Spontan mit Standzeit. OrtsweinPreview Rheinhessen (Dtd 2)

21.04.2011

Als Auftakt zur Mainzer Weinbörse gab es eine kleine feine Rheinhessen-Veranstaltung: die ORSTWEINPREVIEW Jahrgang 2010, die sich - hochlöblich - keineswegs auf VDP-Mitglieder beschränkte. Nicht dass Rheinhessen so ganz und gar seine eigenen Regeln hätte, obwohl das im Gespräch so da und dort durchdrang - aber seit 2008 setzt der regionale VDP das dreistufige Klassifikationsmodell so geschlossen um, dass Vorbildwirkung nicht zu vermeiden ist. Weswegen denn auch einige Rheinhessen-Kollegen den aktuellen Jahrgang ihrer Ortsweine aus Riesling, Silvaner und Burgundern präsentierten.

Meine erste Rheinhessen-Bekanntschaft machte ich im Jahre 2005: das erste Mal auf der ProWein, das erste Mal in heiligen deutschen Hallen - und prompt mit Rheinhessen konfrontiert, weil eine Gruppe von Jungwinzern ihre Flaschenbotschaft deutlich sichtbar zur Kenntnis brachte. „Message in a bottle“ gehört mittlerweile zu den etablierten Präsentationen dort, und ganz so jung sind die Herren teilweise auch nicht mehr. Aber in Rheinhessen tut sich weiterhin einiges, an Nachwuchs im Lande mangelt es nicht: eine fesche Garde von Damen und Herren (teilweise den eigenen Nachwuchs schon an Bord) bewies an diesem Nachmittag des 16. April Talent, Schulung und Überzeugung - ganz grob zusammengefasst ergibt das die Charakterisierung „Spontan mit Standzeit“. Denn was in der alphabetischen Reihenfolge gleich zu Beginn auffiel, waren die Zutaten Spontanvergärung und längere Maischestandzeit - mit Extremen bis zu 48 Stunden, was für Weißwein schon ganz ordentlich ist. Das Ergebnis: merklich charaktervolle Weine, meist von sattem Gelb geprägt, und mit einer natürlich gedrosselten Säure, die gerade richtig ist für Frische auf Jahre hinaus. Im Großen und Ganzen ergab sich ein recht geschlossenes Bild, in dem doch einige Weingüter wie Weine besonders herausstachen.

Julia und Johannes Landgraf vom Weingut Becker Landgraf in Gau-Odernheim lassen den Ortsweinen einiges Eigenleben - beim Riesling 12- 36 Stunden, beim Weißburgunder gar 24-48 Stunden Maischestandzeit; alles spontan vergoren, nichts geschönt, dafür mit aus eigenem Antrieb vonstatten gehenden biologischen Säureabbau. Das ergibt Intensität und Geschmeidigkeit mit Tiefe und Komplexität. Ein konsistentes Programm bot auch Weingut Bettenheimer in Ingelheimvon Silvaner bis Spätburgunder: Hefelager in Holzfässern, dank BSA kein Entsäuern nötig - den Weinen aber blieb genug Frische, um nicht in behäbige Fadesse zu verfallen. Sehr pointiert auch die Arbeit von Christian und Matthias Runkel vom Weingut Bischel aus Appenheim, deren Rieslingen „Terra Fusca“ und „Quarzit“ ich sofort verfiel. Längere Maischestandzeit ermöglicht den Abbau von Säure, längerer Hefekontakt gibt Dichte und Struktur. Den beste Wein des Tages fand ich bei Winzerfamilie Flick, Bechtolsheim, deren Weinberge in 25 km-Distanzen verstreut sind - das ergibt abwechslungsreiche Terroirerfahrungen quer durchs Sortiment. Der Westhofen Riesling 2010, ein 100prozentiger Sponti (lange bevor ich in die Weinwelt eintrat, war dieser Begriff für meine politische Uniheimat reserviert), verführt mit konzentrierter Nase, traubiger Salzigkeit und einer Säure, die herrlich frisch durchpfeift. Feuerstein und Maggi und sowieso ein Wein für Jahre. Mit € 12,- ab Hof wohlfeil. aber die 7€-Flaschen Siefersheimer Silvaner und Gau-Odernheimer Riesling stehen nur wenig nach! Alexander Gysler aus Alzey-Weinheim hatte nur 2009 mit - die biodynamische Arbeit scheint mit sich zu bringen, dass die 2010er noch fröhlich vor sich hin gären. Eine überzeugende Vorstellung lieferten auch die Weingüter Seehof in Westhofen und Weedenbornhof in Monzernheim mit extraktreichen, spannungsgeladenen und mineralischen Weinen aus herrlichen Westhofener Lagen.

 (Detailnotizen folgen)

Philipp Wittmann, VDP-Regionsvorsitzender in Rheinhessen, sieht diese Qualitätsorientierung einer „Avantgarde“ an jungen Winzern und deren Mut, „alte Zöpfe abzuschneiden“, mit Freude. Die Ortsweine geben den Winzern Chance und Verantwortung dafür, was vor Ort geschieht - wie haltbar dieses System ist, wird die künftige Weinbezeichnungsentwicklung innerhalb der EU zeigen.

Instruktiver Side-Event: der von Helena Mariscal und Christina Fischer konzipierte WEINPARCOURS® Rheinhessen, der von Klassifikation über Profil bis zu Terroir die Unterschiede der Ortslagen und Bodenprofile dank gereifterer Weine recht deutlich veranschaulichte.