Riesling-Renaissance (Dtd 3)

21.02.2011

Auf einmal standen sie im Schatten der Großen Gewächse: die natursüßen Prädikatsweine, die Kabinette und Spätlesen vom Riesling. Trocken schien das Gebot der Stunde geworden zu sein, ein GG auf der Flasche sicherte Aufmerksamkeit und Wohlwollen. Doch deutscher Riesling in seiner nicht nur klassischen Ausformung, sondern auch Brillianz mit unbedingtem Potential zu Größe ist gerade auch bei jenen Weinen zu finden, die in den letzten Jahren ein wenig stiefmütterlich behandelt worden waren.

Das gilt freilich nur für die öffentliche Wahrnehmung, nicht aber für die Winzer, die ihren natursüßen Weinen mindestens dieselbe Achtsamkeit zukommen lassen wie für die trockenen Gewächse. Feinfruchtige Prädikatsweine haben in Deutschland eine lange Tradition, das feinrassige Süße-Säurespiel wird durch die expressive Mineralität der unterschiedlichen Böden markant unterstützt: ein Weintypus, der weltweit seit jeher hoch geschätzt war, ganz selbstverständliche auf den Tischen von Herrscherhäusern zu finden war und auch im Preis bis in oberste Regionen reichen konnte. Eine Flut an billigen süßlichen Weinen, die in den 1980er Jahren (mit tatkräftiger österreichischer Mithilfe) allerdings den Markt überschwemmte und auch verwirrenden Gesetzesänderungen zum Verhältnis von Alkohol und Restzucker anzulasten war, machten es so leicht, dass „sweet & cheap“ zur Maxime werden konnte. Die klassischen Spätlesen gerieten in Mißkredit, trockene Weine wurden von qualitätsbewussten Weinfreunden in den Fokus der Wahrnehmung genommen.

Weine für jede Lebenslage   Doch alles ist in stetem Wandel: erste Signale zur Änderung kamen aus der Spitzengastronomie, und langsam entdecken Konsumenten wie gerade auch Gastronomie die feinfruchtigen Kabinette und Spätlesen als geniale Speisenbegleiter wieder - vor allem auch in ihrer gereiften Ausformung. Und so taten sich mehr als 40 VDP Prädikatsweingüter zu einer gemeinsamen Präsentation zusammen, um das besondere Geschmacksprofil und vor allem auch das großartige Reifungspotential ihrer Weine zu demonstrieren. Deshalb gab es, im November in Köln, nicht nur Rieslinge des aktuellen Jahrganges, sondern auch gereifte Spezialitäten bis zurück in die 80er-Jahre und älter zu verkosten. Eine überzeugende Vorstellung, die neben fantastischen Geschmackserlebnissen auch die ohnehin gehegte Überzeugung festigt, dass deutscher Riesling mit leichter Süße ein Wein für jede Tageszeit und jede Lebenslage sein kann.

Notizen zu den vor allem gereifteren und alten Rieslingen ab 2004, die es in Köln zu verkosten gab - denn gerade sie zeigen die Beständigkeit abseits von Moden und die Gültigkeit eines Weinstiles:

Lanius-Knab, Mittelrhein: 1994 Engehöller Goldemund Riesling Spätlese
zartes Petrol, rauchig, mit Frische und Saftigkeit sehr süffig, wirkt sehr trocken  16
Ratzenberger, Mittelrhein: 1999 Bacharacher Wolfshöhle Riesling Spätlese
frisch und mineralisch, elegant, immer noch viel Frucht, Restzucker ganz dezent  16.5
Grans-Fassian, Mosel: 2004 Dhronhofberger Riesling Spätlese
Petrol, karamellig, frische Säure, herrlich zu trinken  17
                              2002 Trittenheimer Apotheke Riesling Spätlese
Frucht, Eleganz, Säure und Leichtigkeit, ein voller, wunderschöner Riesling  17
Fitz Haag, Mosel: 2004 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Riesling Spätlese
viel Frucht, Apfel, Säure & Zucker in ausgewogener Balance, aber mir stilistisch zu dick und wuchtig, was auch für Jahrgang 09 gilt.
Reinhold Haart, Mosel: 1996 Piesporter Goldtröpfchen Riesling Kabinett
zartestes Petrol, Apfelfrucht, Eleganz, wirkt trocken, feine Frische  18+
                              1997 Wintricher Ohligsberg Riesling Spätlese
Cassis, Frische am Gaumen, wunderbare Eleganz. 18.5
Nach 10 Jahren ginge es erst so richtig los, meint Johannes Haart, mit dem Riesling; das Mineralische trägt den Zucker, auch gereift bleibt so die Frucht erhalten. Die Haart-Weine werden spontan vergoren.
Reichsgraf von Kesselstatt, Mosel: 2002 Josephshöfer Riesling Spätlese
Die Lage ist im Alleinbesitz des Weingutes, gesunde Trauben ergeben intensive Frucht, etwas Petrol und eine dezente Zuckerlnote, aber großes Auftreten jetzt  18.5
                               1997 Kaseler Nies‘chen Riesling Spätlese
Cassis (war typisch für den Jahrgang), frische Säure, Karamell, schwarze Johannisbeere, mineralisch - pures Vergnügen  17.5
Dr. Loosen, Mosel: 1991 Wehlener Sonneuhr Riesling Spätlese
Petrol, frisch, fein und elegant. Die frühere Süße tritt zugunsten der Säure in den Hintergrund.  16.5
Egon Müller, Saar: 1997 Scharzhofberger Riesling Kabinett
Ein Kabinett, der zeigt, dass nicht nur Spätlesen reifen können: packende Mineralität, ungemein elegant, wirkt trocken, steht ganz aufrecht, Ribisel  19
                               1990 Scharzhofberger Riesling Kabinett
zart Petrol, leicht und fein, runde Frucht am Gaumen  18.5
                               2004 Wiltinger Braune Kipp Riesling Spätlese
satt, der Zucker deutlich, energisch, verspielt, voll  - ein Wein, der im Kontrast zum Ernst des Mannes Egon Müller steht ;)  18
Von Ohtegraven, Saar: 2004 Kanzemer Altenberg Riesling Spätlese
voll, dunkel, karamellig, sehr harmonisch  17.5
Die Weine des Gutes von Günther jauch zeichnen sich insgesamt durch angenehmes Auftreten, Verständlichkeit und balancierte Kraft aus.
Joh. Jos. Prüm, Mosel: 2004 Wehlener Sonnenuhr Riesling Kabinett
leicht petrol, Frucht und frische Säure  16.5
                                2003 Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese
Die Jahrgangsdifferenz wird schmeckbar: viel Restzucker, Süße und karamellige Noten, aber mineralische Eleganz mit Nachhall, ein Wein, der schlüpft ....
S.A.Prüm, Mosel: 1997 Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese
mineralische Balance, noch immer guter Wein  17
Sankt Urbans-Hof, Mosel: 2002 Ockfener Bockstein Riesling Spätlese
frische Säure, Balance mit dem Restzucker gut  15.5
                                1998 Leiwener Laurentiuslay Riesling Spätlese
Apfelfrucht und Schiefer, hohe Säure, der Zucker bleibt ganz im Hintergrund, süffig  16
Forstmeister Geltz-Zilliken, Saar: 1997 Saarburger Rausch Riesling Spätlese
Frische und Eleganz, frische Frucht, ein dezenter Wein  16
Schlossgut Diel, Nahe: 2004 Dorsheimer Goldloch Riesling Spätlese
leichtes Petrol, kräftige Säure, balanciert, energisch, freudvoll  18,5
                                1996 Dorsheimer Burgberg Riesling Spätlese
wirkt absolut trocken, Säure ist hoch, immer noch Frucht präsent, sehr vergnüglich und frisch  18
H. Dönnhoff, Nahe: 2003 Niederhäuser Hermannshöhle Riesling Spätlese
aus einem Sonnenjahr: deutlich Petrol, aber Frische, runde Balance, Harmonie  17.5
Emrich-Schönleber, Nahe: 1999 Monzinger Frühlingsplätzchen Riesling Spätlese
Der Wein wirkt absolut jung, mit Frucht und Mineralität ist er wunderbar in Harmonie  17.5
Prinz Salm, Nahe: 2002 Roxheimer Berg Riesling Spätlese
von Löss und Lehm; leicht petrol, ein runder, melodischer Wein, hinten Zuckerschweif  16
Schloss Johannisberg, Rheingau: 1964 Schloss Johannisberger Grünlack Riesling Spätlese der älteste Wein des Tages!
rauchig, etwas Speck, ätherisch, wirkt trocken, frische Kamille und Minze, Kumquat, gut zu trinken  18
Weingüter Wegeler, Rheingau: 2002 Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Spätlese
sehr klarer Wein, wirkt trocken; lang und elegant  17+
Robert Weil, Rheingau: 2001 Kiedrich Gräfenberg Riesling Spätlese
mineralisch, etwas Petrol, Wein wirkt herrlich zusammengeführt in allen seinen Teilen 17.5