Ein Sherry namens Morgenröte

Der Sherryproduzent klagte: "Mir stirbt meine Kundschaft aus!" Und tatsächlich: Sherry ist aus der Mode gekommen, gerade da, wo er doch ritualisierter Bestandteil gesellschaftlichen Lebens war: in England, auch Holland. Wären da nicht Spanien und Mexiko, es gäbe kaum mehr Grund, sich die Mühen der Verwandlung eines bescheidenen Grundweines - die Rebsorte Palomino sticht ja durch keinerlei besondere Merkmale hervor - in ein komplexes, von Blassgelb über Karamell bis tiefstes Mahagoni schillerndes Getränk mit hohem Meditationspotential zu machen.

Das Entstehen des Sherry ist von Beginn an von einer fast alchemistischen Geheimnishaftigkeit umgeben: der Klassifikation der Weine in zwei Grundtypen – für Fino oder Oloroso, nach der Aufspritung mit Flor ausgebaut oder der oxidativen Reifung anheim gegeben - folgt das komplexe Verfahren des Solerasystems, Fässerreihen bis in Dachhöhe, und alle paar Monate das Umziehen von Teilen eines jüngeren Fasses in ein älteres, von dem bereits ein Teil in ein wiederum älteres gefüllt worden war und so fort, bis man bei der untersten Reihe, der Solera eben, angekommen ist, aber natürlich hatte man bei der begonnen, und doch ist es wie ein von oben nach unten. Das Ergebnis sind stets gleichbleibende Qualitäten und Cuvées, Vermählung von Weinen, die auch bis weit über 100 Jahre alt sein können: was für ein Eintauchen in Tiefe!

Fino, unter der Florhefe mindestens 3 Jahre gereift, ist frisch, nussig, auch mit leichten Apfelaromen, nicht nur klassischer Aperitif, sondern durchaus als begleitendes Getränk zu verstehen. Vor allem wenn er sich so spannend präsentiert wie der Manzanilla Aurora von Pedro Romero: 9 Jahre gelagert, immer unter einer dicken Florhefeschicht, ausgeprägte reife Aromen von Nuss und Apfel, salzig (wie man es von einem Manzanilla aus Sanlúcar erwartet), kräftig strukturiert, und einer leisen Geschmeidigkeit. Ich mag ja diese salzig-bitteren Noten sehr, doch mein Nachbar plagte sich. Aber es kam noch anderes:

Der Moscatel Solera Reserva, Emilio Lustau, bot ein schwer zu ergründendes Aromenspiel: von Orangenlikör über Hustenzuckerl war da alles vermerkt, auf das Naheliegende, Muskat nämlich, kam man mangels Erfahrung bei solch intensiven (auch in punkto Alkoholgehalt) nicht. Die 200 gr Restzucker waren gar nicht so massiv spürbar, es gab mehr eine Säuresüße-Empfindung, und immer wieder war man versucht, die Nase tief ins Glas zu halten, um all das Wunderbare, was da aufstieg, einzusaugen.

Wahrlich berückend aber war zuletzt der Brandy Punto Azul „Heritâge" Gran Reserva von Pedro Romero – ein Brandy aus dem Solera-System, wo der Weinbrand die Fassreihen durchläuft, bis zu 80 Jahre sind die einzelnen Brände alt, eine Rarität, von der nur 200 Flaschen im Jahr produziert werden, das schlägt sich auch im Preis nieder: mit 400-600 € muss gerechnet werden! Und auch wenn man nicht unbedingt Fan von Weinbränden ist: das ist eine jener Gelegenheiten, wo man angesichts des langen Lebens der Weine über das eigene kurze zu sinnieren beginnt und diesem einen, besonderen Augenblick mit größter Aufmerksamkeit begegnet.

[Dank an Ferdinand Mayr, der die Verkostung leitete, für diese Anregung!]

Weitere Weine der Verkostung: Tio Pepe Fino/Gonzales Byass: ein klassischer Fino, leicht salzig, Apfelsaft und Nuss. Amontillado dry/Pedro Romero: karamellbraun, Rosinen, Rumtopf; leicht salzig, Kaffe, scharf, strukturiert, aggressiv: der Ursprung aus Fino lässt sich nachvollziehen. Medium Dry Amontillado/Gonzales Byass: ein handelsübliches Produkt, zugänglicher durch die leichte Süße, weicher, runder, aber wenig Struktur, dünner. Schlüpft. Cream/Pedro Romero: helles braun, salziges Kaffeezuckerl – eine witzige Kombination. Aber schon sehr süß ...

Für Ihre Sherryversuche wichtig: Fino, also nicht oxidierter Sherry, sollte zügig getrunken werden, er verliert schnell seine Frische und macht dann nur noch halb so viel Vergnügen. Wenn er nicht überhaupt schon zu lange im Verkaufsregal stand .... Im Zweifelsfall hilft verkochen: mit dem Kleinen Sherrybuch von Anette Haber, Hölker Verlag gelingt das ausgezeichnet!

(30.10.06 auf speising.net)

 

Weitere Artikel