Es wird ein anderes Jahr gewesen sein

31.12.2014
tags: salon

 

Am 2. Jänner 2014 habe ich den Knoten in meiner Brust entdeckt, am 2. Jänner 2015 fahre ich zur letzten Bestrahlungsdosis nach Innsbruck. Dazwischen liegt ein Jahr, das anders war als alle 56 zuvor gelebten. Anders, doch kein unmögliches Jahr, schon gar kein Scheißjahr. Vielmehr eines, das mich ebenso innehalten ließ wie es mich vorangetrieben hat. Das mich Nein sagen und Ja sagen zugleich gelehrt hat. Das mir Dinge über mich erzählt hat, die ich bislang anders angeschaut oder gar nicht beachtet hatte. Das mir einen Strom an Zuwendung beschert und Mut geschenkt hat. Die Gewissheit meiner Stärke. Unerschrockenheit. Überzeugung. Zuversicht.

Die schwachen, verzagten Momente behielt ich für mich. Das Strahlen trug ich hinaus. So fiel es mir leichter, alles anzunehmen und mich zu lieben, daraus zog ich die Kraft, allen Veränderungen zu begegnen und für die Menschen um mich offen zu sein.

Es wurde ein Jahr, das mir neue Perspektiven eröffnete, mich alte Spuren aufnehmen ließ und vor allem mehr Sicherheit gab in einer rundum unsicheren Stimmung. Das mag paradox klingen, aber nur so, in dieser Einübung der Fähigkeit zum Drahtseilakt ohne Netz, im Aufrecht bleiben trotz schwankenden Grundes, liegt das Geheimnis der Lebensfreude, die mich mit immer wieder überwältigender Vehemenz packte. Buchstäblich das Blut in den Adern spürend. Partielle Auflösung des Körpers? Lächerlich angesichts der Intensivierung jeglicher Wahrnehmung, der Atemlosigkeit, die mich ergriff beim Blick in Landschaften, durchdringende Glücksgefühle mit dem Wunsch, mich verströmen zu können in dieser Welt.

Die Chemotherapie hat mir die Haare von Kopf und Körper und die Haut von den Fußsohlen gelöst. Die Bestrahlung benebelt noch immer mit lethargischen Anwandlungen, reduziert meine Sprachfähigkeit, nach jedem Wort muss ich lange klauben. Aber nichts, nichts konnte mir den Widerspruch nehmen und die Lust, aus dem Vollen zu schöpfen, mich Reisewegen anzuvertrauen, neuen Menschen zu begegnen, Gutes zu essen und Gutes zu trinken, gut nach meinen Maßstäben und auch Notwendigkeiten.

Es ist Silvester. Ich trinke Wein der Stille, den Champagner hatte ich schon tagsüber. Es wird hier keine Bestenlisten geben, nicht die 10 Restaurants oder die 10 Weine des Jahres, auch wenn es so viele wunderbare #gegenkrebs Erlebnisse kulinarischer Natur unterwegs gegeben hat. Es gibt auch keine Vorsätze. Denn was zu tun ist, wird getan werden; was nur vorgesetzt wird, bliebe wie eh + je auf der Strecke! Aber Wünsche gibt es, leicht erfüllbare und jene ins Universum geworfene. Sie dürfen gehört werden, wer auch immer sich angesprochen fühlt. 

Ganz silvestergemäß beginne ich mit:
1. Champagner von Marie Courtin, weil Frau und biodynamisch und nach meinem Geschmack (0 Dosage, sogar einer ohne Schwefelzusatz!)
2. Champagner von Cédric Bouchard, weil er so jung und neu ist und so eigenwillig arbeitet (und ansehnlich obendrein ist)
3. Champagner von Jacques Selosse, teuer und rar und gut. Wär was für ein Liebesgeständnis oder einen Heiratsantrag, aber auch einfach so. Weil das Leben gelebt gehört.
(Alle diese Champagner sind unter anderem bei Champagne Characters zu beziehen, wenngleich nicht alle immer erhältlich)

4. Meinen Kindern den Mut, ihren Weg durchs Leben mit Eigensinn zu gehen
5. Geistesblitze und Wortkraft ohne Schatten
6. Augen-Blicke
7. Umarmungen
Sieben ist eine gute Zahl; die Unendlichkeit kommt ohnehin früh genug und von selbst.

Der Titel dieses Eintrags war auch jener meines heuer einzigen, nach über einem Jahr endlich wieder versandten Newsletter. Also ende ich auch wie dort:

Die Ihre, Angelika Deutsch