Döllerers Winzertour-Finale

So sehen Genusswelten aus: Lech - Kitzbühel - Wörthersee waren die ersten Stationen der alljährlichen Winzertour des Weinhandelshauses Döllerer, am 10. Mai 2011 machten Familie wie Winzer Schloss Fuschl zur Abschlussdestination für die aktuelle Jahrgangspräsentation. Solchem Stilbewusstsein war auch der Wettergott zugetan: imperiales Ambiente und Kaiserwetter am Fuschlsee, süffige frische Weine und hochkarätige Reserven von der Pfalz bis zur Toskana, Edelbrände aus Österreich und Thailand (jawohl!), zartester steirischer Schinken und erfrischendes Salzburger Pils - wer da nicht in Genusslaune kam, war selbst schuld. Und während der spiegelglatte See vom nachmittäglichen Grünblau in ein nächtliches Dunkel überging, wurde eifriges Verkosten mit einem sechsgängigen Menü aus der Schlossküche belohnt; Thomas Walkensteiner dirigierte eine vielköpfige Küchencrew.

Unter den persönliche anwesenden Winzern waren nicht nur große Namen wie Franz Hirtzberger, Ernst Triebaumer, Andi Kollwentz oder Martin Nigl, sondern auch (relative) Newcomer wie der junge Tom Dockner aus dem Traisental oder Hannes Reeh aus Andau. Ein nicht wirklich junger „Jungwinzer“ ist auch Günter Rettenbacher: der Sommelier des eleganten Salzburger Hofes in Zell am See hat sich in seinen reiferen Jahren auf das Abenteuer Weinmachen in St. Michael in der Wachau eingelassen. Seine Weine sind durch viel transparente Frische, Geradlinigkeit und eindrückliche Mineralität gekennzeichnet; die Lage Heizenleithen wird man sich merken müssen.

Unter den weitgereisteren Gästen: Stefania Dri mit Schiopettino und Verduzzo di Ramandolo, Ornella Venica mit eleganten, salzigen und bei aller Kraft dennoch sehr frischen Venica&Venica Weinen (Pinot Bianco, Friulano, Ribolla Gialla und ein wunderbar intensiver Sauvignon Blanc Ronco delle Mele), James B. Sherwood für Capannelle (perfekter Chianti Classico Riserva 07 und ein immer noch im Verkauf befindlicher 1996 Capannelle Rosso mit deutlichen Reifearomen), Manfred Klimek mit 2 Jahrgängen seines Kappa - sehr unkomplizierte, saftige Cuvées in veränderlicher Zusammensetzung. Am Spirituosenstand war - sozusagen als Lokalhero - Christoph Vogl vom Guglhof da, dessen VirGin ein verdammt prachtvolles Exemplar eines heimischen Gins ist. 23 Wildfrüchte und Blüten (toskanischer Wacholder, Granatapfel, Rosen- und Malvenblüten zB), riecht intensiv nach trockenen Büschen an Mittelmeerhängen und möge bitte, wenn es mit Tonic sein soll, so serviert werden: ein Weißwein- oder Rotweinglas nehmen, erst Eis rein, dann 4cl Gin drauf und mit 0,2 Tonic auffüllen. Wer die gewohnten Pfade von Williams und Vogelbeere zu verlassen wagte, konnte gleich daneben bei Mag. Maximilian Coreth in die - ganz ehrlich, wirklich! - faszinierende Welt exotischer Obstbrände eintauchen. Gefertigt in Thailand, aus Früchten, die wir hier niemals zu Gesicht bekommen, sind Lychee, Tangerine oder Banane der neuen, gerade Marktfuß fassenden Marke 1772 auf jeden Fall ein paar Kostschlucke wert.

Von den Exoten wieder zum heimisch Vertrautem und ein paar besonders auffälligen Weinen des Verkostungsnachmittags - in positivem Sinne. Tom Dockner, macht mit seinem Pinot Noir-Projekt Fortschritte, der 2007 Hochschopf zeigt sich sehr delikat und mineralisch, während der 2010 Traminer „Pletzengraben“ mit rebsortenungewohnter Säure, Frische und Mineralität einen zartaromatischen Speisengebleiter abgibt. Philipp Grassl setzt mit seinem neuen 2009 Schüttenberg Zweigelt neue Zweigelt-Maßstäbe in der Mittelklasse: kühle Lage, 500 l-Fässer, viel Gerbstoff und frische Struktur - ein Wein als persönliches Anliegen. Ein neuer Wein auch bei Andreas Lehensteiner: aus einem 25 Jahre alten Weingarten der Lage Pichl Point ist der Riesling Smaragd 2010 ein überzeugendes Exemplar mit intensiver Struktur und hoher Reife. Ludwig Neumayer musste es sich gefallen lassen, seinen 2010 Riesling Rothenbart von der Kostkommission als „nicht typisch Traisental“ zurückgewiesen zu sehen - statt DAC Reserve also einfach „Niederösterreich“ auf dem Etikett, was dem Vergnügen, das dieser Anfang November gelesene, sehr sehr mineralische und dichte Wein von Kalkböden bereitet, keinen Abbruch tut. Es gibt ohnehin nur eine kleine Menge ...

Toll entwickelt hat sich der Amphorenwein 2009 Qvevre von Berhard Ott: ungemein süffig, mit Blutorangenfrucht und anregenden Bitternoten sowie einigem an Gerbstoff ist da unglaublicher Zug drin und kein Fehlton zu entdecken. Aber Herr Ott hat ja auch die Trauben nicht gepresst, sondern nur den Saft abgesaugt - aus der Maische brennt Freund Hans Reisetbauer sicher etwas Geniales. Ein Besuch in der georgischen Realität vor Kurzem, beim Produzenten seiner Amphoren an der Grenze zu Aserbeidschan, scheint zudem sehr eindrucksvoll gewesen zu sein. Für die Weine von 2010 gilt: biodynamisch zertifiziert, alle unter 13% vol., spontan vergoren und mit einer Standzeit von etwa 20 Stunden vinifiziert - da gibt es dann kein Säureproblem.

Bei Roman Pfaffl jun. konnte ich feststellen, dass sich die Anschaffung der neuen inerten Presse wirklich gelohnt hat: unglaublich saubere, absolut klare Weine, der 2010 Grüner Veltliner „Zeiseneck“ mit leicht rauchiger Würze, Zitrus, saftig, schöne Balance - so richtig Grüner Veltliner, wie ich mit Freunden feststellte! Und der 2010 Grüner Veltliner „Hundsleitn“, der als DAC Reserve erst am 26.11. gelesen worden war - viel klebrige Arbeit beim Auslesen der Botrytisbeeren („ein besch.... Jahrgang in der Ernte“ soll ich nicht zitieren) ist blitzblank, gerade, mit einer Natursäure von nur 5,9 ‰ (50% waren im großen Holzfass 3 Monate auf der Hefe). Großartig auch der 2010 Chardonnay „Exklusiv“: Kalkböden geben Mineralität, nur 20% werden im Holzfass ausgebaut - so bleibt bei aller zarten Exotik viel elegante, feine Frische im Wein. Wenn Söhne in den Weinbetrieb hineinwachsen, so verändert das die Weine durchaus zum Positiven: das zumindest ist im Hause Tement festzustellen. Sowohl der von Armin Tement präsentierte 2010 Sauvignon blanc Grassnitzberg als auch der 2009 Sauvignon Blanc „Zieregg“ überzeugen durch lebendige Eleganz; der Zieregg hat herrliche Feuersteinaromen und ist zugleich supersaftig - die holzlastigen Zeiten sind vorbei!

Die Weintipps dürfen Sie durchaus ernst nehmen, als Bezugsquelle versteht sich Döllerer von selbst.

Auch wenn Sonja Rauch höchstpersönlich angereist war, um den väterlichen Johann-Schinken herunterzukurbeln (für mich der beste Rohschinken des Vulkanlandes), war irgendwann der Appetit aufs Walkensteiner-Menü nicht mehr zu bändigen.