Wein-Adventkalender ::18:: Es werde sol!

18.12.2014

Die Vorstellung, wieder Tiere am Hof zu haben, so wie es früher in einer Weinviertler Landwirtschaft üblich war, arbeitete schon länger in ihm. Nun hat Michael Gindl seine Rinder. Schottisches Hochland, mit Hörnern versteht sich. Im Zuge der Demeter-Umstellung war es auf einmal ganz einfach. Land genug ist da für Freilaufflächen, auch wenn die Nachbarn das behutsam ausgedrückt für merkwürdig befinden, so ein öffentliches tierisches Familienleben. Dabei sind sie allesamt handdzahm, 15 Stück waren es im Sommer. Der Mist wird kompostiert, der Wein dankt’s. Angebaut werden außerdem Sonnenblumen, Gerste, Roggen, Einkorn.

Der Wein war schon länger da. 47 Jahre alt ist die älteste Rebanlage, sie ist gepachtet und bis heute unbehandelt. Nur mähen und ernten, nicht spritzen, alles wickeln – das ergibt weniger Wuchs, eine weniger dichte Laubwand und lockerbeerige Trauben. Michael Gindl hat ein Gespür für seinen Boden: Durchfahrt mit schwerem Gerät ist Stress für die Wurzel. Er schaut auch seine Rebstöcke etwas anders an als andere Winzer: „Der Grüne Veltliner neigt zur Selbstzerstörung,“ sagt er. „Je geschwächter der Stock, desto mehr Trauben produziert er!“ Die Nachkommenschaft muss gesichert sein … „So ein Rebstock ringt ums Leben! Bei Trockenheit produziert er mehr Traubenansätze, das ist der Überlebensdrang des Grünen Veltliners!“

Die alten Anlagen sind ausgeglichen, man muss nichts wegschneiden, sagt er. Die Rebstöcke wissen, was sie sich zumuten können. „In einem Jahr mehr, im nächsten dann eben weniger.“ 10 Hektar umfassen mittlerweile die Weingärten in und um Hohenruppersdorf; einer davon ist gänzlich unbehandelt, zu 30% kommt er mit sehr wenig Spritzen aus. Alle vier bis fünf Jahre wird die Begrünung erneuert. Aber eigentlich ist Michael Gindl dafür, das System Weingarten sich mehr oder weniger selbst zu überlassen. Es ist eine Dauerkultur, und wenn man ihr Zeit gibt, dann gibt sie auch das Richtige her. „Nur nicht die Nerven wegschmeissen! Es funktioniert grundsätzlich!“ Viel Vertrauen also in die Natur; da ist es logisch, auch im Keller wenig zu tun, ohne Zusätze zu arbeiten. Aber er ist ohnehin nicht gerne im Keller, „ich bin ein Weingartenmensch.“ Prüfnummern wird man vergeblich suchen, dafür gibt’s umso mehr individuellen Geschmack.

Flora 2013 ist etwas spröder als 2012; 50% Riesling, außerdem Welschriesling, Sämling, Müller-Thurgau, Muskateller. Mit 7,5g Säure und 2g Restzucker ziemlich knackig! Bei allen Weinen gibt es, je nach Sorte, 4-18 Stunden Maischestandzeit. Nach dem Pressen darf sich alles Überflüssige im Most über Nacht absetzen, und dann geschieht bis zur Füllung nichts mehr. Ein wenig Schwefel, fertig.
Der Grüne Veltliner wird nicht nach Lagen ausgebaut, die Unterschiede liegen in der Intensität. 
Little Buteo 2013: 10,5%, feiner Schmelz unter Frische, fröhliche Spannung, anregender Gerbstoff, sehr süffig. 2013 war die Reife sehr früh, deshalb ist er ein Leichtgewicht.

Michael Gindl ist sehr zufrieden mit der biodynamischen Arbeit; er findet wesentlich weniger Grüntöne in den Weinen, das läge auch an der Spontanvergärung. Sein oberstes Credo beim Weinmachen: „Sie müssen mir selbst schmecken!“ Bereits als 18jähriger habe er den Weinviertel-Stil hinterfragt: „Warum muss ich mich nach dem Publikumsgeschmack richten?“ Außerdem: mit normalen Kunden, die nicht mehr als 5-6€ zu zahlen bereit sind, käme man nicht weiter. Natürlich war anfangs das Geschäft eingebrochen, als er den Stil radikal umgestellt hat und doch noch unter Weinviertel DAC abfüllte: Spontanvergärung, später gefüllt, einen Tick individueller.

Mit dieser negativen Überraschung konnten die Stammkunden nichts anfangen, er hat fast nichts mehr verkauft. Also kamen andere Etiketten, auffallend, einladend, von jener Art, zum Kosten zu verführen ohne zu wissen, was in der Flasche ist. Das war vor 3 Jahren, mit Jahrgang 2010 hatte er die ersten Erfolge. 20.000 Flaschen sind es derzeit, mittelfristig sollen es 30.000 werden. Vernünftig davon leben können will er, mehr nicht. Derzeit ist der Ackerbau noch eine wesentliche Stütze. 80% gehen in den Export, „Österreich hinkt hintennach“. Er zieht es vor, mit seinen Weinen zu Köchen zu gehen und nicht zu Sommeliers, es sind Essensbegleiter. 

Buteo 2012, 12,5%, 2 Wochen offen: sauber, sehr lebendig, Frucht und Würze. Ausgebaut in alten 1500-4500l Fässern. Buteo steht für Bussard, ein paar Exemplare bevölkern seine Weingärten.
Buteo-12 2012, 13,5%, 700l Akazienfass, 50% neu. Schwefelfrei, intensiv, oxidativ, etwas fetter in der Nase, Schmelz. Offen, einladend, mit Würze, Salzigkeit und erfrischender Säure. Michael Gindl ist sehr glücklich mit diesem Wein. Ein Pferd hat er sich auch gekauft, möchte an Traktorfahrten einsparen, was geht. Und die Beziehung Pferd-Mensch, auch die gefällt ihm. 

Sol 2010, unfiltrierter, auf der Maische vergorener Veltliner, goldfarben. Sehr erdig, Krenwurzel.
Sol 2011: dunkelgelb, rauchig, sehr salzig. Tee, Gerbstoff, ein Elixier mit Frische, dank 5g RZ charmanter als 2010. Der Name kommt vom ersten urkundlich erwähnten Weingarten in Hohenruppersdorf; für diesen Wein werden die Trauben aus ältesten Anlagen extra gelesen.

Michael Gindl kann auch rot: Red Bessi, 80% Zweigelt 2011 und 20% Cabernet Sauvignon 2012. Der wird nämlich nur jedes zweite Jahr reif, eine Hassliebe. 6 Monate auf der Maische, minimal Schwefel. Sehr gemütliche Nase, warm und wohlig, saftig, rund, prägnant. Ein Wein, der auch in kühlen Nächten wärmt. Am Langbathsee bei der Feldküche selbst ausprobiert. Vom 2013 Zweigelt wurde einiges in den georgischen Amphoren, die er gemeinsam mit Johannes Zillinger bestellt hat, im Gewölbekeller vergoren; zum Zeitpunkt des Besuches Mitte Juli 2014 – an einem der wenigen heißen Wochenenden – lag er noch auf der Maische und sollte nach dem Pressen wieder für ein weiteres Jahr in die Amphore.

MG vom Sol

 

 

 

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