Georg Meißner - Warum Biodynamik?

12.04.2013
tags: interviews

WARUM biodynamisch arbeiten? Das war die kurz gefasste Frage, die ich Georg Meißner anlässlich der Summa13 bei Alois Lageder in Margreid stellte. Die Antwort darauf wurde so komplex, wie es auch das Thema selbst ist, und bietet doch nur einen kleinen ersten Ansatz, sich in die Welt der Biodynamik hineinzudenken. Aber einer der zentralen Begriffe darin ist ja der Prozess ... Aufzeichnung eines Gespräches vom 7. April 2013 in Cason Hirschprunn, Margreid.

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Man muss ausholen. Warum soll man biologisch-dynamisch arbeiten? In erster Linie bedeutet dies eine Bewusstseinserweiterung: ich muss mich sehr offen machen. Nehmen wir einen Berg wie diesen schönen Kalkkegel hier. Den schaue ich immer nur von hier, von Margreid aus an. Ich kann aber auch um den Berg herumgehen und ihn von der anderen Seite aus anschauen. Dennoch ist es immer noch derselbe Berg. Was wir also machen - und dafür muss man sich öffnen: ich schaue mir etwas von der anderen Seite an; es bleibt Dasselbe, und damit ist auch nicht in Frage gestellt, dass es falsch gewesen sei, es bislang immer nur von einer Seite aus betrachtet zu haben.

Verknüpfung zum Gesamtbild

WAS ich damit sagen will: die Bewusstseinserweiterung besteht darin zu akzeptieren, dass ich gewisse Dinge, die ich bislang irgendwie betrieben habe, auch einmal von der anderen Seite aus betrachten kann, ohne dass ich das Bisherige komplett in Frage stelle. Deshalb sage ich auch nicht besser oder schlechter, das liegt mir nicht. Denn nichts ist unbedingt falsch, aber es ist falsch, immer alles so einheitlich zu betrachten. Die Naturwissenschaften haben durchaus ihre Berechtigung, es ist auch faszinierend, da immer tiefer einzutauchen - aber es ist auch wichtig, sich die andere Seite anzuschauen.

WENN wir auf Steiner zurückgehen: Steiner bringt gerne die Begrifflichkeiten Mikrokosmos - Makrokosmos. Mikrokosmos bedeutet, immer tiefer in eine Sache hineinzugehen; das ist es, was wir in den Naturwissenschaften machen. Dabei vergessen wir oftmals, unser Tun ins Ganze zu stellen. Darin aber liegt das Spannende für mich: wenn ich die eine Seite beherrsche, den Berg also immer von hier aus ansehe, und dann die andere Seite anschaue und zu einer Verknüpfung, einem größeren Gesamtbild komme. Für mich sind Menschen, die diese beiden Seiten miteinander zu verbinden verstehen, was ja ganz undogmatisch ist, immer wieder faszinierend. Der Dogmatismus, den wir oft erleben, entsteht durch Unverständnis, durch Missverständnis, durch den Drang, etwas hineinzuinterpretieren.

WENN ich mit meinen Winzern an die biodynamische Arbeitsweise herangehe, mache ich mit ihnen zunächst Beobachtungsübungen. Der erste Schritt sind Wetterbeobachtungen. Heutzutage haben wir www punkt wetter com - superklasse, da bekomme ich alles mit; und ich habe mein Minimum-Maximum-Thermometer. So wird das heute gemacht, ich geh raus an mein Messgerät, wie viel hat es geregnet, dazu Thermometer und wetter.com und dann vielleicht noch die Forschungsstation Laimburg [in Südtirol], wo mir der Rebschutzdienst die schönsten Kurven liefert - und darauf verlasse ich mich hundertprozentig.

Die Souveränität des Landwirts

DAS ist ja gut, das alles liefert tolle Informationen; aber es ist nicht ALLES. Ich könnte ja auch wieder mal rausgehen und versuchen wahrzunehmen, wie das jetzt draußen wirklich ist. Wie ist das mit den Wolken, weht ein Lüftchen, ein Wind? Zwitschern die Vögel, wie ist die Gesamtstimmung? Die Bauern können das ja! Es hört sich ganz banal an, aber dennoch macht es keiner mehr. Die Informationen von wetter.com und die Kurve vom Rebschutzdienst zu haben ist super, doch wenn ich diese auf meinen lokalen Kontext beziehen kann, auf meine Beobachtung, und wieder Vertrauen bekomme, dass ich selbst als Landwirt ein gutes Beobachtungsvermögen habe, dann entsteht eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt da das wunderschöne Wort eines Biodynamiker: die Souveränität des Landwirts. Sehr schön. Wir müssen wieder souveräner werden, frei entscheiden können.

Keine spirituelle Nummer

SO kann man sich auch relativ leicht öffnen, das ist keine spirituelle Nummer, das ist total banal. Anfangs denken die Bauern vielleicht „Was erzählt er uns da, schöne Wolken, toll“ - doch wenn man sich auf diese Weise ein Gesamtbild einer realen Situation schafft, wie sie gerade am Standort herrscht, habe ich eine andere Entscheidungsgrundlage als zuvor. Nehmen wir den Boden: es kann sein, dass es 30mm geregnet hat. An manchen Tagen ist es dann total nass draußen, ich empfinde den Boden als nass; und an anderen Tage kommt es mir bei derselben Regenmenge vor, als wenn er immer noch komplett trocken wäre. In den letzten Jahren gab es extreme Trockenphasen, laut analytischen Daten eine Katastrophenstimmung, da die Versorgung der Pflanzen unterbrochen war - doch wenn man rausging und sich die Pflanzen anschaute, waren die fit wie ein Turnschuh!

AUF der einen Seite haben wir also dieses Zahlending, auf der anderen Seite existiert da diese Realität. Wie bringe ich das nun in einen Kontext? Und das ist eben der biologisch-dynamische, der ganzheitliche Ansatz: zu sagen, dass es eine Menge an Einflussfaktoren gibt. Und die beziehe ich in mein Leben, in meine Arbeit mit ein. Das zu können ist ein Prozess.

Volle Transparenz

EIN wichtiger Aspekt in der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise ist die volle Transparenz. Etwa bei den Spritzmitteln, da ist alles transparent. Wer will, kann sich damit auseinandersetzen, man muss dazu auch kein Anthroposoph werden. Es ist völlig klar und offen, wie die hergestellt werden, ich kann sie auch selbst machen. Ich muss sie nicht selbst machen, ich kann die Präparate auch kaufen, aber dennoch ist diese Methode total transparent. Ich bin in der Lage, diese ganz individuell für mich zu nutzen.

WAS wir heute leider immer wieder machen: wir nehmen einen isolierten Punkt heraus aus dem Gefüge. „Ja die Biodynamiker mit den Präparaten“ oder „Die Biodynamiker mit dem Mondkalender“. Doch es bedarf eines Gesamtverständnisses. Ich muss zunächst einmal ein sehr gutes agronomisches Grundverständnis haben, muss ein guter Bauer sein, muss meinen Standort kennen, muss wissen, wann ich in meinen Boden reinfahren kann und wann nicht; ich brauche ein gutes ökologisches Grundverständnis, muss Zusammenhänge verstehen: wie ist das hier, mit dem Kalkstein, was kommen da natürlicherweise für Spezies vor? Wie gehen die Pflanzen, die Vögel mit den Bedingungen hier vor? Zudem muss ich mich mit dem biologischen Anbau auseinandersetzen - was gibt es für Möglichkeiten, wie kann ich, wenn ich muss, schützen? Und obendrauf kann ich dann noch diese biologisch-dynamische Dimension setzen, bis hin zur Spiritualität.

Missverständnisse

DIE Sache mit dem Mondkalender nun: der wird immer so in den Vordergrund gestellt, das ist auch so ein Missverständnis. Der Mondkalender ist nur ein Aspekt von vielen. Gerade dieses Jahr hatten wir so ein herrliches Beispiel: Der Frühlingsvollmond um Ostern ist der wichtigste Vollmond, da geht es richtig ab. Das können wir zumindest in unseren Gefilden jedes Jahr schön beobachten. Es ist so ein enormer Impuls, mit Tag-Nacht-Gleiche, dem Sonnenrhythmus und dem Ostervollmond, da gibt es ein Zusammenspiel. Natürlich auch eine Vorbereitungsphase, es heißt ja nicht „an dem Tag geht‘s los“ - aber um diesen Zeitpunkt startet die Natur dennoch schlagartig.

DEM Mondkalender nach hätte es, wie es Usus und Praxis ist, bedeutet, dass in der Karwoche ein Präparat gespritzt wird. Doch dieses Jahr war zur gleichen Zeit wie diese kosmische Konstellation auch eine extreme Kaltfront da. Die hat dafür gesorgt, dass der Grundeinfluss zwar da war, aber zurückgehalten wurde. Doch jetzt, 10 Tage später, können wir beobachten, wie es losgeht. Der Winter wollte einfach noch mal! Das heißt: der Mond war da, schön und gut, doch es gab auch noch diese Kaltfront zu berücksichtigen. So wie es in der Provence den Mistral oder im Roussillon den Tramontan gibt, oder hier auch den Wind vom Mittelmeer und den anderen von den Bergen.

Zusammenspiel verschiedener Aspekte

ES gibt also so viele Aspekte, die mit einzubeziehen sind; wenn ich weiß, es herrscht gerade die oder die Mondphase, ist das gut, kann ich das verwenden. Doch es ist eben nicht nur der Mond. Das ist für mich das Entscheidende im Biologisch-Dynamischen: wenn sich die Menschen ansatzweise wieder darüber klar werden, dass alles ein Zusammenspiel von verschiedenen Dingen ist. Dann entstehen auch oft coole Sachen und eine Öffnung bei den Menschen - „Hej, ich bin ja auch wieder jemand!“

DIE Bereitschaft zu dieser Offenheit, die Bereitschaft, sein Hirn mal auszuschalten, tut not: denn sonst kommen wir immer wieder ins Wertende, sind immer wieder im Wertenden drin. Stattdessen sich auf einen kindlichen Modus einzulassen uns etwas einfach wirken zu lassen - so entsteht eine Bewusstseins- und Horizonterweiterung, in vielerlei Hinsicht. Dann kann ich auch Pflanzen anders beobachten und an sie herangehen. Nur dann kann ich auch verstehen, was ich mit den Präparaten mache.

Mit Pragmatismus

DAS heißt aber nicht, dass ich zwanzigtausend Seiten Steiner gelesen haben muss. Es ist interessant, klar, und je mehr ich mich damit auseinandersetze, umso interessanter wird es. Doch Rudolf Steiner selbst sagte in einem Gespräch mit Ehrenfried Pfeiffer, seinem Naturwissenschaftler, dass es keine Anthroposophen sein müssen, die seine Ideen anwenden; es ging ihm vielmehr darum, dass diese Präparate, die er präsentierte, weltweit auf eine möglichst große Fläche ausgebracht werden. Steiner sah alles völlig pragmatisch und präzise, er war kein Guru; doch mit vielen Leuten, die sich in seiner Nachfolge so guruhaft gebärdeten, haben sich gewisse Dogmata entwickelt, die mit der eigentlichen Grundlage nichts zu tun haben.

DER Zweite Weltkrieg hat vieles gebremst, bei diesem „Event“ ist viel ausgestorben; dann kam eine Generation, die dieses Verehrerhafte in sich hatte, vor allem in Deutschland ist drumherum dieses Dogmatische entstanden. In anderen Ländern wie Südafrika oder den USA - in Deutschland, in der jüngeren Generation, kommt das jetzt auch - existierte und existiert ein viel freierer Umgang mit der Person Steiner. Nicht dieses Verehrerhafte, das dogmatisierend Wollende, diese Installation eines Gegenweltbildes, sondern einfach ein „Der hat ganz gute Ideen, der Typ“.

In Prozessen denken

AUCH im Vertreterkreis der landwirtschaftlichen Sektion im Goetheanum, wo ich Mitglied bin, tut sich etwas. Es entsteht momentan eine sehr große Öffnung, ein anderes Verständnis. Der Steiner hat vielleicht auch einen Haufen Blödsinn erzählt, aber was er wollte, war kein Gegenkonzept, sondern ein Mitkonzept. Ein Entwicklungsmotiv.

WIR aber brauchen immer diese Gesetzeslage: DER Kupfer, DER Schwefel. In Deutschland und Österreich hatten wir bislang die sogenannten Pflanzenstärkungsmittel. Die wurden nun abgeschafft; nicht wirklich verboten, aber nicht mehr als Pflanzenschutzmittel zugelassen. Denn im neuen Pflanzenschutzmittelgesetz brauchen wir einen Wirkstoff, der als wirksam definiert ist. Also: in dem und dem Produkt ist der und der Wirkstoff als aktiver Bestandteil enthalten. Wir aber haben wesentlich komplexere Mittel, wenn wir mit Biomitteln arbeiten, wo nicht so eindeutig ist, welcher einzige nun der Wirkstoff sei. Vor vier Jahren hatten wir wirklich gute Alternativen, Myco-sin Vin zum Beispiel als Kupferalternative, und die sind jetzt weg vom Fenster. Aber das ist unser Denken: immer auf den einen Stoff, das eine Material reduziert.

STEINER aber basiert auf Goethe und seiner Naturwissenschaft; er hat auch zwei Jahre im Goethearchiv gearbeitet. Goethe hatte das Prozessmotiv entwickelt: wir müssen in Prozessen denken und nicht immer in gewissen Abständen - z.B. „jetzt haben wir das Drei-Blatt-Stadium, jetzt haben wir das Fünf-Blatt-Stadium“. Goethe hingegen fragt: was ist zwischen diesen Stadien, was ist der Prozess dahinter?

Alles ist gleichzeitig der Fall

WIR sind in diesem - nein, nicht Dilemma, in dieser interessanten Zeit; wir haben diese extreme Strömung in der Wissenschaftlichkeit. Doch ich glaube, in diesem Immer-extremer-werden entsteht auch eine gewisse Offenheit für die anderen, ebenso präsenten Ebenen. Es geht nicht um alternativ - alles ist gleichzeitig der Fall.

AUCH an der Generation der Studenten bei mir merke ich diese Offenheit; seit acht Jahren bin ich jetzt in Geisenheim. Die stellen richtig gute Fragen, die immer tiefgründiger werden, und es wird immer schwieriger, diese gut zu beantworten. Da entsteht eine Generation, die nicht mehr alles einfach so hinnimmt. Dieser kritischere Umgang mit der aktuellen Lage ist schon spannend. Auch wenn die Szene eine kleine ist, bin ich total optimistisch. Denn wenn ich mir anschaue, wer da aller unterwegs ist und was die alles machen, auch anders machen und es o.k. ist, dass sie das anders machen, dann ist das sehr spannend. ❂


Zur Person Georg Meißner

Der 36-jährige, in Deutschland geborene Georg Meißner sammelte erste Erfahrungen während einer Weinbaulehre. Das Studium der Önologie an der Pharmazeutischen Fakultät der Universität Montpellier schloss er mit dem „Diplôme national d'œnologue“ ab. Er fundierte sein Wissen um biologisch-dynamische Wirtschaftsweise und Kellerwirtschaft auf zahlreichen Stationen im In- und Ausland. In leitender Funktion war er unter anderem auf Weingütern in Südafrika und den USA tätig und für humanitäre Einsätze im Kosovo. Zuletzt forschte und lehrte Georg Meißner an der Hochschule Geisenheim und nahm eine beratende Rolle für zahlreiche Weingüter in der Umstellung auf biologisch-dynamische Bewirtschaftung ein. Seit 2013 ist er am Weingut Lageder für Landwirtschaft, Keller, Forschung und Lehre zuständig.