Nackte Weinlust. Stuart Pigott bei eat&meet

Wenn Stuart Pigott einen Abend lang moderiert, so tut er dies unbedingt und überhaupt überaus launig und sehr wohl mit beträchtlichem Informationsgehalt versehen. Wenn das auch noch in nächtlich flirrendem Salzburger Ambiente geschieht, so muss das zwangsläufig ein besonders gelungener Event werden - also geschehen am 16. März im Rahmen des eat&meet-Festivals ebendort. Schauplatz: der besonders des Abends stimmungsvolle Raum des m32 hoch droben am Mönchsberg. Gastgeber: Sepp Schellhorn und Toni Fritzenwallner. Gäste: Wein- und andere Freunde.

Es gibt, kleiner Anlass wohl auch für diesen Abend, ein neues Buch des emsigen Stuart Pigott - „Weinwunder Deutschland“, hervorgegangen aus seiner gleichnamigen TV-Serie im Bayrischen Rundfunk; entgegen der Ankündigung aber gab es keine trockene Lesung, sondern einen vielmehr saftigen Vortrag mit aktiver Verkostungsleistung der Gäste um den großen Tisch. Und weil er, der laut Eigendefinition „mit einem Fuß auf der Insel“ (der Engländer trägt seine Herkunft nicht nur hör-, sondern auch deutlich sichtbar, da untadelig spleenig in Vivienne Westwood gekleidet) und dem anderen am Kontinent, im quirligen Berlin steht, sich geziemend zu benehmen weiß, waren es nicht ausschließlich deutsche Weine, die etwas von dem, was Stuart Pigott am Wein liegt, schmeckbar illustrieren sollten, sondern auch österreichische „Spezialitäten“, markante Beispiele heimischer Winzerkunst, alle miteinander aber dazu angetan, nicht nur die „Wahrheit im Wein“ zu finden, sondern vor allem auch „nackte Weinlust“ hervorzurufen.

Fulminanter Start gleich mit dem ersten Weinpaar, fast eine „no go“-Rebsorte, wenn es nach Weinbesserwissern geht: Müller Thurgau! Der eine von einem jungen deutschen Winzer, strikt mineralisch, klar, gerade arbeitet; in Glas zwei aber eine Kostprobe aus Pigotts eigenem, in Zusammenarbeit mit diesem Winzer entstandenes Weinprojekt: Müller Thurgau als „Grobes Geschwätz“, von einem eifrigen Mitkoster sofort als „der bessere Wein“ definiert. Was in dieser Striktheit Ansichtssache bleiben muss. Flight zwei dann Riesling in unterschiedlicher Ausprägung: „unplugged“ frisch und knackig, und mit der dezenten, schiefrig unterlegten Süße, wie sie nur ein deutscher Riesling haben kann, der andere. Darauf dann Österreich: Wiener Gemischter Satz als wieder auflebende alte Tradition und Blaufränkisch auf neue alte Art. Der letzte Flight, Rotwein aus Deutschland, mochte dann als zwar interessanter Ansatz durchgehen, so richtig überzeugend waren die freilich noch jungen Weine nicht.

Im Anschluss an den „Arbeitsteil des Abends“, der alle Anwesenden zu reger Mitarbeit animierte, gab es drei feine Gänge aus der Fritzenwallner-Küche mit der Möglichkeit, noch ein wenig nachzuverkosten.

Und nun, voilà, ein paar Details, aus der Erinnerung gekramt:

  1. Christian Stahl, Hasennest Müller Thurgau 2009, € 8,50. Mineralische Kraft, zarte Säure, frisch, erstaunlich leicht wirkend (13,7%), übliche muskatige Aromen fehlen ihm völlig. Gewinnt mit Luft zunehmend an Duftigkeit. Leider schon ausverkauft. 30 hl/ha Erntemenge, keine Botrytis, Reinzuchthefen, Verarbeitung in hohem, schlanken Tank - geringerer Kontakt des Mostes mit der Hefe.
  2. Stuart Pigott, Müller Thurgau 2009. Ungleich fruchtiger, aromatischer, aber dieselbe mineralische Frische, sehr lebendig, ausdrucksstark, mehr Konzentration, geht mit Luft ins Würzige. Eine Woche später gelesen als der Stahl‘sche Wein, 18 hl/ha, mit etwas Botrytisanteil (nach Methode Hirtzberger), längere Maischestandzeit; Spontangärung durch Zugabe von 10 Liter gärendem Müller-Thurgau, Verarbeitung in kleinem Tank, der hoch wie breit ist; höherer PH-Wert, weniger Säure und Struktur aus Tanninen wie langem Hefelager - gut für die Langlebigkeit. Die Arbeit Christian Stahls faszinierte Mr. Pigott so, dass er sich 10 der steilsten Rebzeilen „geliehen“ hat, um hier Wein selbst zu machen.

Obwohl auf den ersten Blick kein Unterschied in der Kellerarbeit ist - beide im Edelstahl, mit längerem Hefelager - ist doch der Charakter aufgrund von Lage (steiniger Muschelkalk in SW-Exposition bei Pigott), Erntezeitpunkt und Traubenmaterial schon von vornherein unterschiedlich angelegt und wird durch Unterschiede in der Vinifizierung verstärkt. Vom Pigott-Experiment gibt es nur 240 Flaschen, nicht im freien Verkauf, dafür ins Projekt „Wein hilft“ eingebunden. Das Etikett gibt einiges an Lesestoff her, es wurde die Geschichte des Weines mittels Wortspiele hineingepackt. Kleine Anekdote: Lukas Pichler meinte anlässlich einer Blindverkostung zu diesem Wein „Jetzt sind wir in unserer Ecke!“

Zweiter Flight: Riesling - für Stuart Pigott eine der spannendsten Traubensorten der Welt. Und zeigt hier zwei Extreme des möglichen Geschmacksspektrums.

  1. Weingut Tesch, Riesling unplugged 2009, € 9. Dezente Frucht, klare Mineralität, frische Säure, geradlinig, trocken, ein Wein, der zieht, der gerade durchpfeift eine radikale Art der Erfrischung.
  2. Heymann-Löwenstein, Riesling Schieferterrassen 2009, € 12,80. Fleischig, an Suppe erinnernd, kräutrig, spontan, opulent, leichte Süße in der Nase, 
    die Frucht kommt mit etwas Luft zum Vorschein, mineralisch mit wunderbarem Trinkfluss. Gärt 7-8 Monate, die Restsüße macht ihn so gut trinkbar.

Zwei Österreicher zeigen nun, welche wunderbaren Ergebnisse die neue „alte“ Art des Weinmachens hervorbringen kann:

  1. Fritz Wieninger, Gemischter Satz Nussberg Alte Reben 2009. Den Wein gibt es seit 1999, zeigt Komplexität und feine Mineralität. Ein schönes Beispiel, wie aus einem anderen Blickwinkel eine neue Interpretation alter Dinge entsteht.
  2. Roland Velich/Moric, Blaufränkisch Burgenland 2008, knapp € 10. Auch hier: die neue alte Art des Weinmachens. Keine auffällige Eiche, ein fast historischer Geschmack, in sich schlüssig, es fehlt dem Wein an nichts ist wie eine Musik, „die Duftigkeit ergreift mich“ (Pigott). Viel süße Frucht, feine Säure und Pikanz, Mineralität, sauber und frisch. Ein Wein vom Rande des k.u.k.-Reiches, eine in der Welt einmalige Rebsorte, die ihre bedeutenden Flächen nach wie vor mehr in Ungarn als in Österreich hat.

Auch Deutschland hat seinen Rotweinboom, der Anteil ist von 12 auf 37% gewachsen. Zu verdanken nicht nur dem Klimawandel, sondern vor allem der Tatsache, dass deutsche Winzer dazugelernt haben - als Stuart Pigott ins Land kam, sei Deutschland „rotweinunfähig“ gewesen.

  1. Thomas Hensel, Spätburgunder 2008, € 14,50. Hell und klar, viel süße Frucht, kräftige Vanillenote, die abschreckt, dezente Würze, etwas Gerbstoff, noch sehr jung.
  2. Thomas Hensel, Cuvée Höhenflug 2008. Aus Cabernet Sauvignon und Merlot gemacht. Deutliche malolaktische Noten, feine Säure, mineralisch, aber viel zu aromatisch durch neues Holz. Nach dem Moric sehr schwierige Weine, um nicht zu sagen eine Beleidigung für den Gaumen.

Thomas Hensel aus Bad Dürkheim hat 1991 seinem Vater erklärt, dass er nun selber Wein machen wolle - zuvor war der Betrieb eine Rebschule. Das Weingut neben dem Flugplatz wirkt wie ein zusätzlicher Hangar, der Name „Höhenflug“ erklärt sich aus dieser Geschichte heraus.

Freudvoll zeigte sich das der Verkostung folgende Menü: Ziegenkäse in Schinken als Gruß aus der Küche; Attersee Saibling im Sud mit Spinat und Erbsen - ein intensives Fischgericht, der Fischsud dicht, leicht cremig, die kleinen Tomaten eine dezente Süße beisteuernd, Spinat unten, Streifen von Erbsenschoten oben, und der Fisch! mit Haut! so zart! und glasig! Gedämpftes Kalbsfilet in Pinot Noir mit Topinamburpüree: das Fleisch aus obligater Niedrigtemperaturgarung in Schnittlauch gehüllt, das Püree nicht zu konzentriert, das fast rohe Romanesco-Röschen ein unnotwendiges Dekor; trotz dunkler Sauce passte Pigotts Müller Thurgau ganz hervorragend dazu. Das „Vanille Punsch Fondue“ entpuppte sich als luftiger Schaum mit Trauben, dazu gab es Minibuchteln zum Eintunken.

Stuart Pigott, Weinwunder Deutschland. Tre Torri 2010  ISBN 978-3941641372