Wein-Adventkalender ::12:: Skurfberg on Treinspoor

12.12.2014

Darf ich vorstellen: Eben Sadie. Anfang Mai tourte er durch Österreich, gemeinsam mit Erich Wagner, der ihn im Sortiment hat. Ein kleiner Verkostungsabend in Wien, mit Menü aus der Privatküche, ist wiederum Dorli Muhr zu verdanken; wunderbare Gelegenheit, hautnah, quasi tête-à-tête und im Plauderton, etwas vom Nimbus um Die Sadiefamliywyne zu ergründen. Die hard facts lassen sich anderswo nachlesen. Dies hier ist ein Adventkalendereintrag mit Erinnerungsgeschichte.

Zunächst war da das anfängliche Entzücken über die Zalto Gläser. „Großartig! Nur die Österreicher konnten so etwas kreieren! Mit einem guten Glas sieht du mehr Dimension im Wein – es ist weniger Glas zwischen dir und dem Wein.“ Und dann waren wir auch schon mitten im Wein. Eben Sadie vinifiziert zwei Typen von Wein: die Signature Weine Palladius und Columella, und die old vine series „Ouwingerdreeks“, die erstmals mit Jahrgang 2011 der Welt präsentiert wurden. Acht Weine aus uralten Einzelweingärten, allesamt Monopollagen. Sechs davon konnten wir an diesem bemerkenswerten Maiabend in kleiner Runde verkosten. 

Die Vinifikation ist für alle Weine dieselbe: „Es gibt keinen magic way of winemaking.“ Für Eben Sadie macht der Boden den Wein. Wenn alle Weine auf gleiche Art vinifiziert werden, kommt der Boden zum Ausdruck. Minimengen, vats, barrels und eggs, eine Korbpresse. 

Mev. Kirsten 2012, ein Chenin Blanc, wurde 1905 gepflanzt. Er steht auf 180 m Seehöhe im Stellenbosch auf Granit. Ein wilder Wein, der sich nicht zähmen lässt und den man auch zwei Monate offen stehen lassen kann! sagt Eben. Dunkelgelb, reife Frucht, niedriger Alkohol. Ungestüm, voller Gerbstoff und Grip. Hält lange an, salzig, ein Wein zum Hineinfallen. 
Ganz anders der Chenin Blanc Skurfburg 2012, aus einem 88 Jahre alten Weingarten. 1,8 ha auf 800m Seehöhe, Tafelberg-Sandstein. Elegant, Frucht, sehr geradlinig direkt. Große Länge, sehr mineralisch, hell. Der Name bedeutet „Rauer Berg“. „Südafrika hat durch seine Geschichte das Glück, über anteilig besonders viele alte Weißweingärten zu verfügen!“ Und Eben Sadie hat ein paar davon. „Chenin Blanc ist eine interessante Traube, wandelfähig wie ein Chamäleon.“ Zu diesen beiden Weinen serviert Dorli Muhr gebratenen Grünspargel mit Pinienkernen, Ei und Brunnenkresse.

`T Voetpad 2012, ein gemischter Satz von 1887. Chenin Blanc, Palomino, Semillon blanc und gris, Muscat. „Der perfekteste Weinberg in Südafrika, mit jeder Menge Energie. Es wurde aber auch viel Arbeit hineingesteckt.“ Dazu gibt es noch eine richtig gute Geschichte, perfektes storytelling zum perfekten Weingarten: Man saß bei Gin Tonic in der Bar. Ein Typ erzählt von diesem Wunderweinberg. Nächtliches Hinterherfahren, ohne den Mann zu finden. Wohl aber den Platz! Und irgendwie gelangte diese Parzelle dann in den Besitz von Eben, 2009 war der erste Jahrgang. Wurzelechte Stöcke in Tafelberg-Sandstein, immer wieder werden welche nachgepflanzt. Die gesamte Fläche wird an einem Tag geerntet; es gibt 2000 Flaschen davon. „Allerdings findet man die guten Weingärten nicht immer in der Bar – es ist eher ein wissenschaftliches Unterfangen“ scherzt Eben Sadie. Kurzkostnotiz: Flirrende Frucht, fröhliches Spiel. Perfekt zum gedämpftem Kabeljau mit Scheiben und Zesten von Zitrone und Orange und frischem Koriander.

Palladius 2011: anders als die anderen. Viel runder, ein Blend, ein Appellationswein. Aus Trauben gemacht, die genau für dafür passen: Chenin Blanc, Grenache Blanc, Marsanne, Roussanne, Viognier, Semillon Blanc, Semillon Gris, Palomino, Clairette, Verdellho. Von den 16 verschiedenen Parzellen stehen 13 auf Granit, drei auf Quarz und Sandstein. Jede wird separat ausgebaut, 12 Monate in kleinen Betoneiern, Amphoren oder alten Fässern. Der Blend kommt dann in alte große Fässer. 2011 war ein außergewöhnliches Jahr im Swartland, dieser Wein wurde zu einem der besten des Portfolios: multidimensional, immer riecht er anders, er weicht nicht. Und findet man etwas gerade nicht, so kann man sicher sein, es später wieder zu entdecken. „Der Palladium ist jeden Tag ein anderer Wein.“ Er sei zudem sehr sauerstoffstabil, verliere auch nach einem Monat nicht an Prägnanz. Der weiße Signature Wein also, den man lange reifen lassen kann. Und perfekt in der Kombination zu Essen, „das ist uns wichtig“ betont Eben. Erich Wagner legt das Motto des Abends fest: „It’s easy to make a good dinner with great wines!“ „Ich koste den Wein, dann koche ich“ erwidert Dorli Muhr lakonisch und serviert Lachstatar, Lachskaviar, rosa Grapefruit und Dillcreme.

Dann wird es rot: Soldaat und Poffader, zwei Rotweine vom Typus hell, 100% Grenache der eine 100% Cinsault der andere. „In Österreich gibt es helle Rotweine, aber Südafrika, Syrah, Mourvèdre, Grenache, da wird dunkel bevorzugt. Es war schwierig, diese unsere beiden hellen Typen zu etablieren!“ erzählt Eben Sadie. Aber auch in Österreich ist eine solche Transparenz nicht selbstverständlich: so hell, da muss etwas falsch sein. “Rotwein nicht wie Kaffee, sondern wie Tee machen!“ aber ist das Sadie-Rezept.
Poffader, ein Wort, dass die Amerikaner nicht aussprechen können und die Japaner verwirrt. „You have to be soft“ sagt Eben. Es ist der Name des Weingartens, der wiederum nach den gefährlichen Schlangen benannt ist, die dort leben. 150 km vom Keller entfernt, „ein einzigartiger Platz“; Eben fährt oft hin. Er ist ganz für sich gelegen, im Umkreis von 60 km gibt es keinen anderen Weinberg, und die 1,7 ha lassen sich an einem Tag bearbeiten. 1920 war Cinsault mit 80% noch die meist angepflanzte Rebsorte in Südafrika, doch diese Flächen wurden ein Opfer der Rezession. Guten Cinsault aber erhält man nur aus alten Weingärten, die jungen Trauben sind als Rosé besser geeignet, ist die winemaker-Erfahrung. 
Das sei auch bei Grenache so, und überhaupt: man braucht eine gute Rosékultur, um guten Cinsault und Grenache zu machen. Aber Südafrika ist ein warmes Land, da funktioniert das mit Roséwein und Essen. „Und in 30-40 Jahren haben wir wieder diese alten Gärten!“ Eben Sadie ist froh, diese beiden Gärten gefunden zu haben. „Wenn ich es da nicht schaffe, dann schaffe ich es gar nicht.“ Der Cinsault steht auf braunem Schiefer mit Eisen, der Grenache auf Sandstein. Beide werden in der grappes entières-Methode vinifiziert, stehen 40-80 Tage auf den Schalen, Korbpresse, alte Foudres, that’s it. 

Poffader 2012: zarter erster süßer Eindruck, doch dann schwappt auf einmal das Tannin über. Also kein easypeasy, sondern ein Wein vieler Schichten! Straff, straffer, und ordentlich Grip. Ein sehr aufrechter Wein, der auch dich aufrichtet, einer mit kühler Schulter. Und siehe da: zur Entenbrust mit Linsen gibt er doch etwas von seiner Frucht preis! „Cinsault is attitude and character.“
Der Grenache im Soldaat 2012 zeigt Blüten, wirkt kraftvoller. „Ich liebe Grenache“ sagt Eben, „aber den eleganten Stil. Nicht den trockenen Typus, sondern Frucht. 800m Höhe sind ein guter Platz dafür!“ Zur Ente gibt der Wein sich allerdings sehr trocken, sehr reduziert, auch sehr salzig.

Zwischendurch stellt Sadie prinzipielle Fragen: Warum muss Rotwein teurer sein als Weißwein? Die Arbeit ist doch dieselbe! Auf Fragen nach der Südafrika-Identität formuliert er: „Wir sind sehr beeinflusst von der Alten Welt, aber auch sehr in unserer Erde verankert. Wo wir leben – in dieser Mitte von Nirgendwo – das ist sehr bindend. An Europa hingegen sind wir durch die Geschichte gebunden. Ein new world guy geht einfach nicht in ein new world Land.“

Dann kommt Treinspoor 2012 alias Tinta Barroca: Die portugiesische Rebsorte gelangte in den 1960er Jahren zwecks der Produktion von fortified wines nach Südafrika. „Im Swartland reift sie perfekt! Ergibt feine Weine, die sich leicht zum Essen fügen!“ Eben’s Rebsortencharakterisierung: Grenache = Präzision; Cinsault = Charakter; Tinta Barroca = politisch korrekt. Der Treinspoor ist mit 6000 Flaschen das top selling Produkt. „Den kann man mit der Oma trinken!“ Allein schon der Name sei viel besser als etwa Poffader (die Schlange!). Der Weingarten ist allerdings nicht so schön und spektakulär wie die anderen. Flach wie eine Eisenbahnspur nahe der Autobahn. Und doch hat er ausgerechnet diesen ausgesucht, denn er bringt den besseren Tinta Barroca-Wein hervor: „DAS ist Terroir!“ Von 1967 stammend, ist er der jüngste seiner old vines und hat immer noch hohes Potential. „Die aus den 1880ern liegen in den letzten Zügen.“ Der Gang zum Wein: Rehragout mit Tomatenpolenta.
„In Portugal machen sie so tolle Weine aus dieser Rebsorte! Geschmeidig, reif, süß. Aber sie ist sensibel gegenüber Sonne, warme Jahrgänge sind schwierig.“ Dennoch hält Eben die Tinta Barroca für interessanter als etwa Syrah: „Der kann sehr monolithisch werden!“ Schließlich seien die portugiesischen Trauben auch die Hitze besser gewohnt, halten die Säure besser; 13% und Frische sind also kein Problem. 

Weinwechsel, Columella 2010. „Ein einfacher Wein für jeden Tag“ lacht Eben. Wie schon der Palladium ist auch dieser ein Appellationswein, aus Mourvèdre und Syrah. Er wird seit 15 Jahren gemacht, war der allererste große Erfolg von Eben Sadie. Ein Wein für lange Lagerung, ein seriöser Wein. Kurznotiz: rauchig, salzig, voller Würze, wunderbar zum Essen (Geschmorter Ochsenschwanz mit Preiselbeeren).
„Mit 23 Jahren habe ich begonnen, Wein zu machen. In diesem Alter ist man noch nicht sehr beständig. Und das waren auch meine Weine anfangs nicht. Aber wenn du etwas über so lange Zeit machst, verändert sich viel. So auch dieser Wein: nun ist er für lange Reifezeit gebaut.“ Acht Parzellen mit spannenden Böden, jeder einzelne Wein dieses Blends wird gleich vinifiziert. 2010 mag noch jung sein, aber es war das beste Jahr der 2000er. Der Name des Weines ist eine Hommage an den Römer Columella, der im 1. Jh. n.Chr. lebte und dessen schriftliches Werk über Landwirtschaft, Gartenbau und Baumzucht bis heute nicht angekommen ist. Deshalb gibt es diesen Wein. Palladius ist profaner erklärt: Um 2000 konnte man keinen weißen Südafrika-Wein teuer verkaufen; mit einem lateinischen Namen aber ging die Assoziation gleich Richtung Italien – und man kann ihn auch aussprechen!

Schließlich führt das Tischgespräch, während wir an 36 Monate altem Gouda knabbern, zurück zu den fortfied wines: Südafrika hatte einstmals eine große Kultur der gespriteten Weine, die während der Apartheid verschwand. Langsam aber entsteht wieder neues Interesse daran, schließlich ist das eine „to good story to die!“ Man müsse wieder an der Kultur des „eine Flasche weniger Stillwein, dafür dann ein Port“ arbeiten, meint Eben. Ein Beispiel dafür, wie Südafrikas politische Geschichte auch den Weinbau beeinflusst und beeinträchtigt hat. Die Sanktionen führten dazu, aus Weintrauben eher Destillate zu machen, um die Wertschöpfung zu erhöhen. Rotweinreben wurden ausgerissen, die alten weißen Gärten aber konnten bestehen bleiben. Deshalb ist es sehr schwierig geworden, alte rote Anlagen zu finden. Wie hoch aber wirklich der Anteil an alten Weißweingärten ist, ist schwer zu sagen. Vielleicht viel mehr als angenommen – aber es geht so viel Wein die Bag in Box-Produktion! Die Eigner großer Supermärkte haben eben andere Ideen. Doch zu unserem Glück gibt es Männer wie Eben Sadie…

Ohne Dorli Muhr und Erich Wagner gäbe es diese Geschichte nicht. Der Salon dankt.
Sadie Weine sind in der Vinothek Wagner erhältlich.

 

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