Der Verzicht. Ein Gewinn.

03.11.2013
tags: salon

Wieder einmal das Angebot zu einem Karrieresprung ausgeschlagen. Das habe ich schon 1990 so gehalten, muss an einem grundsätzlichen Misstrauen in mir liegen, mich in festgelegte Verhältnisse zu begeben, die für mich zudem etwas Anrüchiges haben. Außerdem scheine ich, wenn ich den Postkartentext meiner Großmutter lese, immer schon ein wahres Naturkind gewesen zu sein, das seinen Wert nicht an Äußerlichkeiten festmachen muss, vielmehr aus sich selbst heraus quietschfidel ist („Sie ist ein selten gut veranlagtes Kind, immer fröhlich, immer zum Lachen bereit, zufrieden, genügsam, gesund, dabei lebhaft und gescheit.“ Ein Jahr und gut zwei Wochen war ich da alt.)

1.11. quasi als Stichtag ist kein schlechtes Datum, es muss ja nicht immer für alles der 1.1. sein. Für einen Vorsatz, nein eine Entscheidung. Nach einer Woche in Arbeitsklausur und einer in spanischen Weinlanden, oft frei von Netz und damit frei von Zwängen, blieb ich auch verschont von ersten Überreaktionen auf die soeben erschienenen Guides. Aber es ist ohnehin alljährlich dasselbe: ob Restaurants oder Wein, wer reich bedacht wird, zeigt seine Freude unverhohlen, wer seine Erwartungen nicht erfüllt sieht, hadert und zeiht die Tester des Unvermögens. 

Die Objektivierung von Geschmack ist eine contradictio in adiecto, nach Abzug von Handwerk und Ideengebung bleibt einfach zu viel Spielraum für individuell gestimmte Präferenzen. Dazu noch diese Eigendynamik der Punktesysteme, wo mittlerweile alles unter 90 – oder 17 – unannehmbar zu sein scheint, das bringt so viele Schieflagen mit sich, nicht gerechnet unverhohlene Präferenzen. Kollege Hofschuster nimmt mir hoffentlich dieses Zitat nicht übel, nur so als Beispiel:
„Ich schätze S....'s Wissen sehr, aber sobald er jemanden mag oder das Etikett berühmt genug ist, hat er nur noch Noten mit einer 9 vorn dran im Gepäck - ganz egal wie der Wein schmeckt.“

So redlich man selbst sich auch mühen mag, es bleibt ein schlechter Nachgeschmack an allen hängen, die sich in diesem Zirkus aufhalten. Nach 25 Jahren fühle ich mich nun reif genug zu sagen: Es hat mich sehr gefreut, ich habe viel gelernt – aber ich bin es müde geworden, mich in alle Richtungen rechtfertigen zu müssen für Punkte und Zahlen, die ich selbst nicht ernst nehmen kann und in deren Bannkreis ich mich doch bewegte.
Vielleicht, ja vielleicht gelingt es mir, mein eigenes Deutsch-Verzeichnis zu schaffen, das eine persönliche 1-Blick-Einordnung ohne Verzerrung ermöglicht; bis dahin komme ich mit Empfehlungen aus, für mich sowieso und ebenso dort, wo ich weiterhin meine Worte und Sätze formulieren darf.