More than Honey - more than just a film

12.10.2012
tags: film

Poetisch, verstörend, skurril, berührend: mit seinem neuen Dokumentarfilm More than Honey nimmt uns Markus Imhoof mit auf einen vielgesichtigen Flug durch die gegenwärtige Welt der Bienen und zeigt gnadenlos, in stillen und schrillen Bildern, die Realität hinter der schönen neuen Welt der Honigviefalt auf den Gourmetseiten von Magazinen und Wochenendbeilagen.

Der alte Schweizer Imker, der eigentlich gar keiner werden wollte, weil er die Bienenstiche schon als Bub nicht mochte und doch der Familientradition nicht entkam: wenn er fassungslos vor dem mit einer Brutkrankheit infizierten Volk steht und zusehen muss, wie es mit Schwefel getötet werden muss, aber auch wenn er um der Erhaltung der alten Landrasse willen die falsche, über den Berg gekommene Königin herausfischt und ihr mit dem Daumennagel den Kopf abtrennt, dann berührt das. Der US-Wanderimker, der mit seinen 15.000 Bienenvölkern per LKW von Blüte zu Blüte zieht, den Tod hunderter Völker dabei in Kauf nimmt und den Pestizideinsatz in der schier endlosen kalifornischen Monokultur von Mandelbäumen sichtlich als notwendig hinnimmt, seinerseits den Bienen Zuckerwasser mit Antibiotika vorsetzt und im Summen der Bienen zwischen rosigen Mandelblüten den Klang des Geldes vernimmt: verstörend in dieser zynisch anmutenden Offenheit.

Der amerikanische Naturbursche, der sich mit den afrikanischen „Killerbienen“ aus Brasilien anfreundet und fast bedauert, dass ein unter einem Dach geborgenes Volk die Freiheit in den Felsen dem neuen geordneten Zuhause einer Holzkiste vorzieht: so skurril wie auch das an eine science fiction-Szene gemahnende Verfolgen des Fluges einer zu Forschungszwecken mit Sender versehenen Biene. Die Tänze, die Arbeit, das wirre und doch geordnete Miteinander der Bienen in den Stöcken, das Bauen der Kammer für die Königin, der Schwarm der Drohnen, der der Königin auf ihrem Jungfernflug folgt, die noch weißen Waben, langgestreckt wie weißgedeckte Tafeln und an ihnen Bienen in ihrer ununterbrochenen Emsigkeit: poetische Annäherung an die Komplexität eines perfekt organisierten Organismus, in dem die Arterhaltung höher eingestuft ist als selbst die Erhaltung des Volkes oder gar die des Individuums.

Markus Imhoofs Vorfahren waren selbst Imker, seine Tochter und der Schwiegersohn arbeiten in Australien an einem Forschungsprojekt zur Erhaltung der Bienendiversität, die eine Grundlage ist für die Biodiversität - und diese wiederum für den Fortbestand der Bienen. Denn ohne Bienen verliert auch der Mensch; ohne die „Sexhilfe“ der Bienen könnten viele Pflanzen nicht mehr weiterbestehen, und "alles, was besonders Spaß macht beim Essen, würde es nicht mehr geben", sagt der Filmemacher. Die Industrialisierung der Landwirtschaft und Einsatz von Chemie, aber auch die Industrialisierung der Honigproduktion - Königinnenzucht! - hat den Lebensraum der Bienen drastisch verändert; Infektionen und Milbenbefall sind die Folge. Nicht einmal in Europa ist mehr Bienenzucht ohne Einsatz von Medikamenten möglich, das Imkern ist komplizierter geworden, selbst alte Hobbywinzer müssen wieder Kurse machen. Die Hybris des Menschen in der Aneignung der Welt ohne Blick auf die Gesamtzusammenhänge wird am Beispiel der Bienen besonders deutlich, und es ist Markus Imhoof zu danken, dass er uns dies so eindrucksvoll vor Augen führt.

Ein Jahr ist er allein mit "Video und Kugelschreiber" um die Welt gereist, 5 Jahre insgesamt hat die Arbeit an diesem Film gedauert. Eineinhalb Jahre lang wurde gedreht - von 100 Drehtagen waren allein 30 für die Makroaufnahmen vonnöten. Ein Jahr Schneideraum und 200 Stunden Material auf Filmlänge gekürzt: mit schwebender minimalistischer Musik und einem sehr persönlichen, immer wieder humorvoll durchwirkten Erzähltext aus dem Off ergibt das ein komplexes Filmgebilde, das der Komplexität des erzählten Inhaltes entspricht.

Ende Oktober erscheint auch ein Buch zum Film: eine wertvolle Ergänzung mit all jenen Details, die in der Beschränkung auf Bilder zu kurz kamen. Den Film zu sehen aber sollte sich niemand entgehen lassen!

Dank an Biorama für die Fimpräsentation mit dem Filmemacher.
Verleih: Filmladen mit mp3-Zitaten und Fotos