Schnee-Los

07.03.2011
tags: salon

Der Schnee, ein Lotterielos: während sich im Tal niemand den Winter zurückwünscht, da der Frühling schon so seine Arme auszubreiten scheint, ist in den Wintersportorten ist die Schneelosigkeit dieses Jahres (denn was wirklich an Schnee fiel, das war noch vor Silvester) ein ungewolltes Los, das zu tragen nur durch die Arbeit der Schneekanonen erleichtert wird. Früher freilich, da war alles anders und besser, und das ist leider keine einem verklärenden Blick entsprungene Floskel, sondern - wenn‘s um die Schneelage geht - auch eigene Erinnerung.

Wie sonst wär es mir möglich gewesen, an Samstagen einfach die Schule zu schwänzen und lieber hinaufzufahren unter den Wilden Kaiser, um den Tiefschnee des Vortages noch vor allem anderen auszukosten? Oder im Frühjahr, in der Märzsonne, nur mit Pullover und Jean bekleidet das Kar knietief hinunter zu stauben, immer darauf Bedacht, gute Figur zu machen, weil der prüfende Blick der Bubenklasse auf Schiwoche im Nacken saß? Aber meine Schneeerinnerungen sind nichts gegen die des Geliebten, dessen Erinnerung um über 20 Jahre weiter zurückreicht: selbstverständlich kam der erste Schnee zuverlässig im November, und der Schneehöhen-Bericht vermeldete zum Galzig regelmäßig 6 Meter, 8 Meter, 10 Meter. St. Anton war zu der Zeit der angesagteste Skiort im Lande, doch man wohnte damals noch vergleichsweise bescheiden. Die Pension im Holzhäusl war eine Empfehlung über Umwege, „der Neffe fährt ganz gut Schi“ hieß es. Nur großen Namen hatte er noch keinen, der Karl Schranz, und die Sapporo-Schmach kam auch erst später. Aber der Schnee, der war auch im Tal meterhoch, da konnte man beim Spazierengehen schon über etwas dunkel aus dem Schnee Ragendes stolpern, das sich als Seitenfenster eines Autos herausstellte, bis zum Frühjahr gut im Schnee vergraben. Ganz so viel will wohl niemand mehr haben, aber ein bissl mehr darf‘s schon sein, oder? Denn weiße Zungen zwischen müdem Braun sind ein merkwürdiger Jahreszeiten-Hybrid, und ohne Technik würde uns nicht einmal der Schnee mehr die Zunge zeigen.

ad