Gedanken am Dienstag. Brust.

21.01.2014
tags: salon

„Let‘s call it Salon“ ruft die Freundin einmal im Monat und lädt unter dem Titel „Wofür es sich zu leben lohnt“ ein, zusammenzukommen und frei nach Pfaller etwas beizutragen: mit einem Objekt, einem Lied, etwas Vorgelesenem, einer Performance. Da ich beim nächsten Salon wohl nicht dabei sein werde, fasse ich hier zusammen, was ich dort gerne gesagt und gezeigt hätte. 

Eines Tages einen Knoten zu greifen, zufällig, und innerhalb von 2 Wochen die Diagnose Mammakarzinom zu haben fällt wohl nicht in die klassische Definition von lohnendem Leben. Doch so frage ich nicht. Denn es lohnt sich wohl, so meine ich, dafür zu leben, dass der Blick auf einmal anders gelenkt wird. Zu sehen, wie das eigene, in selbstgewählter Arbeit viel zu strudelnde Leben eine neue Dimension bekommt. Ich stehe vor neuen Grenzen, zugleich aber verschwinden Grenzen, gerade jene, die ich selbst gesetzt habe in der Annahme, auf bestimmte Weise agieren zu müssen. Die größte Grenze ist das Bild, das ich mir von mir gemacht habe. Ich stehe nicht mehr als Unverwundbare da. Und blicke nun mit Erstaunen auf mich. 

Ich sehe mich gezwungen, mich mit Verborgenem auseinanderzusetzen, mit den nicht sichtbaren Geschehnissen im Körper, mit dem Eigenleben, das dennoch Teil des meinen ist. Es sind meine Zellen, die verrückt spielen; die wachsen, wie es ihnen, aber nicht meinem übrigen Körper behagt. Gerade jetzt lohnt es sich deshalb, für einen freien Kopf zu leben. Mein Glück Nummer eins: die Fähigkeit, Dinge anders anschauen zu können, darüber hinaus sehen zu können. Mein Glück Nummer zwei und meine wohl größte Freiheit: nicht an Dingen zu hängen, an Materiellem. Und dass ich meinen Körper immer schon als den nehmen konnte, der er ist; nie versucht war, ihm durch Eingriffe eine andere Form zu verleihen.

Nun aber ist er vielen Eingriffen unterworfen. Er leuchtet (Szintigrafie), wird in Scheibchen geschnitten (CT), er wird angezapft, er wird künftig mit allen möglichen Substanzen versetzt, die ihre Arbeit tun werden. Irgendwann sind die Haare weg, es könnten sich sogar Geschmacksveränderungen einstellen. Darin hat mein Arzt habilitiert: der Geschmackssinn sei bislang nie ausreichend berücksichtigt worden in den Studien, meinte er. „Sie werden vielleicht auf einmal Dinge mögen, die sie noch nie mochten“ – doch ich mag fast alles! Also könnte der umgekehrte Fall eintreten. Das aber empfände ich als fatal.

Wenn er hingegen mit seiner ruhigen Stimme von Aushöhlen, Auffüllen, Angleichen spricht, ist dies fern von mir: meine immer schon kleinen Brüste waren – außer als stillende Mutter – nie wichtiger Teil meiner Identität. Ich war vielleicht 14, als jene mit dem größten Busen in der Klasse meinte, es sei auch für mich an der Zeit für einen BH! Was soll ich denn da reintun? war meine Reaktion, außerdem schien mir das Auf-und-Ab-Hüpfen beim Turnen nun wirklich nicht mein Problem, BH-Kleinformat war 1971 nur schwer zu bekommen. Dass ich Jahre später dann doch mit dem Reiz von Wäsche spielte, ist eine andere Geschichte. Russ Meyer-Fans haben sowieso nie auf mich reflektiert; der eine, der doch mal zugriff, wollte damit nur an meine Fut zu gelangen. 

Eine Haltung aber gibt es, die ich immer wieder einnehme: ich liebe es, mit der rechten Hand an der linken Brust dazusitzen, auch zu stehen, und die linke Hand an meine rechte Hüfte gelegt. So halte ich mich, es ist eine tröstliche Geste. Wie werde ich künftig greifen?