauer auftischte, war das spontane „wie Erbrochenes“ doch eine überaus befremdliche Assoziation. Und machte überdeutlich, dass alltägliches berufliches Umfeld einfach so in allen Zellen festsitzen kann, dass es auch beim Weinriechen Einfluss nimmt. Eine andere Meldung zu diesem Wein war „frische Semmeln“ - beide Geruchsvorstellungen gehen nur mit sehr viel Phantasie zusammen. Und dann zum Highlight des Abends, Dido rot 2008 von Sara Pérez, der aus dem Bauch kommenden Kommentar „Kinderwindeln“. Das saß und schlug „Pferd“ wie „Stall“ bei weitem an Eindruckskraft. Dem Wein nahm dies aber nichts von seinem für die meisten befremdlichen, aber nichtsdestotrotz überzeugenden Auftreten. Was im übrigen auch für den Roten Veltliner galt, Stefan Bauer muss sich also keine Sorgen über die Anziehungskraft seines Weines machen.

Reizender side effect des Abends: ein Glas flaumiger wie würziger hausgemachter Leberstreichwurst, als Gastgeschenk mitgebracht.