Mut zum Alter

Es gibt Menschen, die wollen nicht alt werden.
Weil sie Angst haben: vor Unansehnlichkeit zum Beispiel. Deshalb ausgetauscht zu werden. Und all die anderen Ängste.
Es gibt Menschen, die können nicht alt werden.
Damit ja niemand sieht, dass dem kein Entkommen ist, kaschieren sie kräftigst: mit Farben (Haar, auch Bart), seltsamem Benehmen, unziemlicher Kleidung (Bauchfrei-Hosen und Shirts, wo doch meiner 15jährigen Tochter zufolge längst wieder lange T-Shirts angesagt sind!) – ach, der Merkwürdigkeiten ist kein Ende!
Es gibt Menschen, die werden nicht alt.
Sie verfügen über ein anhaltendes Strahlen und Leuchten. Als wären sie selbst ein stetes Lachen. Sauer macht lustig, heißt es, und so muss es eine inwendige Essenz geben, die ähnlich der Säure im Wein für diese Langlebigkeit in Frische sorgt.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich gestern in den Genuss zweier halbwegs alter Weine gekommen war, just anlässlich der Feier zum fünfzigsten Geburtstag eines Mannes, der auch kein Alter kennt und kennen wird.

Der eine Wein war ein Last Minute-Einfall, da der Weg mich durch die Wachau geführt hatte, direkt bei Franz Hirtzberger vorbei. Der fand in seinem Keller eine Flasche 1986 Veltliner, doppelter Honivogl. Um genauer zu sein: Einmal HoniVogl für die Lage und einmal HoniFogl für die Reifestufe: das einzige Jahr, als die nunmehr als Smaragde bezeichneten Weine der Vinea Wachau eben noch Honifogl hießen!

Natürlich, ein 1956er hätte es schon sein können, werden Sie denken. Aber 1956 war im Bordeaux (viel anderes schenkt man nicht, alt?) ein Katastrophenjahrgang. Und das Geburtstagskind ist nun mal mehr dem Weißwein zugetan. Zudem gibt es für 1986 durchaus markante private Bezüge. Also wurde es dieser Veltliner.

Verzeihen Sie, wenn ich keine detaillierte Verkostungsnotiz mitliefern kann: auf Festen pflege ich zu feiern und lasse meine versucht professionelle Nase, wo sie ist. Nur so viel: keine Spur von Alter! Ganz viel Frische = Säure! Goldglanz und leichte Honignoten, gewiss. Unverkennbar die Würzigkeit der Lage (die zweitbeste Hirtzberger-Lage für Veltliner). Ein Wein, mit dem man sich dann doch gerne aus der Ausgelassenheit des Festes in eine stille Beschaulichkeit zurückgezogen hätte. Warum wir ihn dann getrunken haben, gleich? Weil das eine Auflage der Winzersgattin war. Gemeinsam mit dem 1986er-Kind. Ist ja nicht immer leicht, die rechten Menschen zueinander zu bringen.

Der zweite Wein war dann einer dieser „Geburtsweine": eine Magnum Blaufränkisch 1986 von Josef Leberl. Den zu trinken hatten wir uns vorgenommen. Auch wenn die Tochter noch nicht wirklich im idealen weintrinkreifen Alter ist. Aber lieber gleich mit was ganz Gutem anfangen, oder? Ja was soll ich sagen: Ordentlich Säure! Und eine berückende Nase, die keineswegs Blaufränkischen vermuten ließ. Durchaus Bordeaux-ähnlich, aber das lag wohl an diesem Reifeduft. Oder der Tatsache, dass Château Latour immer als Vorbild galt für Josef Leberl? Herrlich frisch jedenfalls war der Wein und leicht am Gaumen (12 % vol!) –man darf nicht vergessen: vor 20 Jahren waren dies seine ersten Barrique-Schritte. Keine Lagen-, keine Vinifizierungsbezeichnung. Einfach Blaufränkisch. Und in Erinnerung sind noch die Worte des Winzers damals, zu dem Wein, der zum Verkostungs- und Kaufzeitpunkt fast untrinkbar erschien: dass der eben für ganz lange Lagerung gemacht worden sei. Das hat er gestern eindrucksvoll bewiesen.

Also: Haben Sie Mut zum Alter, trinken Sie dementsprechend!

(02.07.06 auf speising.net)

 

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