Andreas Schett: Erl, Franui und die Volksmusik.

03.02.2013

Die ersten Winterfestspiele Erl fanden von 26.12.2012 bis zum 6.1.2013 im neuen Festspielhaus statt - mit nahezu ständig ausverkauftem Haus und damit einer Auslastung, von der andere Spielstätten nur träumen können. Einer, der von Beginn der Tiroler Festspiele Erl an maßgeblich an der Programmplanung mitwirkt, ist Andreas Schett, zugleich Kopf der Musicbanda Franui. Vor deren Konzert am 3. Jänner fand dieses kurze Gespräch statt. 

Andreas Schett, das neue Festspielhaus in Erl ist eingeweiht, auch Franui spielt nun im maßgeschneiderten Konzertsaal. Verändert das etwas?

Nein, für Franui hat sich nichts verändert. Wir spielen ja das ganze Jahr in vielen verschiedenen Sälen. Vor vier Wochen erst haben wir in der Philharmonie Köln gespielt! Wir haben immer wenig Zeit, uns auf einen neuen Raum einzustellen. Aber es ist erfreulich, wie schön der Raum geworden ist.

Wie ist Franui eigentlich nach Erl gekommen?

Zuerst bin ich nach Erl gekommen. Andrea Kuhn, damals noch Ehefrau von Gustav Kuhn, hatte mehrere Leute gefragt, wer das Design für ein neues Festival in Erl¹ machen könnte. Und mehrere dieser Leute haben Circus genannt, also mein Büro. So habe ich mich mit Gustav und auch gleich allen damals an Bord befindlichen Leuten getroffen. Am Anfang haben wir uns überhaupt nicht gut verstanden, sondern erst einmal richtig gestritten über die Ausrichtung des Festivals, weil ich mich erfrecht habe, dazu Stellung zu nehmen.

Man kann nur kommunizieren, was da ist, und wenn das nicht gut ist, kann man es nicht kommunizieren. Ich war damals 25, hab‘ mein Festival in Innervillgraten schon hinter mir gehabt, „Kulturwiese“², und dann hab ich gewusst, dass jetzt wahrscheinlich nichts mehr kommen wird. Doch vier, fünf Wochen später hat Gustav Kuhn wieder angerufen und gesagt: „Ich hab mich erkundigt; Sie sind ja Musiker, haben selbst ein Festival gemacht in einem kleinen Dorf! Treffen wir uns doch.“ Also haben wir uns wieder getroffen - und sehr gut verstanden.

In den ersten Jahren habe ich mit ihm das Programm „erfunden“ und das Design gemacht. Gleichzeitig wurde Franui erfolgreicher, und so meinte Kuhn, dass man das auch einmal beim Festival zeigen könnte. Unser erster Auftritt war 1999 am Kalvarienberg in Erl. Wir hatten da ein Kunstereignis kreiert, „Glockenfall“, das einer Erler Sage nachempfunden war. Wir mussten bei strömendem Regen spielen, es war ein fürchterlicher Auftritt.

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir zum ersten Mal im großen Haus gespielt haben, das muss vor etwa 5 Jahren gewesen sein, im Passionsspielhaus. Im Zuge der Eröffnung hatten wir freilich bereits früher gespielt, das ist aber schon sehr lange her, ich glaube im Jahre 2000 und noch ein weiteres Mal. Irgendwann meinte dann Gustav: „Spielt doch einmal im großen Haus eine Matinee!“ Das taten wir nun bereits fünf Mal; letzten Sommer waren wir komplett ausverkauft. Es kamen aber immer schon über 1000 Leute. Mit so einem Ensemble 1500 Plätze zu füllen ist allerdings schon erstaunlich. Und dass das Haus hier heute eher zu klein ist, ist auch sehr erfreulich.

Die Vorschau für den Sommer zeigt eine Eröffnung noch ohne genaues Programm?

Es wird das große Orchester mit Franui im Wechselspiel zu hören sein. Und es wird auf jeden Fall Wagner vorkommen, der sonst im ganzen Sommer nicht gespielt werden wird - der wird ja andernorts zur genüge zu hören sein! - Wagner also auch in kleiner Besetzung,  mit Franui eben. Vor fünf oder sechs Jahren hatten wir schon einmal kleine Stücke aus Rheingold geschrieben, sie nannten sich „Rheingold Cocktails“, und in der Staatsoper³ aufgeführt. Es wird ein gebautes „Ding“ sein, das uns derzeit noch beschäftigt. Vielleicht gibt es mitten im Stück auf einmal kleine Besetzung und damit ein völlig neues Hörerlebnis in diesem Raum...

Ihr habt mit Schubert-Liedbearbeitungen begonnen, dann kamen Brahms und Mahler. was wird da noch folgen?

2012 hatten wir drei neue Programme: Popsongs, Liedgut des 20. und 21. Jahrhunderts und Shakespeare Sonette. Letztere sind sehr wichtige Texte, die, auf Popsongs vertont, mit dieser kleinen Besetzung blendend funktionieren. Wir haben sie 2012 zwölfmal gespielt und waren immer ausverkauft.⁴ In Salzburg präsentierten wir ein neues Musiktheaterstück nach dem Libretto von Händel Klaus. Das Material, das dabei vorkam, hatten wir größtenteils selbst geschaffen, angelehnt an vier Jugendlieder von Alban Berg.⁵ Ein drittes Projekt haben wir in Basel und Hannover aufgeführt, eine Art Musiktheater mit Sänger Otto Katzameier: Texte von Robert Walser in Verbindung mit Musik, die sehr viel mit Robert Schumann zu tun hat.⁶
Was wir heute⁷ hören, sind nur 12 Episoden - also die Hälfte - aus der Winterreise, alles andere ist frei assoziiert und ersetzt Winterreisesongs. Statt des „Lindenbaums“ etwa „Es steht ein Lind“ von Brahms. Wir ergänzen die Winterreise mit Schumann, Mahler, Berg und anderen Liedern von Schubert und spielen das Finale der Winterreise dann gemeinsam.

Unser Repertoire ist solcherart, dass man Lust hat, es in immer anderem Kontext auszuprobieren. In den letzten sieben Jahren haben wir 12 Programme geschrieben, wir könnten untentwegt spielen ...

Der Name „Franui“ stammt ja von einer Bergwiese in Innervillgraten, ihrer Heimat. Wie viel Innervillgraten steckt in der ganzen Gruppe, die sehr homogen und authentisch in ihrer Zusammengehörigkeit wirkt?

Von zehn Musikern sind seit Beginn sieben mit dabei. Am 24.8.2013 wird es übrigens ein Konzert auf dieser Almwiese geben. Das wird ein großes Ding werden!
Aus Innervillgraten sind jedenfalls der Posaunist und ich; die Geschwister Rainer sind in Lienz aufgewachsen, aber die Eltern sind aus Innervillgraten, wir sind schon als Kinder zusammengesteckt! Der Saxophonist und der Tubaspieler stammen auch aus Lienz, der Klarinettist aus Iselsberg, und der Kraler, mit dem ich die Sachen komponier‘, ist aus Innsbruck. Der Vater aber ist Sillianer, und ich kenne ihn aus dem Paulinum. Nur der Geiger, unser „jüngster“ Zugang seit 2007 oder 2008, ist aus Wien.

Das Klangbild von Franui legt immer diese Verknüpfung von Hochmusik, Volksmusik und Stubenmusik nahe. Wie ist das aus eurer Sicht?

Im ganzen deutschen Feuilleton wurde das so rezipiert, dass wir mit den Mitteln der Volksmusik das klassische Liedrepertoire neu entdecken. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Es gibt einfach Volksmusikinstrumente in unserem Instrumentarium, und sie spielen Stücke, wie sie sie normalerweise nicht spielen würden. Wir wählen diese auch nicht so aus, dass wir uns denken „Ah da kann man Volksmusik reinbringen!“, sondern wir wählen vielmehr jene aus, die uns interessieren, die uns gefallen. Bei Schubert hat man halt ein paar hundert zur Auswahl; die siebt man so lang, bis man weiß „Das ist es!“; bei Mahler gibt es viel weniger. Wir verfügen einfach über dieses wunderbare Instrumentarium, das wir uns neu aneignen. Wenn eine Zither das spielt, hat das natürlich mit Volksmusik zu tun, wenngleich das rein klanglich ist; das gilt auch für den Dreigesang und den mehrstimmiger Gesang. Das Besondere an Franui ist meiner Meinung nach die Verbindung von Volksmusiksaiteninstrumenten, Streichern, Holz und Blechbläsern und ab und zu Schlagwerk. Das ergibt einen sofort wiedererkennbaren Klang, da weiß man: das ist Franui!

Bei vielen Aufführungen ist auch eine Stimme dabei, ein Sänger oder Erzähler. Zum Beispiel mit Ödön von Horvath-Texten wie in Toblach.⁸ Da entsteht aus Sprache und Musik eine Verbindung, die scheinbar ursächlich mit dem Alpenraum zu tun hat. Auch Ödön von Horvath bewegte sich darin. Und man denke nur an Mahler und seine Komponierhäuseln: rundum Natur, die einfließt. So etwas wie „Alpenraumklang“ in Musik und Sprache.

Wie Natur klingt, ist eher schwer nachweisbar. Das passiert doch im Kopf des Zuhörers. Aber es trifft genau den Kern dessen, was wir wollen: Dass die Musik unmittelbar etwas auslöst beim Zuhörer, und bei jedem das seine. Dass das Ganze so vieldeutig bleibt, dass man nicht sagen kann, das ist Jazz, das ist Volksmusik, das ist Neue Musik. Dass man auch nicht die Lötstellen dazwischen merkt, sondern dass eine Welt aufgeht und eine Vieldeutigkeit bestehen bleibt.

Welchen Stellenwert nimmt der Gesang innerhalb der „Banda“ ein?

Wir versuchen beim mehrstimmigen Gesang, bei Brahms, einen sehr schlichten, volksmusikalischen Gesangsklang zu kreieren. Wo die Stimmen ganz schlicht bleiben.

Ihr habt ja diese wunderbaren Naturstimmen, nicht ausgebildete Stimmen wie sonst im Konzertsaal!

Ja, die Schwestern (Rainer) tun auch nichts anderes als einfach zu singen. Genau das hat mich bei Brahms interessiert. Brahms habe ich nur deshalb gemacht, weil ich einmal den vierstimmigen Satz von „In stiller Nacht“ den Schwestern, es sind insgesamt vier, gegeben habe; ich wollte das einmal hören. Und im Hören hab mir gedacht „Das ist ja unglaublich!“ So entstand das Brahms-Programm überhaupt. Aber was ist überhaupt Volksmusik? Der Zuccalmaglio⁹ ist ja überführt worden, dass er viele Lieder erfunden hat, die er angeblich gesammelt hat.


Franui-Konzerte kann man nicht nacherzählen, die muss man erleben. Und auch die CDs geben nur unzureichend Einblick in das vielschichtige Projekt, dass jede Aufführung zu einem Einzelstück macht. Nächste Termine finden sich auf der Webseite von Franui.

Eine schöne Charakterisierung dieser „Heimat-Bande“ ist hier nachzulesen.

¹ Die Tiroler Festspiele Erl fanden1998 zum ersten Mal statt
² Im Jahre 1993
³ 2007 im Rahmen einer Matinee
„Fool of Love“ im Burgtheater
⁵ „Meine Bienen. Eine Schneise“ Salzburger Festspiele August 2012
„Schau lange in den dunklen Himmel“
⁷ „Der Doppelgängereffekt“ Winterfestspiele Erl am 3.1.2013
⁸ Festspiele Südtirol Toblach September 2011 Brahmslieder
⁹ Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, Volksliedforscher und Komponist im 19. Jh.