Christoph Wagners Lebenskochbuch

30.04.2014
tags: cookbook

ICH WAR EIN BEWOHNER DES SCHLARAFFENLANDES

 

Christoph Wagner hätte heuer seinen 60er gefeiert. „Ich wollte ihm etwas schenken“, erzählt Renate Wagner, seit beider Jugend die Frau an seiner Seite. Ein Fest? Irgendwie nein. Eine Biographie? Das hätte CW selbst zu wenig Pfiff gehabt. Und so entstand das persönliche „Kochbuch“, Erinnerung und Hommage an dieses ganze, besondere, intensiv und exzessiv gelebte Leben eines Mannes, der sich selbst noch als „Bewohner des Schlaraffenlandes“ festschreiben wollte. Zu seinem 60er. Da nämlich hätte die 2008 begonnene Autobiographie unter diesem Titel erscheinen können. Wenn …. 

Die Einleitung zum „Lebenskochbuch“ ist das nicht redigierte erste Kapitel des sehr persönlich konzipierten Buchentwurfes „frei nach dem Lebensmotto: Woher komme ich, wohin gehe ich und was esse ich dazwischen.“ Treibt uns denn anderes an?

Nicht nur diese Preziose in Rohfassung ist der sorgfältigen Erinnerungs- und Sammelarbeit Renate Wagners zu verdanken, sie breitet vielmehr das ganze Kaleidoskop eines unbändigen Lebens in seiner ganzen Bandbreite aus, vermittelt in einzelnen Stationen aus Rezepten und damit verbundenen Geschichten. Diese wiederum verbinden Christoph Wagner mit anderen Menschen, Wegbegleitern in unterschiedlichen Zusammenhängen, verwoben durch Lieblingsgerichtrezept-Spenden oder persönliche Anekdoten. Im Zusammenspiel mit Rezepten aus der privaten Sammlung entstand so tatsächlich auch ein Kochbuch, das vom Anbandler-Toast über Gin-Nierndln und Schnepfe mit Wacholder bis Zisterzienser-Fleischstollen reicht, vom Alltagseinfachen bis ins Gourmetkomplexe reichend.

 ***

Meine Geschichte mit CW begann 1987, als mein ehemaliger Studienkollege zum Ehemann wurde und Christoph, damals schon sein Freund, den kulinarischen Teil unserer Hochzeitsreise mitdefinierte. Sie nahm ihre kleinen privaten (uns gegenseitig bekochend) und beruflich bestimmenden Wendungen (gemeinsame fröhliche Arbeit am Basta Gourmet Guide, einem meiner frühen Grundsteine für mein späteres Tun; viele der damals entstandenen Bekanntfreundschaften mit Gastronomen halten bis heute an), wurde 1990 vage unterbrochen, weil ich beschlossen hatte, keine Karriere im gerade heftig aufflammenden Gourmetjournalismus in Wien zu machen (sondern stattdessen in die Tiroler Provinz zu exilieren; als wachender GM-Chefredakteur schwebte CW aber mit), und intensivierte sich erst ab 2003 wieder, als ich zurückzukehren begann in die Welt des kulinarischen Schreibens und als auch Wein zu meinem weiteren Thema wurde. 

speising.net mit dem Weinweblog „traubing“, 2006 die ehrenvolle Aufgabe, Christophs Weblog auf diesem Portal interimistisch zu führen, schließlich die solide, regelmäßige Mitarbeit an Wo isst Österreich (heute Wirtshausführer Österreich) und immer wieder gemeinsame Essen: ich mochte das alles sehr. Einmal durfte ich ihm gar ein friulanisches Gedicht übersetzen, für den Band „Der Karst- Kras-Il Carso“, und es muss wohl an meinem eigensinnigen Weg gelegen haben, dass CW mir zwar immer großes Beispiel, aber nie naher Mentor war. Vielleicht hätten unser beider spätere Jahre eine größere Nähe auf anderer Ebene ermöglicht, doch der Konjunktiv war nicht sein Lebensmodus. „Meine Frau ist krank, kannst du meinen Weinteil übernehmen“ hatte mich Christoph mit großer Sorge noch im Jänner 2010 gebeten, vom bereits hinterhältig lauernden Tod nichts ahnend. Ich tat dies mit Freuden. Und schreibe diese Texte weiterhin, auch ihm gedenkend. Die große Verbindung aber bleibt aufrecht über die gemeinsamen Menschen.

„In uralter kulinarischer Verbundenheit“ schreibt Renate Wagner in mein Exemplar des Lebenskochbuches. Gemessen an der so schnell sich wandelnden Szene überaus treffend: 27 Jahre. Die in dieser Zeitspanne gewachsene Verbundenheit mit jener Frau, ohne die es das Phänomen Christoph Wagner so nicht gegeben hätte, wächst immer weiter, eine herzlich-heitere Arbeitsfreundschaft ohne Ablaufdatum. Danke, Renate. Auch für dieses Buch.

Dem Pichler-Verlag ist eine wirklich schöne, sorgfältige Edition gelungen, sie komplettiert die gefühlten Hunderte von CW-eigenen Publikationen in all ihrer Vielfalt. Gefüllt mit all diesen persönlichen Fotoerinnerungen, bleibt er so doch dauerhaft nahe. 

 ***

Meine Lieblingsnotiz ist wohl jene aus Christoph Wagners Urlaubstagebuch:

Es wird von Tag zu Tag heißer, aber in den Nächten ist es wesentlich erträglicher, als ich es vom Juli her in Erinnerung habe. Ich gehe täglich zum „Patriarchen“, versuche ein paar Gedichte, uns meine Osteria-Sammlung, die ich vielleicht „Strandgut“ umbenennen werde, ist ganz schön angewachsen. Vielleicht leiste ich mir einmal einen Privatdruck für Freunde.

 ***

Angefügt sei hier noch jenes friulanische Gedicht von S. Pirnetti, das zu übersetzen ich versucht hatte, als Symbol für die Hoffnung auf mehr von jener Zeit für die anderen Dinge, als sie Christoph vergönnt war. Und dass niemals die Lust vergehe ....

LOGHI
Stradele Carsoline
Curiose, torzoline
Lasseme scarpinar sui vostri sassi
Fé in modo che no passi
Che ho me passi mai
La voia de vardarme sto mio Carso
Con oci inamorai.

ORTE
Wege des Karst
eigenwillig, sprüde
lasst mich auf euren Steinen wandern
macht, dass mir nicht vergehe
dass mir niemals die Lust vergehe
mit verliebten Augen
diesen meinen Karst zu sehen.