Ress. Riesling. 2011. (Dtd 5)

13.01.2013

Vier Weine aus Deutschland, die vor einigen Wochen in Blogs und auf Weinseiten rauf- und runterdiskutiert und kritisch beäugt worden waren, weil als Fremdkörper empfunden im festgeschriebenen Rheingau Riesling-Gefüge; fünf Frauen aus Österreich, nicht ganz fern von aktuellen deutschen Diskussionen und durchaus mit ausgewählten, sicher nicht den schlechtesten deutschen Weinen vertraut, bezüglich Rheingau aber wenig vorbelastet und deshalb ganz unvoreingenommen: das war die Ausgangssituation an diesem Abend. Weshalb wir uns auch nicht an einer Stilistik stoßen mussten, sondern einfach ins Gute fallen konnten. Ins sehr Gute.

Da ein bisserl charmante Süße, dort unklare Rebsortentypizität, aber allemal verdammt guter Wein. Und weniger fremd, weniger anders als nach dem Kommentarhype des vergangenen Herbstes zu erwarten war. Was vielleicht auch daran lag, dass wir zu den "fortgeschrittenen Trinkerinnen" zu zählen sind ;)

Was Christian Ress, Juniorchef des Weinguts Balthasar Ress, und Dirk Würtz, sein Betriebsleiter und vielleicht besser als querdenkender Weinblogger bekannt, da mit Jahrgang 2011 aus Ersten Lagen des Rheingaus in die Flaschen gebracht haben, bedarf keiner Vergleiche, um aus dem Stand heraus als verdammt gut empfunden zu werden. Dennoch stießen diese Weine, gerade auch in der Verkostungskommission, nicht auf unwidersprochene Akzeptanz. Trockene Weine aus klassifizierten Rheingauer Ersten Lagen heißen Erstes Gewächs und nicht wie sonst VDP-üblich Großes Gewächs - aber weder der Riesling Hattenheimer Engelmannsberg noch der Rüdesheimer Berg Rottland wurden als solche anerkannt: sensorisch durchgefallen (mehr Details dazu bei drunkenmonday).

Aber das tangierte uns glückliche Frauen, die wir höchst zufrieden erst kosteten und dann tranken und von bereits moderater Flaschenreife profitierten, kaum; ein verwundertes Kopfschütteln über das allenthalben immer wieder auftretende Trauerspiel von Kostkommissionsergebnissen vielleicht, aber sonst: haltloser Genuss!

Hattenheim Nussbrunnen Riesling trocken 2011 Erstes Gewächs, 12,5%
Goldgelb; intensive Nase. „Wie lang hab ich keinen deutschen Riesling mehr getrunken? 1 Monat?“ Wirkt dunkel - „dafür werden wir in den Kommentaren geprügelt, das versteht keiner“ - Feuerstein, schiefrig. Fleischsaft und Suppenfond und dann gleich Stein; rauchig, saftig, voll. Erst die Fülle an reifer Frucht und dann ganz fokussiert und mittig konzentriert die Mineralik. Er hat etwas Fleischiges, für 12,5% eine Wucht! Mächtig, sicher nicht massentauglich, etwas Restzucker, und wird wesentlich gereifter, als es einem so „jungen“ Wein normalerweise zusteht. Kraftvoll, mit Luft immer nussiger, erinnert auch an Laub im Herbst. Sehr eigenständig, sehr charaktervoll. Fühlt sich einfach sehr richtig an.

Hattenheim Engelsmannsberg Riesling trocken 2011, 13%
Kräftiges Gelb; heller im Charakter, aber nicht minder reife Frucht. Karamell, Nuss; füllig. Mehr Frische, straffer, Kräuternoten. Ein Hauch Honig, Heller-Zuckerl mit Zitrusgeschmack, aber auch Werthers Echte. Kräftige Säure; erinnert an fetten österreichischen Riesling. Kraftvoll wie ein Loibner, Kräuter. Dennoch nicht ganz einfach, die Rebsorte zu erkennen, ist auch pfeffrig, fast in Richtung Veltliner. Körnerwürze: Koriander, weißer Pfeffer. „Neben einen älteren Knoll gestellt, was würde passieren?“ - „Auf jeden Fall ein toller Wein!“ Verändert sich ständig mit Luft, der Veltinertouch geht weg; frische Säure, vor allem die macht ihn als Riesling kenntlich.

Rüdesheim Berg Schlossberg Riesling trocken 2011 Erstes Gewächs, 14%
Gold; wilde Nase. Sich üppig verströmend, großzügig. Rauchig, reif, Kräuter, eine Wucht. Viel Würze, Körner - „Würtz eben, der bringt sich ein“ [Gelächter]. Auch etwas von reduzierter Gemüsebrühe, „g‘scheit reif“, „saugut“. Zum Hineinstürzen. Ein leichter Petrolton lässt vermuten, dass er genug Sauerstoff bekommen hat, aber deshalb lang so stabil bleibt. Die Säure ist ebenso wie die Mineralik etwas hinter der offensiven Opulenz versteckt - die hat aber keine Schwere! Ein wunderbarer Winterweißer. Lebendig am Gaumen, rauchig, am Schluss Apfel, Nüsse, Mineralik. Aber es fehlt ihm etwas an Spannung.

Rüdesheim Berg Rottland Riesling trocken 2011, 13,5%  2,5 Stunden dekantiert
Goldgelb; „Das ist Deutschland“ schon beim Reinriechen. Dabei soll das der kontroversiellste Wein gewesen sein? Reife, Stein, straff. „Der IST schön.“ „Der ist SCHÖN!“ Etwas Restzucker, aber wunderbare Balance mit Säure, extrem elegant, schlank, sehnig, einfach schön. „Der ist so gut, wie kann man den nicht als Erstes Gewächs anerkennen?“ Dieser Steinbiss! Nasser Stein in allen Varianten - „So schmeckt Mineralität!“ Frische und Lebendigkeit. Ein Wein, so gut, dass man ihn einfach nur trinken will, nicht nachdenken, nicht analysieren. „Wieso ist nichts mehr in der Flasche? Ach ja, Karaffe ....“

Dank für Kostlocation und kulinarisches Nachher an havel&petz
Dank fürs spontane und freudige Mitkosten an Ruth Havel, Sylvia Petz, Luzia Schrampf und Susanne Staggl.