Gipslöcher, Gormley, Grün: Sommerlech.

05.09.2010

Als ich vor Jahren das erste Mal nach Lech kam, war Sommer, ich war einem kleinen Schweizer Wanderzirkus gefolgt, der hier seinen Höhenpremiere hatte. Nur wenige Italiener flanierten damals durch das etwas verwaist wirkende Dorf, es gab wohl einigen Durchzugsverkehr, doch beileibe nichts von dem, was mir aus den Luxus- und Jet Set-umwölkten Wintern zu Ohren gedrungen war.

Vielleicht gefiel es mir deshalb so und schien mir einer der schönsten Plätze der Welt zu sein. Heute weiß ich: es ist die Kraft und Ruhe der Berge, die mich so faszinierte, und inzwischen ist mir kein Sommer ein solcher, wenn ich nicht zumindest einmal in Lech gewesen bin.

Dabei gab schon einmal andere Zeiten, erzählt Erna Rein vom Haus Valbella: die Franzosen scheinen von ihren Besatzerjahren in Lech nachhaltig beeindruckt gewesen zu sein und kamen danach Sommer für Sommer; auch die Engländer wurden zu treuen Gästen. Was für ein lebendiges Dorf sei Lech damals gewesen! Eine engagierte Kindergärtnerin brachte ihren Schützlingen gar ein paar der wichtigsten Sätze auf Englisch und Französisch bei, die Herrschaften aus dem Ausland waren freilich oft verwundert, dass nach einer ersten artigen Konversation der Gespräch gleich wieder stockte. Doch war es das unbeständige Wetter auf dieser Höhe oder der Aufschwung in anderen Urlaubsregionen, die sich dem Massentourismus öffneten - nach und nach minimierten sich die treue Anhängerschaft eines Bergsommers in Lech.

Mittlerweile sind die Sommer hier wieder lebendiger geworden, und wer die Kunst des Gehens pflegt, kann sich hier reichlich ergehen - Wettergarantien gibt‘s freilich nach wie vor keine. Doch Raum und Zeit - von beidem kann man hier reichlich haben, wenn man‘s zulässt. Einer meiner Lieblingswege ist hinauf zu den Gipslöchern,    markante, bizarre Formationen inmitten der Almböden, Reste eines Urmeeres; über 1000 Dolinen aller Größen ergeben eine geologische und landschaftliche Besonderheit. Das weiche Gipsgestein mögen die Murmeltiere für ihre Höhlen, und die Vielfalt an Blumen, Kräuter und anderer Flora ist etwas für den aufmerksamen Blick. Hier herauf kommt auch Thorsten Probost, Küchenchef des Burg Vital, wenn er wilde Kräuter für seine viel gepriesene Kräuterküche sammelt: Mutterkraut, grüner Kümmel, Guter Heinrich, Silberkraut, Schafgarbe, Leimkraut.

Zwischen unteren und oberen Gipslöchern liegt die Kriegeralpe, sie gehört zum Burg Hotel von Familie Lucian. Im Sommer ist auch hier alles anders, ungleich geruhsamer, es gibt frische Buttermilch, dazu Butterbrot mit Bergschnittlauch als erfrischende Jause (aber natürlich auch Bergkäse, hausgemachten Frischkäse, Almsalat oder Kasnüdele). Die Hütte liegt auf genau 2000 m Seehöhe, gleich unterhalb der Nordflanke des Kriegerhorns.

Dort hinauf, zumindest an seine steilen Abhänge, zieht‘s mich neuerdings, und zwar exakt auf 2039 m: dort stehen seit diesem Sommer einige der Gormley-Figuren, die im Rahmen des Projektes „Horizon Field“ das Gebiet zwischen Bregenzerwald und Lech bevölkern. Zumeist an recht unzugänglichen Punkten positioniert, sind zwei doch in Reichweite der Kriegeralpe zu finden. Archaische Figuren, von denen eine ungemein erdende Kraft ausgeht, sodass man gar nicht mehr weg möcht von diesen Orten, einfach nur da sein und ins ausgedehnte Grün schauen, das sich weit über die Hänge hinaufzieht.

Hier heroben führt auch der seit diesem Sommer neu installierte Grüne Ring vorbei, das Sommer-Pendant zum famosen Weißen Ring, jenem spektakulären Rundrennen auf Skiern, das von Lech über Zürs und Zug wieder zurück führt. Entlang seiner Route sind einige moderne Sagenstationen installiert, wohl um dem Gehen, das doch für sich allein schon genügen könnte, noch einen Grund zu geben. Jedenfalls führt der Weg von hier über die Rud-Alpe wieder hinunter ins Dorf: und die ist mit ihrer großen Sonnenterrasse auch im Sommer ein geschmackvoller (und zudem, für weniger Gehfreudige, leichter erreichbarer) Platz - man werfe nur einmal einen Blick in den Weinkeller!

Erste Kontaktnahme mit der berühmten Lecher Gastronomie, die auch im Sommer mit einigen offenen Hotels und Restaurants brilliert, ist, direkt vom Hang herunterkommend, das nach außen hin ganz unscheinbare, innen umso luxuriösere Hotel Aurelio, dem die russische Eigentümerschaft offenbar eine Aura der Unzugänglichkeit beschert. Dabei ist die Terrasse mit Blick auf den Lecher Kirchturm   ein gänzlich unprätentiöser Platz für den Nachmittagskaffe, und auch das Restaurant sprengt keineswegs das (für Lech ohnehin immer höher angesetzte) Budget, im Gegenteil, in diesem Haus kann man sogar um einiges günstiger, aber nicht minder erlesen speisen als in anderen Restaurants.

Die Post hat sich für diesen Sommer leider eine Auszeit genommen, dafür wird eifrigst an einem neuen Trakt mit Außenpool und neuen Zimmer gearbeitet; mit der Wintersaison soll alles schöner sein als bisher - es genügt freilich, wenn alles so gut bleibt wie es war. Bevor man sich mit der Bergbahn zurück nach Oberlech begibt, kommt man an der alteingesessenen Krone vorbei. Auch hier gibt es Ausbaupläne, die aber das Restaurant betreffen, doch damit wird erst im nächsten Jahr gestartet; gediegene Küche und eine fulminante Weinkarte, die durch Sommelier Willi Hirsch und seine Beratung das eigentliche I-Tüpferl erhält, sind gerade ohne den Wintertrubel viel eindrücklicher zu genießen.

Der schönste Platz im Sommer aber ist doch Oberlech: hier geht die Sonne früher auf und später unter, die Wanderwege liegen vor der Tür, die wilden Kräuter in Griffweite, und es ist nur eine Frage der persönlichen Präferenzen, welches Domizil man sich hier wählt. Im Goldenen Berg hat Tochter Daniela Pfefferkorn mit stilsicherer Hand einiges an eindrucksvoller Innengestaltung verwirklicht; im Burg Hotel bei Familie Gerhard Lucian ist jeder Weinfreund in besten Händen, sind doch sowohl der Hausherr selbst als auch sein Sommelier Hermann Lankmaier zu Sommeliers des Jahres 2010 ernannt worden! Der feinste Platz freilich - die anderen mögen mir dies nachsehen - ist für mich das Burg Vital, und das liegt schlicht und einfach am großen Garten unterhalb der Terrasse mit Omesberg- und Ruefiblick,    wo man auf zugegeben recht luxuriöse Weise die Ruhe der Berge auf sich wirken lassen kann. Und nach erholsamer Nacht eines der besten Frühstücke, das ich kenne, genießen kann - wieder mit Bergblick. Auf der Terrasse. Bergkräutertee, selbst gesammelt und getrocknet von der Seniorchefin. Frische Heidelbeeren von der Alm. Und lauwarmer Saibling.    Ich bin genügsam .....

Knappe drei Wochen haben Sie noch Zeit, sich zumindest ein paar Tage Auszeit zu nehmen. Zumal ja auch noch das Philosophicum ansteht! Noch ist ja Sommer!

Die Ihre, Angelika Deutsch