Die Einladung zum Essen

19.11.2011

„Ich lade keine Frau zum Essen ein“ sagt der gemeinsame Freund zur Freundin, wir schauen uns an, fühlen und sagen: Schade. Schon klar, es geht ums Essen auswärts und nicht daheim und darum, wer bezahlt, und schon klar, die Feminismuslektionen sind gelernt, frau hat ihr eigenes Geld, warum also ein so überkommenes Ritual weiterpflegen! Vor allem steht da ja noch immer dieser Beigeschmack der billigen Verführung im Raum; eine Einladung zum Kaffee hatte in meiner Schul- und anfänglichen Studienzeit schon immer etwas Zweideutiges, eine zum Essen war bereits eine klare Ansage: ich zahle das Essen, also gehörst du für diesen Abend mir (Für die jüngeren MitleserInnen: ich spreche von den 1970ern). Aber ganz verschwunden scheint die Verknüpfung Essenseinladung - Erotik nicht zu sein, auch nicht auf umgekehrtem Wege: als ich einmal einen jungen Mann zu einem beruflichen Essen mitnahm, das selbstverständlich ich bezahlte, nahm er es als seine Verpflichtung, mir nicht nur als plaudernder Begleiter, sondern auch wesentlich tatkräftiger für die Nachtstunden danach zur Verfügung zu stehen.

Doch eine Einladung zum Essen kann doch nicht wirklich Ausdruck eines Machtverhältnisses sein, in einem simplen Warenwert-Gefüge stehen? Im Gespräch mit der Freundin versuchten wir unserem spontanen „Schade“ auf die Schliche zu kommen, und wir fanden, dass eine solche Einladung, wennschon Verführung, dann jene zum gemeinsamen Erleben in sich trägt, ein unausgesprochenes „Ich möchte mit dir etwas teilen“, egal in welcher Geschlechterzusammensetzung und Richtung. Die eine Rechnung besiegelt das Gemeinsame bis zu diesem Augenblick; die Vorstellung aber, dass sie geteilt würde, zerstört die Atmosphäre des Gemeinsamen. Als müsse man daraus flüchten, als hätte das Gemeinsame nicht stattfinden dürfen; man nimmt sich selbst heraus aus der für einen begrenzten Zeitraum geschaffenen Zugehörigkeit.

Dass ein gemeinsames Mahl Verführungspotential in sich trägt, ist unbestritten, die Sinnlichkeit des gedeckten Tisches, der aromatischen Speisen, der befeuernde Wein - all das legt unweigerlich schlummerndes Begehren bloß. Aber erstens kann man sich über allfällige „Nachwehen“ verständigen, kann zweitens auch über eventuelle „Schuldfragen“ übereinkommen - „das nächste Mal zahle ich“ - und drittens und überhaupt: warum dürfen wir nichts annehmen, ohne dass komplizierte Gedanken im Hintergrund ablaufen? Ich bin eingeladen! Ich freue mich!