Architektur. Klang: Schimana - Bösze im BTV-Stadtforum.

20.08.2010
tags: musik

Am Anfang war Heinz Tesar. Führte eine bunte Gruppe durch das farbreduzierte Gebäude der neuen BTV Innsbruck. Stein, Beton, Holz.

Grau und weiß. Holzfarben. Stadtforum. Der Stadt (im Sinne eines gelebten Ortes) etwas zurückgeben, mit Schönheit gut machen, dass ein Ort besetzt wird. Ortsneubildung, Raumschaffung. Bankgebäude: Aufgabe des Architekten, Widersprüche ins Nichts aufzulösen. Zentraler Raum von nicht unmittelbarer Funktion,"überflüssiger Raum" also, halböffentlich, die volle Höhe wiedergebend: Säulenrechtecke aus Beton, schlank hinanstrebend bis zum Nordkettenblick, in pointierter Ornamentik endend, die Brüstung des vierten Stockes schlägt ironische Haken, die Strenge des Unten mündet in der Heiterkeit des Oben: der überbaute Innenhof, Forum fürwahr, möglicher Ort der Begegnung. Durch die hohe Türe dann in die Tonhalle, ein in sich geschlossener Raum (trotz hoher Fenster in den offenen Hof): Wand Boden Decke in kopfgeschnittenem Bambus (kopfgeschnitten: das könnte aus einer dieser bemüht poetisierenden Speisenkarten stammen), die Menschen werden gleich weich beim Betreten des Raumes, geben sich mit einem Aahh ihm hin.

Im überflüssigen Raum dann: Schimana on Tesar. Auftragswerk der Klangspuren Schwaz, Uraufführung. Elisabeth Schimana füllt, inspiriert von Textfragmenten und Gesprächen mit Heinz Tesar, den Raum. Die Instrumente: ein Apple-Laptop, ein Mischpult, vier Boxen, Cordula Bösze mit zwei Flöten. Der Flötenton wird übernommen, rhythmisiert, unterschiedliche Tonhöhen übereinandergelegt, dazwischen feines Pfeifen, eine kleine Melodie, kaum hörbar, denn der eindringliche Klang legt sich , ja, gewebegleich über alles, ein Vibrieren stellt sich ein, zerteilte Töne, einmal ist man an ein Digeridoo erinnert, dann hebt ein Surren Summen Flirren an, Insektenschwarm, der Grundton steigert sich weiter und weiter, ein Knistern, das durch die Boxen wandert, harte Schläge wie schwere Regentropfen, Knattern, laufende Explosionen, Hubschrauberrotor im Hintergrund, die Schläge dringen in den Boden hinein, und aus der kleineren Flöte ohne Tonabnehmer kreisen feine Töne, einem Luftballonaufblasen gleich, durch den Raum, der bis in die Ornamentspitzen mit Klang erfüllt ist.

Pause, in der Toilette (weiß, nichts als weiß): alles scheint starr, die absolute Stille. Man steht: noch im Klang schwankend, in dieser plötzlichen Stille, wie eine unziemliche Bewegung sich selbst scheinend. Dann erst kommt das verwirrte Summen der anderen Frauen.

Teil zwei, in einem kleineren Raum, der zur Galerie im Hause gehört: Leinwand, Boxen, Laptop, Theremin, Flöte, drei Frauen: zu Schimana und Bösze noch Lena Golovasheva, deren Bewegungen den Input der Flöte (gespeist in eine analoge Filterbank) mittels Theremintechnologie frequenzmodulieren: Feedback aus Instrument, Bewegung und Elektronik.

Der Titel des Stückes: 4:3, die Proportion, daraus fließt das harmonische Verhältnis der Quart. Sinustöne, in Licht gewandelt, rot grün blau, die Grundfarben. Ein klarer Aufbau des Stückes: vier mal Bewegung und Elektronik, die Grundfarben, immer harter, trockener Klang, mit einem Halbton absteigend beginnend, Grundton, Terz, Quart, Schichtungen, Vibration, die Töne sitzen in der Magengrube, decken die Ohren zu. Und drei mal die Zwischenstücke: vor gelber Lichtleinwand, die Tänzerin, die die Flötenbewegungen umsetzt, das Schlagen auf den Löchern, das Flüstern ins Instrument, wie Wasserblubbern, Surren, Zirpen. Der letzte Teil gleitet von eindringlichem Ostinato in einem Fünfertakt in eine stehende Quart, senkt sich zur Tonika und atmet sich aus.

Raumklang, spürbar, visualisiert. Verdichtung der Sinne.


(Text vom September 2006)