Wein-Adventkalender ::8:: Mystery und Anarchy

08.12.2014

Wer am 8. Dezember von wem empfangen wurde, bleibt für die meisten wohl ein anhaltendes Mysterium. Für den Salon ist der Tag "Maria Empfängnis" aber ein Grund, die Erinnerung an einen wahren Mystery-Wein hervorzuholen. Plus Anarchy-Bonus Track.

Irgendwann fiel mir im Weinkeller eine unetikettierte Flasche in die Hände. Burgunderform, keine Kapsel, kein Hinweis am Korken. Eine Fassprobe? Wie lange lag sie schon da? Ich vermeinte mich dunkel zu erinnern, dass sie Teil eines ganzen Weinpaketes gewesen sei, deshalb von einem österreichischen Winzer stammen musste. Aber wer, das ließ sich nicht mehr aus den Tiefen des Gedächtnisses herausholen.
Weil damals Advent war und ein gutes Glas Wein immer willkommen, nahm ich die Flasche zur Freundin mit. Und immer noch kann ich mich an die Überraschung erinnern, die dieser Wein hervorrief: absolut harmonisch, kompakt, dunkel, elegant. Geschmeidig, dunkle Frucht, an eine Bordeaux-Cuvée erinnernd, möglicherweise war auch Blaufränkisch im Spiel, jedenfalls nicht als reinsortig identifizierbar. Und weil die Trinkfreude so groß war, warf ich jegliches weitere Grübeln über Bord und nahm diesen Mystery-Wein als ganz große geschenkte Freude an. Das war am 7. Dezember 2012. Unvergessen.

Fast der Vergessenheit anheim fallen könnten allerdings die Adventkalender-Einträge 2013, die in einem bösen Server-Crash von der Bildseite verschwanden. Einen möchte ich hier hervorholen, des Namensspiels mit Y wegen: Organic Anarchy von Aci Urbajs.

Die Anarchie des Aci Urbajs ist eine zutiefst demütige, aus seiner biodynamischen Arbeit wachsende. Er ist ein überaus bescheidener Mann, bleibt lieber im Hintergrund, ist beim Fotografieren kaum zu fassen. Doch wenn er reden darf, blüht er auf; seine Augen leuchten, wenn er seine ganz archaische Sicht der Dinge vermittelt. So funktioniert die Welt für ihn, und die wohltuende Ruhe, die von diesem Mann ausgeht, ist beeindruckend.

Er ist konsequent in seiner Arbeit des Weglassens, des Nicht-Tuns. Kein Traktor, dafür Pferde, kein Schwefel. „Biodynamik gibt Energie und Begeisterung!“ verkündet er. „Wir sind alle so müde geworden, wie alte Erde.“ Aci möchte elastische Weine machen, und die können nur ohne Schwefel entstehen, denn selbst biodynamischer Wein, einmal geschwefelt, sei wie Beton. Ohne Schwefel aber ist er wie Holz, das ewig hält – und er bemüht hier den Vergleich mit Venedig, das auf hölzernen Pfählen steht. Seit 2006 arbeitet er erfolgreich ohne Schwefel

„Wein, der Leben in sich hat, den trinkt man wie Mineralwasser!“ Rifnik heißt einer der drei Weinberge in Slowenien, wo Aci Urbajs arbeitet, hier wurde schon im Altertum Wein angebaut. Seit 1988 ist er ein Biobetrieb, seit 1999 demeter-Mitglied. Er ist ein Extremist, arbeitet ohne Dünger, um in den Gärten das absolut natürliche Gleichgewicht zu behalten. „Wir müssen mit den Gesetzen der Natur arbeiten!“ Deshalb gibt es auch in jedem der drei Weinberge einen Keller – um den Wein nicht vom Garten zu trennen!

Chardonnay, Kerner, Riesling, Sivi Pinot und Modri Pinot sind die Rebsorten; er lässt Gerbstoff zu, Mazeration auf den Schalen. Nur wenn Botrytis dabei ist, wird sofort gepresst. Aci mag das weiße Tannin, es ergibt Weine mit Biss. Und wenn die Trauben gesund sind, darf es ruhig oxidativ sein. „Die Liebe zwischen Hefe und Zucker, die Fermentation, das ist das wahre Kosmische“ ist ein weiterer seiner markanten Sager. 

Aci Urbajs hat Ökonomie studiert. „Wir brauchen im Keller keine Technologie!“ ist er überzeugt. Weinmachen sei ein archaischer Prozess – warum sollten wir ihn mit menschlichem Fortschritt zerstören? Schmeckt ein Wein zu dem einen Zeitpunkt nicht so gut, dann wird er vielleicht im nächsten Jahr! Gewiss, eine solche Haltung muss man sich leisten können, sie inkludiert Verzicht. Aus unserer Sicht gesehen. Aus der von Aci wohl nicht, er lebt anders. „Das Wort ist kompliziert. Wir müssen entspannen.“ Wein ist für ihn nicht einfach nur Produkt, sondern Erde, Körper, er geht seinen eigenen Weg, jede Flasche ist anders. Und jeder hat seinen eigenen Wein des Lebens. „Es gibt ein mächtigeres Gesetz als das des Menschen: Anarchie.“

Organic Anarchy 2011 (Sivi Pinot/Grauburgunder)
Dunkles, trübes Orangegelb. Der Wein strahlt große Ruhe aus, öffnet sich aber nicht sofort. Eine Mischung von Apotheke und Blüten tritt entgegen, der Wein gewinnt mit der Luft feine Frucht. Man schmeckt Metallstaub ebenso wie Mandeln mit Zuckerüberzug – eine permanente Veränderung, die da im Glas geschieht. Etwas Orangenhonig, dann wieder dieses „dreckig“, das – ich gestehe es – so liebe. Der Gerbstoff ist da, aber keineswegs mächtig; die feinen Bitternoten unterstützen im anregenden Spiel am Gaumen. Endlos salzig.

(Zu beziehen über Orange Wine von Egon J. Berger)

 

 

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