Burg Vital, Oberlech: Bergdaheim.

17.09.2011
tags: wohnen

Wer wie ich im Unterwegs zu Hause ist, bedarf dennoch nächteweiser Bleibe - der Schlaf auf Parkbänken oder unter Brücken ist nicht ganz so erholsam wie im komfortablen Bett mit Rundumservice. Und dennoch: irgendein Hotel, irgendeine Pension kann es auch nicht sein, denen ich mich anvertraue, nur um des Schlafes willen. Etwas von dem, was Bänke und Brücken ausmacht, nämlich Raum, freier Raum, auch im Umhüllenden, muss darin sein. Im Burg Vital fand ich solchen: nicht ein großes, in sich geschlossenes Gebäude, sondern mehrere Häuser in moderater Alpinarchitektur, ans Traditionelle angelehnt; die große Terrasse, die auch im Winter zu den ruhigen von Oberlech gehört - die „zweite Reihe“, in der sich das Hotel befindet, hat so ihr Gutes. Und Licht, viel Licht. Höhenlage, Sonne früher als die drunten und länger an den Abenden.

Was aber vor alledem das wohl dauerhafteste Gewicht hat, ist die familiäre Herzlichkeit, die mich vom ersten Betreten weg eingenommen hat, die sich von Empfang und Rezeption über Service und Küche und Etagendamen bis zu Familie Lucian selbst zieht. Man fühlt sich nicht als Gast Nummer xbeliebig, sondern als persönlich wahrgenommener, willkommener Freund des Hauses, der für eine wie auch immer lange Zeit alles teilen möge, was zum Haus gehört. Und das ist nicht wenig, ist vor allem sorgsam gegründet auf mannigfaltigen Zutaten zum umfassenden Wohlbefinden der Gäste. Dabei spielen die kulinarischen Grundlagen eine unbedingte, wesentliche Rolle, mit der Griggeler Stube als Gourmetrefugium und hochbewertetem Aushängeschild, vor allem aber einer wirklich spannenden, durchdachten, spürbar selbst gelebten Philosophie zum guten genießenden Dasein für den ganzen Zeitraum eines vorübergehenden Daheim.

Das meiste an dem, was die „Hardware“ des Hotels ausmacht, vom Wellnessbereich bis zu den Zimmern, lässt sich auf der Homepage nachlesen. Die „Software“ aber kann nur im persönlichen Erleben wirklich erfahren - oder erzählt werden.

Mitarbeiter: Was mir im Burg Vital so gefällt, ist das Fehlen sichtbarer Hierarchie. Es gibt kein sofort erkennbares Oben und Unten, sondern ein Miteinander, egal in welchem Bereich, das auch auf die Gäste auszustrahlen scheint. Die Sorgfalt, die Familie Lucian der Personalauswahl angedeihen lässt, hat nicht nur Einfluss auf mehr als korrekt ausgeführte Arbeit, sondern auch auf die Atmosphäre. Miteinander reden als ein wesentliches Merkmal, ob nun die Mitarbeiter untereinander oder aber mit den Gästen, immer auf sehr natürliche Weise, ohne aber je Grenzen zu überschreiten ins Anbiedernde, Unschickliche; ja gerade diese Form von natürlicher Haltung, die der Professionalität im Tun das Einstudierte, Austauschbare nimmt und in einen wirklich gemeinten persönlichen Kontakt überführt, scheint mir einer der wesentlichen Wesenszüge des Hauses zu sein. Und so legt man auch als Gast gern das Berufskleid ab und kommt sich damit selbst näher.

Zimmer: Groß, großzügig. Nicht alle können Vorzugslage und -blick haben, aber manche Details gelten für alle, gerade die Badezimmer und Toiletten (mit Bidet!) geben nicht das Gefühl, in einem Notkämmerchen wesentliche Handlungen des Tages vollziehen zu müssen. Angenehm: Schreibtisch, funktionierende Kommunikationsstrukturen. Ein kleiner Brand in einem der Gebäude hatte große Wirkung, der notwendige Umbau wird in neuen Suiten ab dem kommenden Winter münden. Apropos Umbau: der wird auch Bereiche des Restaurants noch treffen - der Salon wird über das Ergebnis berichten :)

Frühstück: Es mag seltsam klingen, aber hier bekomme ich genau das, was ich in der Früh am liebsten mag: Haferbrei. Mit Ghee. Und Kräutertee, von Oberlecher Bergkräutern, selbst gesammelt und getrocknet. Schafgarbentee für den Magen. Ingwertee. Ob ich dann noch Obst esse oder Speck vom Hanselerhof-Schwein oder mir gebratene Pilze mit Spinat bestelle oder Riebl mit Forelle oder Ziegentopfen mit Olivenöl, ist tagesabhängig und eigentlich gar nicht mehr notwendig. Eine Woche Aufenthalt ist aber schon das mindeste, um sich durch die Frühstücksvielfalt zu kosten - im Sommer gibt es an den Sonntagen auch noch das Bergfrühstück auf der Kriegeralpe! Hier kann ich auch wieder Brot essen: Waldstaudekornbrot und Topinamburbrot, ungleich verträglicher als all die frischen Weckerl, die zwar duften, aber sonst nicht viel können. Und Marmelade ohne Rübenzucker.

Verträglichkeit ist ein wesentlicher Teil des im Laufe der letzten Jahre vom Küchenteam um Thorsten Probost entwickelten Ernährungskonzeptes (gekoppelt im Programm vitalPRÄVENT auch mit entsprechendem Bewegungstraining), das dennoch oder gerade eben die Qualität der Zutaten ebenso wie den Genuss im Fokus hat - denn Gesundheit muss auch eine Geschmacksfrage sein. Und die gilt selbstverständlich auch für die

Halbpension: Was für ein hässliches Wort für etwas so Ganzes, Ganzheitliches! Dabei ist die Küche bei allem Konzept ganz spontan: da gibt es plötzlich Murmeltier, dann wird eine Gams geliefert, oder ein Steinbock, die feinen Kälber vom Hanseler Hof werden von Kopf bis Schwanz verarbeitet, und die Kräuter, die im ganzen Haus und im Garten sowieso sprießen, fügen ihre wertvollen Substanzen hinzu. Unbedingt einmal ausprobieren: einen Kochkurs. Oder überhaupt eine der Spezialwochen.

Garten: Den gibt es nur im Sommer. Sanftes Wassergeplätscher, Blick aufs Omeshorn (der - also der Blick - gehört einfach zum Haus dazu, prägt sich ein; einen Sommerabend auf der Terrasse verbringen und dem Schwinden des Lichtes zuzusehen vermittelt eine ungeheure Ruhe), komfortable Liegen, Stille. 

Zum Garten gehören auch die Beete mit Blumen und Kräutern, man entdeckt verschiedene Minzesorten, kostet unwillkürlich, und eine macht besonders neugierig, schmeckt anders, besonders vielfältig - das sei die „Minze ohne Namen“, den bekommt sie erst in zwei Jahren, erklärt Thorsten Probost, sie sei eine Kreuzung aus mehreren Minzesorten und trüge die Vorzüge aller in sich.

Unterirdisch: In Oberlech ist vieles unterirdisch; es gibt eine Tunnelzufahrt, die aber nicht so selbstverständlich offen steht, und Garagen im Berg, um Verkehr zu vermeiden. Die einzelnen zum Hotel gehörigen Gebäude sind aber auch durch Tunnel miteinander verbunden; so gelangt man im Bademantel oder in den feinen Schuhen vom Zimmer ins Restaurant und muss im Winter nicht durch die Kälte. Und überall hängt Kunst, das ganze Haus ist voll davon. Kunst und Kräuter, eine sehr individuelle Verbindung ;)

Burg Vital Hotel Familie Lucian
6764 Lech/Arlberg  +43(0)5583 3140  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.burgvitalhotel.at