Zwischen den Vierteln

14.08.2010

Eine Reise entlang der unsichtbaren Grenze zwischen dem Viertel Ober und jenem Unter dem Manhartsberg

Der Volksschulerinnerung nach ist hier die Grenze zwischen Wald- und Weinviertel, doch was sich da im Entlangfahren an diesem Bergzug, der irgendwo am Wagram beginnt und sich bis zur Thaya hinauf zieht, erschließt, scheint mehr Verbindendes als Trennendes zu haben. Und überhaupt, was ist das für eine Grenze, die so unbestimmt einen Berg entlang oder über einen Berg verläuft, der zudem seinen Bergcharakter nicht überall und unbedingt herzeigt. Kamptal, Pulkautal und Retzerland haben gleichermaßen an ihm Teil, sind bis weit hinaus berührt von den hier ausgehenden Bodenbeschaffenheiten und klimatischen Einflüssen. Und in Eggenburg, wo sich der bewaldete Bergrücken in einem Hochplateau verliert, ist die Frage, ob Waldviertel oder Weinviertel, gar keine: hier gilt einfach sowohl-als auch.

Boden- und Weinvielfalt

Geologisch gesehen ist der Manhartsberg die südliche und östliche Flanke der böhmischen Masse, wird, poetischer, auch als Strand des Urmeeres bezeichnet. An den Abhängen befinden tertiäre Ablagerungen sowie windverwehte Sedimente, besser bekannt als Löss. Das ist optimales Terroir für den Grünen Veltliner, der hier wie auch im sonstigen Weinviertel die dominante Rebsorte ist – ein altes Synonym benennt ihn als „Manhartsberger Rebe". Einzelne Granitinseln reichen bis hinaus in die Röschitzer Gegend; durch Meeresablagerungen sind stellenweise auch Muschelkalkböden entstanden. In Obermarkersdorf, das ganz nah am Berg liegt, sind neben dem Urgestein eher Ton und Molasse, dominant, in Schrattenthal und Pillersdorf werden die Böden sandiger und wärmer – gut fürs Rotweininsel-Dasein!

Und unten, in Elsarn, bestimmt Flins, ein Urgesteinsverwitterungsboden, den Charakter der Weine. Wie schon die Vorfahren ein G'spür für die Verschiedenheit der Böden hatten, weiß Gerald Diem zu erzählen: am Nussberg in Obermarkersdorf sind in einer Lage gleich drei Böden zu finden – und seit jeher ist dieser Weingarten durch drei Wege unterbrochen.

Der Bodenvielfalt entspricht auch die Reichhaltigkeit der Rebsorten: zu den Klassikern Veltliner, Riesling, Chardonnay und Weißburgunder gesellen sich noch Rivaner, Traminer, Muskateller, Sauvignon blanc und Malvasier; die heimischen roten Sorten Blauer Portugieser, Blauburger und Zweigelt werden zunehmend von Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir und Rösler ergänzt. Weinviertler Wärme, genährt von pannonischem Einfluss, und die nächtlich vom Manhartsberg herabsteigende kühle Luft des Waldviertels lassen die Weine langsam reifen und besonders fruchtbetont geraten. Doch nicht nur Wein findet höchst fruchtbare Bedingungen – im Grunde wächst hier alles, das prägt auch das Bild der Landschaft: Kukuruz- und Getreidefelder, Sonnenblumen, Sojabohnen, Artischocken und Ölkürbisse, dazwischen Weingärten und langgestreckte Kellergassen, da und dort auch verlorene einzelne Presshäuser in einem Irgendwo. Die meisten Weinbauern betreiben eine gemischte Landwirtschaft, und so ist es ein abwechslungsreiches Gebiet, das sich hier entlang des Manhartsberges erstreckt.

Nicht zu vergessen ist auch die Manhartsberger Eiche – deren Holz wird von vielen Winzern für die kleinen Fässer sehr geschätzt, die meisten heimischen Fassbinder verwenden es, und das ein oder andere Fass findet seinen Weg auch in den Export.

Von Elsarn nach Maissau

Hinter Straß im Strassertal schlängelt sich die Straße durch den Wald sanft bergan, bei Elsarn sind auf Lichtungen einzelne Weingärten zu finden, bis hin zum Waldrand und vor allem in der Höhe: das gibt Sicherheit vor den Frösten. Hier ist Reinhard Waldschütz zu Hause, der der Qualität der Manhartsberger Weingärten einiges abgewinnen kann: zwar befindet sich der Großteil seiner Lagen auf Strasser Gebiet, doch eine Junganlage von Grünem Veltliner direkt in Elsarn soll künftig einen reinsortigen Manhartsberger sichern. Die kühleren Lagen bringen bei geringeren Zuckergraden dieselbe Reife, das ergebe letztlich wesentlich elegantere, interessantere Weine. Von Mühlbach am Manhartsberg, Heimat des Mundartdichters Joseph Misson, dem auch ein eigenes Museum gewidmet ist, führt der Weg hinunter nach Hohenwarth, einem wichtiger Weinbauort am südöstlichen Ende des Manhartsberges. Winzer wie Uli und Hans Setzer zeigen, welch außerordentliche Qualitäten nicht nur beim Grünen, sondern auch beim Roten Veltliner möglich sind. Der Rote Veltliner ist auch Liebkind von Leopold Hofbauer, dessen Großvater sich schon mit Engagement dieser Rebsorte widmete - nahezu 40 Jahre alte Rebstöcke sind da schon eine Seltenheit.

Die Weingärten von Maissau liegen ganz im Schutze des Manhartsberges, das Schloss thront mächtig am Waldesrand. Die Weine von Schloss Maissau werden seit dem Jahrgang 2006 von Familie Gruber aus Röschitz vinifiziert; mit dem Juliusberg gibt es einen neuen, kraftvollen Veltliner von Urgestein mit Schotterauflage, dessen feine Mineralik von exotischer Fruchtfülle und karamelligen Noten ergänzt wird. Touristisches Ziel in Maissau ist die Amethystwelt, in der die weltweit größte zugängliche Amethystader besichtigt werden kann. In der benachbarten Ortschaft Oberdürnbach hat der Komponist Gottfried von Einem seine letzte Lebenszeit verbracht, die Gedenkstätte hier ist alljährlich Schauplatz eines Musikfestes.

Rund um Eggenburg

Über Straning und Grafenberg führt eine idyllische Straße nach Eggenburg. Auch wenn hier der Manhartsberg zurückgewichen scheint, der bei Maissau noch dichte Wald plötzlich weitläufigen Feldern und Weingärten Platz macht, verweisen einzelne Granitfelsen, die sich inmitten der Landschaft erheben, auf den eigentlichen Untergrund. Eggenburg selbst ist mit seinem historischen Hauptplatz, dem berühmten Sgraffitohaus, der Stadtmauer und den Museen – Motorradmuseum und geologisches Krahuletz-Museum – ein kulturell höchst ergiebiges Ziel; in seinen Institutionen waldviertlerisch, ist es in seiner Weinidentität freilich ganz dem Weinviertel zugewandt. Der „Stein&Wein" benannte Wanderweg führt von hier aus zu markanten Steinformationen, den Kogelsteinen und der Fehhaube, bis in die Stoitzendorfer Kellergasse mit ihrem Rebsortenpfad.

Von Stoitzendorf ist es nicht mehr weit bis Röschitz, eine Weinbaugemeinde mit extremer Kellergassen- wie Winzerdichte: der schon erwähnte Ewald Gruber sowie Gschweicher und Pollerhof sind nur einige der wichtigen Weingüter hier. Drei große Kellergassen am südlichen Ende sowie in der ganzen Ortschaft verstreute Keller, an die 120 sind es insgesamt, ergeben jenes „Dorf ohne Rauchfang", wie es auch für so vielen andere auf den Weinbau konzentrierten Gemeinden gilt. An der nördlich Richtung Pulkau führenden Straße liegt der Weberkeller, ein nicht nur kleiner lauschiger Heuriger, sondern vor allem volkskulturelles Kleinod: in das Gewölbe aus Löss und Lehm, den extrem verdichteten Sand des Eggenburger Urmeeres, haben Generationen der künstlerisch begabten Familie Weber Geschichten und Bilder geschnitzt, Reliefs von unglaublicher Deutlichkeit und Präzision, wie etwa eine Nachbildung von Da Vincis Abendmahl.

Über Pulkau nach Retz

Der Weinort Pulkau liegt in einer Senke, ist auf der einen Seite romantisch umrahmt von Wäldern; an der aus dem Waldviertel fließenden Pulkau mit Waldbad und kleinen Villen herrscht eine reizvolle Sommerfrische-Stimmung. Gleich zwei Kirchen und ein mächtiger Karner beherrschen das Ortsbild, aus dem ehemaligen Schüttkasten wurde das Europahaus, ein Ort der Begegnung für Jugendliche aus ganz Europa, unterstützt auch vom jüngst verstorbenen Pater Paterno. Der Weinbau hat hier lange Tradition, der „Pulkautaler" war eine weithin bekannte Marke und wurde auch in den benachbarten Norden exportiert. Heute gibt es nur mehr wenige Vollerwerbsbetriebe, und so billig wie hier bekommt man guten Wein nicht mehr oft. Auf dem sich oberhalb von Pulkau Richtung Missingdorf erstreckenden Plateau weichen die Weingärten zunehmend weitläufigen Obstanbauflächen. Die Obstbaubetriebe Wetter und Göthans sind hier die großen Spezialisten für sortenreine Obstsäfte und Edelbrände. Auf der anderen Seite von Pulkau rückt der Manhartsberg mit Wald und Granitfelsen wieder ins Sichtfeld, die Ortschaften Leodagger und Waitzendorf schmiegen sich eng an seine Abhänge.

Eine der idyllischsten Straßen der Region führt, von Pulkau kommend, ganz nah am Manhartsberg weiter über Obermarkersdorf und Obernalb nach Retz. Obermarkersdorf mit seinen mineralischen Lagen bietet nicht nur für die ortsansässigen Winzer – etwa Diem, Studeny oder Pröglhöf in Obernalb – beste Voraussetzungen für markante Weine, auch Wolfgang Seher aus Platt hat hier einige seiner besten Veltliner- und Rieslinglagen. Retz selbst schließlich, auf einem Urmeer-Sandkegel von 30 Metern Tiefe erbaut und in drei Stockwerken komplett unterkellert, ist das Zentrum am nördlichen Ende des Manhartsberges, dessen Ausläufer hier noch bis Retzbach reichen. Die jährlich im Juni stattfindende Retzer Weinwoche ist der unbestritten intensivste Weinevent der Region, und selbst routinierten Verkostern wird es kaum möglich sein, sich durch die stolze Zahl von 800 Weinen zu kosten.

Vinotheken, Wirte, Hofläden

Eine konzentrierte Winzerpräsenz ist in den verstreut eingerichteten Vinotheken zu finden. Retz bietet hier die größte Auswahl: da ist zum einen die Vinothek im Althof Retz, die sich auf die Großlage Retzer Weinberge konzentriert und immer Ziel der Kellerführung ist. Deren Ausgangspunkt wiederum ist der Tourismusverein Retz; hier ist in den unlängst ganz modern gestalteten Kellerräumen ein Weinshop eingerichtet. Eine kleine, vornehmlich auf Retzer Winzer beschränkte Weinauswahl ist in der Konditorei Wiklicky zu finden – überhaupt ein interessanter Platz, wird doch hier neben der Julia-Torte (Hommage an die gleichnamige Fernsehserie mit Christine Hörbiger) auch die Polt-Torte serviert. Konditor Felix Wiklicky bietet zudem Kellerführungen auf den Spuren von Alfred Komareks berühmtem Weinviertler Gendarmen Polt an - und er fabriziert Veltliner- wie Rote Trauben-Eis. Spektakulärste Gebietsvinothek ist aber das Weinquartier, wo in modernem Ambiente eine weinviertelumspannende Auswahl an Spitzenwinzern präsentiert wird; alle Weine sind gegen geringes Entgelt auch zu verkosten. Darüber hinaus gibt es ein breit gefächertes Angebot an Delikatessen aus dem unmittelbaren Umland, von Retzer Salzgurken über Marmeladen bis zu den Missingdorfer Obstsäften. Das trendige Café-Restaurant des Weinquartiers hat die zum Wein passenden Imbisse und regionalen Gerichte auf der Karte.

In Retz geht offenbar nichts ohne Wein: der Frisör am Hauptplatz schenkt seinen Kundinnen nicht nur Kaffee, sondern auch Wein aus, und auch in der Buchbinderei ist neben Geschenksartikeln Wein erhältlich. Eine Fundgrube für regionale Produkte ist zudem der Bauernladen Retzerland, wo von Fleisch- und Wurstwaren über Gemüse, Eingelegtes, Marmeladen und Obstsäfte bis hin zum Wein eine ungemein reichhaltige Auswahl örtlicher Spezialitäten geboten ist. Ein Bauernshop ist auch im alten Milchhaus in Mitterretzbach eingerichtet: Nahversorger und Direktvermarkter in einem. In Pulkau bietet die Vinothek bei der Blutkirche einen Überblick über das Winzerschaffen der Stadt und ihren zugehörigen Gemeinden, jede Woche ist ein anderer Winzer in der Verkostung; in Eggenburg ist die Ortsvinothek im Krahuletz-Museum eingerichtet, hier sind 11 Winzer aus der Region vertreten. Gut mit regionalen Weinen bestückt ist auch die neue Bar-Vinothek „Die Kramerey", die ihren Namen von der früher in diesem Haus befindlichen Krämerei bezieht. Da auch damals schon „welscher Wein" ausgeschenkt worden war, ist der recht italienisch gehaltene Stil gar nicht so weit hergeholt.

Die Wirtshäuser in der gesamten Region bieten vor allem gutbürgerliche Küche. In Unterretzbach ist der vom jungen Ehepaar Pollak liebevoll instand gesetzte Retzbacherhof mit seinem großen Kastaniengarten ein etwas abweichendes, aber ganz und gar unbedingtes und wunderbares Refugium für Genüsse der vornehmlich verfeinert-bodenständigen Art – und regionalen Weingenuss. Ein Geheimtipp fürs Wochenende ist der Gasthof Winkelhofer in Eggendorf am Walde, da ist man dem Kamptal wieder ganz nah. Samstag und Sonntag wird das wochentags strikt bodenständige Wirtshaus – da kocht die Mutter! - zum feinen Landgasthof, Sohn Johannes Winkelhofer weiß mit den Produkten aus eigener Landwirtschaft recht beschwingt umzugehen – der Agraringenieur hat sich das Know How hiezu an einigen illustren Küchenplätzen geholt. In diesem Familienbetrieb ist Ehefrau Gisela, eine Sommelière, für die Gästebetreuung zuständig und hat von hauseigenen Weinen bis zum eleganten Kamptaler so einiges im Keller.

(Juli 2007 für Vinaria)