Wein-Adventkalender ::14:: grain par grain

14.12.2014

Wallis Anfang November. Der Föhn bläst durch Rhônetal, die Weingärten leuchten gelbbunt an steilen Hängen. Verkostungseinkehr bei Marie-Thérèse Chappaz, einer der wunderbarsten Weinfrauen der Schweiz. Sie ist berühmt für ihre Süßweine, mit „grain par grain“ als letzter Offenbarung. Petite Arvine, Beere für Beere über den Zeitraum von sieben Wochen herausgepflückt, ein rarer Wein. 

Jahrgang 2007. Glockenhelle Frucht im dichten, goldenen Saft. Zitrus, die Säure flirrt mit, Kräutertöne mischen sich darunter. 100% Botrytis, angetrocknete Marille, die erfrischende Säurefrucht ist einfach berückend. Eine unschuldige Schönheit, ein großer Emotionswein, ein Wein, der an einem Nebelsonntag, wie er heute, da ich das schreibe, über der Stadt liegt, ein großes Leuchten in den Tag brächte; allein die Erinnerung tut es. „Das Glück fassen – jetzt“.

Marie-Thérèse macht auch Rotwein. Den Grain Pinot 2010 bezeichnet sie selbst als den „besten Pinot, den ich je gemacht habe“: ungewöhnlich forderndes Tannin, Säure, große Frische, saftig und salzig, ein Rebell, etwas nervös, ein Wein, der dich unweigerlich packt. Und dann ist da noch ihr erster Wein mit demeter-Zertifikat (um ihre biodynamische Arbeit weiß man, sie ist aber - noch - nicht auf den Flaschen dokumentiert), im klassischen „Stifterl“, als der Kleinstflasche für 0,25 Liter. Gamay und Pinot mit dem Namen Nature Liaudisaz. Vor allem ist es der erste Versuch ohne Schwefel. Warum die Kleine Flasche? „Wein gehört zum Essen“, sagt Marie-Thérèse, da müsse er nicht immer sophisticated sein! In diesem handlichen Format ist er auch als Picknickwein tauglich, oder das perfekte Format fürs Mittagessen, außerdem so gesund, damit man nachher noch arbeiten kann. Keine Filtration, dreckige Frucht, erdige rote Beeren. Braucht etwas Luft, blüht aber schnell auf, Johannisbeeren, Kirsche, feine Säure, hell und freundlich, je länger er offen ist. Also doch nicht der Wein zum schnellen Trinken?

Chappaz

 

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