Lebenskunst: Aneignung eines Ortes - IMBISS!

17.11.2011

Da drüben gibt‘s einen witzigen Imbiss, irgendwie künstlerisch - man sieht aber von außen gar nicht, dass da was ist, sagt die Freundin, deren wunderbares erstes Buch wir mit Champagner begrüßen. Als sie hinüber spaziert und mit einer Schüssel Szegediner zurückkommt, scheint dessen intensiver Duft mit den zarten Champagneraromen eigenwillige Geruchs-Interferenzen zu bilden, wie ein unbotmäßiges Eindringen der Esskultur-Basis in die hehren Gefilde elitärer Getränkekultur. Obwohl, warum nicht Terroir-Champagner* zum Krautfleisch, die verschiedenen Anmutungen des Erdigen ließen sich doch durchaus vermählen? Im letzten Licht eines Nebeltages laufe ich hinüber, bleibe da stehen, wo nichts ist, habe eine Ahnung und ja! Philipp Furtenbach kommt mir entgegen, ich lache und stehe inmitten eine vertrauten ao&-Situation.

Die Aneignung eines Ortes hat diesmal in der Innenstadt stattgefunden, Gemüsekisten, ein Schinkenbein, ein Käselaib, Essengeruch zieht durch den Raum, in der Pfanne am gar nicht so improvisiert aussehenden Herd schmurgeln kleine Fleischlaberl. Die leeren Räume einer ehemaligen Boutique wurden umgekehrt „hergerichtet“, nicht zugedeckt und angepinselt, sondern im Gegenteil freigelegt, zeigen deren Struktur. Und wurden neu eingerichtet: das Künstlerkollektiv mit dem Kernteam der beiden Philippe, Furtenbach und Riccabona, dazu Thomas A. Wisser ist versiert in einer auch klandestineren Aneignung von Plätzen, hier aber lief alles durchaus geordnet, der Besitzer, Martin Lenikus, hatte die Räumlichkeiten angeboten. Ein funktionelles Kochmöbel, ein großer Tisch, schlichte Sitz- und Lungermöbel, Hinterausgang zum Innenhof, wichtig waren die elektrischen Leitungen, eine Woche Arbeit in mehreren täglichen Schichten, und jetzt gibt es den Imbiss als trefflichen Beitrag zur Esskultur in der Vorweihnachtszeit.

Mit einem etwas anderen als dem gewohnte ao&-Konzept freilich: hier wird, von außen gut abgeschirmt (so sinnig der Bildschirm, der nur Licht, nicht aber Information nach draußen bringt), für Wissende, die der Mund-zu-Mund-Erzählung folgen, nicht die große Menüfolge aus persönlich bekannten Zutaten für eine große Tischgesellschaft bereitet, wie es etwa in der Sommerlocation am Loquaiplatz der Fall war, sondern von zehn bis zehn, jeden Tag außer Sonntag, ein Gericht gekocht oder auch zwei; manche Zutaten kommen von Freunden, die alle aufgerufen sind, ihre persönlichen „Handarbeiten“ zur Verfügung zu stellen, Marmeladen, Eingemachtes, den Sommer in Gläsern zu bringen, Joseph gibt das Brot, und Gastköche mit oder ohne eigenem Herd - Jörg Wörther wird kolportiert, Konstantin Fillipou (der am kommenden Wochenende freilich im Sausal zum Wein von Christoph Heissenberger seinen Auftritt hat), aber auch Katharina Seiser, Severin Corti und und üben sich in einer spezifischen Ausformung des „Inbegriffs demokratischen Genusses“. Ein lebendiges Kommen und Gehen, Sitzen und gemeinsam Essen und darüber Reden. Wein gibt es ganz guten, Sepp Muster hab ich gesehen, Hannes Hirsch, Velich, Weißen Schiefer und so fort: was für eine Alternative zu trällernden Weihnachtsmärkten und klebrigen Punschstandeln!

Bis 23.12. geht das noch, wär ich in Wien, mich packte die Versuchung, täglich da zu sein, zu sehen, wer kommt, wer wieder geht, wer bleibt.

IMBISSklein  Wiener Forum zur Imbisskultur bis 23.12.11 täglich außer Sonntag 10 bis 22 Uhr 
1010 Wien, Bauernmarkt 1, Eingang Freisingergasse
Veranstalter Club of Plenty www.clubofplenty.org www.aound.net

* Agrapart Terroir chez Le Cru und andere wirklich feine bubbles!