Blind durchs Jahr

21.06.2011
tags: salon

Nach vielen Tagen blinden Tastens durch den sehr divergent betrachteten Jahrgang 2010 erweist sich zwar mein Magen als sehr stabil angesichts von heftigen Säureattacken, aber die Gelenke melden sich mit deutlichem Streik zu Wort. Und obwohl einige ganz brilliante Serien, manchmal aber auch nur Einzelweine, auffielen, ist der Gesamteindruck doch mehr als durchwachsen. Hohe Säurewerte, Traubenqualität nicht so selbstverständlich gut wie gewohnt - irgendwie scheint das auch routinierte Winzer verunsichert zu haben, die Vielzahl an unbalancierten Weinen ist größer als sonst.

Vielen fehlt der Biss, der Zug, die Frische, die Klarheit; Entsäuerung scheint ein noch unbeherrschtes Fach zu sein, gleiches gilt für malolaktische Gärung. Wo viel Apfelsäure war, verschleiern jetzt Joghurt- und Zuckerlnoten das Wesen der Weine. Und auch die berühmten Sauvignon-Veltliner scheinen einer wundersamen Vermehrung anheim gefallen zu sein. Weil es aber auch so richtig gute Weine gibt, ganz normale DACs zum Beispiel, aber auch große Lagenweine, die mit herrlicher Strahlkraft über den Widrigkeiten des letzten Jahres schweben, schließe ich daraus: irgendwo falsch gearbeitet. Also zu früh gelesen - Grüntöne, zu aggressive Säure. Wein zu schnell gemacht, zu schnell gefüllt, rein mit den Reinzuchthefen, raus aus dem Tank, rein in die Flasche, fertig. Denn was auch auffällig war: langsamer gemachte Weine, gerade erst gefüllte oder so gut wie fertige Fassproben zeigen sich viel ansprechender als bereits am Markt befindliche - innerhalb desselben Weingutes! Die Langsamen haben die Nase vorn, scheint es, und fast möcht ich auf die Knie fallen und flehen: Winzer, lasst euch Zeit! Immer! Und dem „Markt“ zurufen: hör auf, so früh nach den Frischen, den Jungen, den Neuen zu schreien, es kommt nichts Gutes dabei raus!

Soweit zum weißen Österreich; doch auch vom roten 2009 ist nicht nur Gutes zu vermelden, auch wenn da und dort Höchstnoten durch die Blogs geistern. Erschreckend viel Überkonzentriertes, extrem Extrahiertes kam mir da unter, Zweigelt so schwarz wie portugiesische Nächte und Cuvées, als wäre die Tinte im Fass gestockt. Fass ohnehin im Übermaß, dass es den Boden ausschlägt; bei diesem Stichwort fallen mir noch all die altmodischen Chardonnays ein, wo das Holz erst nach dem Wein kam und nicht der Wein ins Holz, so schmeckte das oft. Dafür darf man sich am süßen 2008er erfreuen, herrliche Säure-Süße-Balance, Frische, Frucht, aber wer trinkt schon süß?