Der Traum vom Meer – eine Reise um den Bodensee

03.01.2013

Ein See verbindet drei Länder zu einer einzigen Region, zu einem größeren Daheim. Gemeinsam ist auch die Besinnung auf den kulinarischen Reichtum dieser Landschaft: aus alten Küchentraditionen wachsen neue Ideen und verbinden sich mit Bestehendem zu einer weit gefassten kulturelle Identität.
Dieser Text wurde 2007 für das Magazin VINARIA Gourmet verfasst, das es in dieser Form nicht mehr gibt. Aber es wäre zu schade gewesen, diese Geschichte dem Vergessen im Altpapier zu überlassen. Da ich mit dem Fotografen Kurt Michael Westermann unterwegs war, gibt es kaum eigene Fotos.  Der Text ist auf Aktualität überprüft; zwei ursprünglich darin vorkommende Restaurants existieren leider nicht mehr. 

Von den möglichen Anreisen zum See scheint jene über den Bregenzerwald und das Bödele kommend die lohnendste: Wenn sich aus der Höhe plötzlich eine Weite auftut und die riesige Wasserfläche des Sees sich meeresgleich ausbreitet, dann geht mit dem Blick ins Unendliche auch das Herz mit. Im Hinabsteigen wandelt sich das Klima, aus dem rauen alpinen taucht man unmittelbar ins milde, liebliche, fast mediterrane ein. Beeinflusst ist hier alles vom Wasser - immerhin ist der Bodensee der drittgrößte See Mitteleuropas. Seine ausgleichende Kraft lässt die Sommer nie zu heiß, die Winter nie zu kalt werden. Frosttage sind selten, und wie oft der See seit 1788 ganz zufror, kann man an einer Hand abzählen: ein Ritt über den Bodensee, wie er in der Ballade „Der Reiter und der Bodensee“ von Gustav Schwab geschildert wird, ist eher unwahrscheinlich. Die wohlwollenden klimatischen Bedingungen verwandeln die Landschaft rundum in einen einzigen üppigen Garten: von den ausgedehnten Obstplantagen über Weingärten bis hin zum subtropischen Pflanzenparadies. Das ist, von der Obstblüte im Frühjahr weg bis zur herbstlichen Farbpracht der Weinstöcke, eine Idylle fürs Auge und ein Schlaraffenland für den Gaumen.

Eine Reise gegen den Uhrzeigersinn

Im Gewirr von Industriegebieten und der ineinander fließenden Ortschaften des Rheintales geht es bei Höchst über die Grenze in die Schweiz. Ein letzter Gruß Österreich ist die von Friedensreich Hundertwasser gebaute Markthalle in Altenrhein. Dann ändert sich das Landschaftsbild, aus der Ebene wachsen Hügel, irgendwo dahinter erhebt sich der mächtige Säntis, der als dominierender Teil der alpinen Bergkulisse aber erst vom anderen Ufer aus zu sehen ist -  jenes andere Ufer, das auf keiner Seite als das fremde, sondern immer wie ein eigenes gefühlt wird: eine solche Einheit bildet der See. Fachwerkhäuser mit kunstvollen schmiedeeisernen Hauszeichen säumen die Straßen, zwischen Obstbäumen und Weingärten macht sich Lieblichkeit breit. Am Buechberg bei der Ortschaft Thal aber sind auch steile Südlagen zu finden, hier hat der Rebbau Tradition. Einkehr im Landgasthof Schiff Buriet: hier manifestiert sich der Traum vom Meer als kombüsengleiches Restaurant im ersten Stock, gedrungen in der Raumhöhe, glatte Holztäfelungen, allerlei Schiffsdekor.

Der Fisch bestimmt auch die Speisenkarte, kommt aus dem See wie dem Meer. „Schöne Fischerin“ nennen sich die Felchenfilets mit spinatgefüllten Crèpes und kräftiger Pilzsauce; man ist aber auch berühmt für Gerichte aus Rheintaler Ribelmais und für die deftigen regionalen Würste. Dazu wird Most aus den Äpfeln vor Ort getrunken, leicht und aus der Bügelflasche, oder der trübe Apfelwein vom Fass. In den Ortschaften entlang des Ufers tauchen immer wieder Erinnerungen an glanzvollere Zeiten auf, die Promenade von Rorschach, gesäumt von gestutzten Ahornbäumen, muss aber auch mit den Bausünden jüngerer Jahrzehnte leben. Mittendrin liegt wie ruhender Pol aus einer anderen Zeit die hölzerne Badhütte, ein historischer Holzpfahlbau von 1924, der heute noch als Badeanstalt dient. Der Weg weiter nach Arbon führt direkt zur Villa am See, eines jener prunkvollen Gebäude, wie sie, mehr oder weniger versteckt, dem Ufer entlang zu finden sind. Hier haben Silvia und Peter Runge-Clerici ein wunderbares Refugium des Genusses geschaffen. Der gläserne Pavillon lässt Garten und See in die Speiseräume reichen, die Verbindung von Natur und Küchenkunst wird so noch unmittelbarer erlebbar. Raffiniert und bodenständig zugleich ist die Küche von Peter Runge, er spielt gern mit vielfältigen Aromen, ein wenig gehobene Klassik mit Trüffeln, ein wenig asiatischer Lufthauch mit Soja, Ingwer und Wasabi. Die Fische sind immer aus Wildfang, ob vom See vor der Tür oder vom fernen Meer; gleiche Qualitätsmaßstäbe werden auch ans Fleisch gelegt. Und aus dem wohlsortierten Keller kommen allerbeste Weine aus der ganzen Welt, auch aus Österreich.

Durch Mostindien

Diesen liebevolle Übernamen haben die Schweizer jenem Landstrich gegeben, der sich am Ufer südlich des Sees hinzieht und dessen Charakter von ausgedehnten Obst-, vor allem Apfelplantagen geprägt wird. Reihen von zurechtgestutzten Bäumchen erinnern an Weingärten, mit den Bewässerungsanlagen ergeben sie ein bisweilen recht skurriles Bild von Kulturlandschaft. Das „Indien“ ergibt sich aus dem an dieses Land erinnernden Umriss des Kantons. Schlaraffenland Thurgau heißt er aber auch, eine Vielzahl an Landgasthöfen und Restaurants, zahlreiche Hofläden und Direktvermarkter wie Weinkellereien bieten die köstlichen Produkte dieser Landschaft an. Arbon ist ein charmantes Plätzchen am See mit hübscher Altstadt, Fachwerkhäuser drängen sich in den engen Gassen, fröhliche Skulpturen beleben das Stadtbild. Im Stadtcafé, im ersten Stock eines solch alten Hauses gelegen, werden nicht nur verführerische Konditoreiwaren angeboten, sondern auch „urchigs“ und „Währschaftigs“ – regionale kleine Speisen also wie Röstivariationen oder Chäsknöpfli, während der Toast schlichtweg unter „Fremdländisches“ fällt. Brauerei Frohsinn – passender könnte der Name nicht sein für jene Einheit aus Hotel, Bistro und Braukeller, die am westlichen Stadtrand steht. Hier werden deftige Imbisse zu den hauseigenen Bierspezialitäten von naturtrüb bis Stout gereicht, im Lädeli daneben kann man diese ebenso wie hausgemachte Marmeladen und andere Produkte aus der eigenen Küche käuflich erwerben.

Der Fluss im See

Der Rhein, der als Alpenrhein im Delta von Bregenz in den See mündet, durchfließt so gut wie unsichtbar den Obersee bis zum Konstanzer Trichter und kommt dann im Untersee umso deutlicher wieder in Erscheinung, bevor er sich, bei Stein am Rhein, endgültig zum Fließgewässer wandelt. Am Rathausplatz dieses idyllischen Städtchens reihen sich Fachwerkbauten und bemalten Hausfassaden in eindrucksvoller Dichte, touristisches Ziel par excellence. Hier steht die historische Gastwirtschaft Zur Sonne mit ihrer traditions- und regionsverbundenen Küche; in der Metzgerei zum Pelikan wird Fleisch aus der Region vermarktet, eine der Spezialitäten sind Pferdeschüblinge. Im Café zur Hoffnung sitzt man im ersten Stock zwischen historischem Mauerwerk und unter schweren Holzbalken oder aber im modernen, von einem lokalen Künstler gestalteten Wintergarten; man produziert nicht nur köstliche Kuchen und Torten, sondern auch Pralinen und Schokolade. Schräg über den Platz ist im Haus Zum weißen Adler einer der besten Käseläden der Schweiz zu finden, Chäs Graf. Im kleinen, rustikal gehaltenen Laden werden bestens gereifte Käse aus dem alten Sandsteinkeller sowie allerhand andere Lebensmittel der Region und Wein feilgeboten.

Entlang des Höhenzuges des Thurgauer Seerückens geht es zurück in Richtung Konstanz, zahlreiche illustre Villen und Schlösser lassen erkennen, dass der Untersee immer schon bevorzugter Platz für herrschaftliche Wohnsitze war. Das Napoleon-Museum im Schloss Arenenberg, einst von einer Stieftochter Napoleons bewohnt, erinnert an jene Zeit, wo einige Bonapartisten hier im Thurgau Exil fanden. Am Ufer unten reihen sich alte Fischerdörfer aneinander, Gottlieben kann mit einem besonders eindrucksvollen historischen Ensemble an Fachwerkhäusern aufwarten. In den geschichtsträchtigen Räumlichkeiten der Drachenburg ist das gastronomische Angebot eher gutbürgerlich zu nennen; elegant und gediegen hingegen geht es im Hotels Krone vorne an der Seestraße zu, hier tafelt man in inspirierter, zeitgemäßer Leichtigkeit. In Ermatingen, nur wenige Kilometer weiter, ist die Vergangenheit als Fischerdorf noch viel greifbarer. Hier leben die mit dem Fischfang verbundenen Traditionen wie das Gangfischschießen oder die Groppenfasnacht noch weiter.

Der Gangfisch ist eine Winterspezialität: eine Felchenart, die sich in großer Tiefe aufhält, und wird auf dem Weg zu den Laichgebieten hier gefangen. Er wird heute noch nach alter Tradition von der Familie Wolfgang Ribi mit Eichenholz geräuchert, eine Arbeit, für die Geduld, Ehrfurcht und Leidenschaft vonnöten ist. Mit Geschichte und Gegenwart des Weinbaus der Region wird man im Vinorama-Museum von Ermatingen konfrontiert, die besten Weine des Bodensee können hier verkostet werden. Das Museum bietet aber auch einen spannenden Einblick generell in die Geschichte dieses einst so wichtigen Landstriches  mit seinen geistigen Zentren Reichenau und Konstanz. Tägerwilen, etwas oberhalb des Sees gelegen, ist der Geburtsort jenes Pflanzenphysiologen Dr. Hermann Müller, der sich selbst Müller-Thurgau nannte und seiner Rebzüchtung zum Namen verhalf – heute wohl die bedeutendste Rebsorte rund um den See. Am Übergang zu Konstanz dann, kurz vor der Zollstation, ist kein Vorbeikommen an einem Genussladen allererster Ordnung: dem Zigarrenspezialisten Portmann. In klimatisierten Räumen lagert, was immer das Herz des passionierten Rauchers begehrt; das Angebot an Zigarren aus aller Welt scheint vollständig. Service und Beratung sind ebenso hochklassig wie das Sortiment, und um die Wartezeit bei der schwierigen Wahl aufzulockern, wird köstlicher Giger-Kaffee serviert.

Die Schöne und das Konzil

Lac de Constance – Lake of Constance heißt der See für die Welt. Konstanz war frühes  Zentrum und wesentlichen Pol der mittelalterlichen Welt, hier hatte vor allem das einzige Konzil auf deutschem Boden von 1414 bis 1418 seinen Schauplatz. Das Wirken von Imperia, der schöne Kurtisane, die irgendwann im 15. Jahrhundert lebte, liebte und dichtete, wurde von Balzac in einer seiner Tolldreisten Geschichten diesem Konzil von Konstanz zugeordnet. So steht sie nun, vom Bildhauer Peter Link aus Bodman zu einer 9 Meter hohen Skulptur wohlgeformt, stolz und sich langsam drehend im Hafen von Konstanz, in den Handflächen Kaiser und Papst als lächerliche, nackte Zwerge balancierend – diskutiertes wie markantes neues Wahrzeichen der Stadt. Die von Kriegsschäden freie mittelalterliche Altstadt ist mit historischen Bauten reich bestückt, hier locken zahlreiche gutbürgerliche Gaststätten und Weinstuben mit regionaler Küche und Bodensee-Weinen.

Landschaftlich intensive Abwechslung ist auf Mainau, diesem Traum vom Paradies zu finden, das seine historische Gartenanlage dem Sammlereifer eines Großherzogs im 19.Jahrhundert verdankt, von seinen Reisen brachte er jeweils wertvolle Bäume und Exoten mit; der schwedische Graf Bernadotte machte daraus dann das blühende Paradies. Über eine lange Pappelallee gelangt man auf der anderen Seite der Halbinsel zur Insel Reichenau, der größten im See. Mit ihren drei Klöstern war die Mönchsrepublik im Mittelalter geistig-kulturelles Zentrum, die Klosterschulen der Insel waren gefragte Erziehungsstätten für den Hochadel, berühmt waren die Bibliothek und eine Schule der Buchmalerei, davon zeugen heute noch die Kirchen. Sie gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO, ist als Kulturlandschaft mit ausgedehnten Gemüse-, Obst- und Weingärten auf fruchtbaren Böden bis heute wesentliches landwirtschaftliches Zentrum. Direktvermarktungsläden von Gemüse und Obst, eine Fischhandlung und der Keller der Reichenauer Winzervereinigung bieten Einkaufsmöglichkeiten für die inseleigenen Produkte.

Höri – „Verurteilt zur Landschaft“

Beim Umrunden des südwestlichen Teils des Bodensees, der sich hier in Gnadensee und Zellersee teilt, gelangt man in die stille, etwas abgelegene Landschaft der Halbinsel Höri; der verschlossenere Charakter dieses Landstrichs prägt auch seine Bewohner. Und doch war er mit seinem unberührten landschaftlichen Reichtum schon immer Anziehungspunkt nicht nur für Erholungs- und Ruhesuchende, deren Häuser sich am Ufer aneinanderreihen, sondern auch für zahlreiche Künstler. In Gaienhofen hatte sich der junge, frisch verheiratete Hermann Hesse niedergelassen, von 1904 weg bewohnte er zunächst ein Bauernhaus, heute Museum, ehe er ein eigenes Haus bauen konnte. Gleich in der Nachbarschaft kann man im Wiischöpfle, einer kleinen Weinhandlung mit Ferienwohnung, Weine der Region verkosten und kaufen.

Ins nahe Hemmenhofen hingegen hatte sich der Maler Otto Dix in einem freiwilligen Exil zurückgezogen, nachdem er seine Professur in Berlin verloren hatte und mit Ausstellungsverbot belegt worden war. Es müssen für ihn sehr lange Jahre gewesen sein von 1936 bis zu seinem Tod 1969, sein Zugang zur unentrinnbaren Natur herum war für ihn eher eine „Verurteilung zur Landschaft“ denn freudiges In-Ihr-Sein wie bei Hesse. Die große, damals von der ganzen Familie bewohnte Villa auf der Anhöhe ist heute Museum mit jährlich wechselnden Ausstellungen. Höri, das ist aber nicht nur Landschaft, beliebte Sommerfrische- wie Erholungsdestination, sondern vor allem auch landwirtschaftlicher Reichtum: in zahlreichen Hofläden entlang der Straße werden Obst und Feldfrüchte direkt verkauft. Der See verfügt hier auch über eine besondere Fischvielfalt, Äschen laichen wieder in der Gegend, auch die Seeforelle ist hier zu finden. Bei Willi Böhler in Hemmenhofen werden  Karpfen, Trüschen, Rotaugen, Hechte und auch Weißfische angeboten; die Aale und Felchen sind auch geräuchert zu haben. Es ist ein Einmannbetrieb, nur im Sommer hilft gelegentlich die Mutter, einzige Fischerin des Untersees, noch manchmal aus.

Vom Ufer weg steigt die Landschaft zum Schienerberg hin sanft an. Im Dorf Schienen hat sich im Jahr 2006 die Dorfgemeinschaft zu einem bemerkenswert ehrgeizigen Projekt zusammengeschlossen und einen Genossenschaftsladen eingerichtet: „Produkte der Halbinsel Höri“ heißt es schlicht in der Aufschrift des schmucken Ladens. Die Namen der Produzenten sind einzeln aufgelistet, das verschafft ihnen Identität und Wert. Je nach Saison erhält man hier Biogemüse von den Bauern, geräucherte Felchen vom See, Biofleisch und Lamm vom Schienerberg, Schnäpse aus Öhlingen, Honig und Marmeladen, Biobrot und vieles mehr. Das Lädele ist aber nicht nur Nahversorgung und Möglichkeit der Direktvermarktung, sondern auch ein wesentlicher sozialer Ort, eine Stätte des täglichen Austausches. Seit es diesen Laden gibt, sagt man, funktioniere die Dorfgemeinschaft wieder anders.

Inmitten der Landidylle des Schienerberges ist auch eine alte Mühle zu einem sehr romantischen Plätzchen und einem der empfehlenswertesten Restaurants der Gegend geworden. Johannes Wuhrer, Küchenchef des Falconera, hat die Zusammenarbeit mit lokalen Lieferanten zu seinem zentralen Anliegen gemacht und pflegt eine frische, kreativ-saisonale Küche. Über die alte Straße durch Wälder und vorbei an Feldern gelangt man zum Hof von Dan Blumer, einem Lammzüchter. An die 170 Muttertiere hält er und noch einmal so viele Lämmer, seit seiner Kindheit ist er in diese Aufgabe hineingewachsen. Die Ruhe, die er ausstrahlt, überträgt sich auf seine Tiere; stressfrei aufgewachsen verfügen sie über reichlich zartes Fleisch, das nun auch biozertifiziert ist.

Lammfleisch vom Schienerberg gibt es auch bei Hubert Neidhart, Wirt im Grünen Baum in Moos. Dieser alte Landgasthof mit elegant und künstlerisch gestaltetem neuen Speiseraum ist aber vor allem auf Fisch spezialisiert. Das Frühjahr ist die Zeit der großen Hechte, wenn sie hochkommen zum Laichen, deshalb serviert er diesen Fisch nicht im Ganzen, sondern als Steak gebraten mit Emmer-Reis, einem Urgetreide, und Schwarzwurzeln. Der Fastenteller spottet in seiner Üppigkeit den Namen Hohn, mit Froschschenkeln und Schnecken zu Seeknusperli, geräucherter Felche und Krebserl. Die Bodenseefischsuppe wiederum steht besten Bouillabaissen um nichts nach und wird mit Sauce Rouille serviert. Hubert Neidhart ist ein Kämpfer für die regionale Küche und die Region überhaupt, der er mehr Profil verschaffen will. Er hat einige seiner Lieferanten dazu gebracht, sich wieder alter Produkte zu besinnen. Auch die Weine stammen von den Gebieten rund um den See, die Winzer werden wie Freunde des Hauses präsentiert. Gleich hinter dem Grünen Baum steht das moderne Hotel von Bruder Klaus Neidhart: Fisch aus dem See gibt es auch hier, in seinem internationalen und von spannender Aromatik geprägten Zugang unterscheidet er sich jedoch ganz markant. Großartig sortiert ist hier die mit 400 Positionen recht umfangreiche Weinkarte.

An die deutsche Riviera

Die Fahrt geht im Hinterland von Höri weiter in Richtung Überlinger See, der sich fjordgleich zwischen Bodanrück und das nördliche Bodenseeufer schneidet. Markanter Orientierungspunkt wird der Vulkankegel des Hohentwiel; an seinen Abhängen finden sich die mit ihren Basalt- und Vulkanböden recht ausdrucksvollen Lagen für Wein vom Bodensee. Immer wieder wird man entlang des Ufers vom Gefühl erfasst, sich in wesentlich südlicheren Gefilden zu bewegen, vom alten Strandbad in Bodman-Ludwigshafen bis zur ausgedehnten Strandpromenade von Überlingen. Dieses reizvolle und lebendige Städtchen lebt nicht nur vom Flair der vielen historischen Gebäude. Jeden Mittwoch und Samstag herrscht auf dem Wochenmarkt reges Treiben; das Hinterland gilt als Zentrum des biologischen Landbaus mit Schwerpunkt auf Biodynamik und Demeterprodukten. In der Markthalle von Überlingen, der Greth, ist Fleisch aus biologischer Produktion bei der äußerst engagierten Metzgerei Scholz erhältlich.

Nur wenige Schritte hinter dem Aufkircher Stadttor steht das einladende Gebäude des Bürgerbräu. In diesem seit je gutbürgerlichen Betrieb hat inzwischen der selbstsichere und ehrgeizige Sohn Simon Metzler die Stilrichtung auffällig, doch mit viel Erfolg auch bei den Stammgästen verändert; sein Auftreten als „Junger Wilder“ ist allerdings eher ein optisches. Denn was er an auch auf dem Teller gestalterisch durchkomponierten Gerichten serviert, gründet trotz allem auf dem festen Boden der regionalen Tradition. Hinter Überlingen führt die Straße hinauf nach Andelshofen. Hier steht der Landgasthof zum Johanniterkreuz, einstmals ein bäuerlicher Betrieb, heute ein stattliches Hotel mit bemerkenswerter Küche. Andreas Libich hat nach längeren Jahren in der Schweiz einiges an Visionen mitgebracht, die er, immer den Kompromiss mit notwendigen Traditionen suchend, schrittweise durchzusetzen versucht. Neben bodenständig Verhaftetem bringt er unter „Oscar’s“ (als Hommage an den generationsüberschreitenden Vornamen) sehr persönliche Kreationen auf die Teller, immer auch bemüht um regionale Produkte.

Der Wein am See

Von der Anhöhe über der Wallfahrtskirche von Birnau aus reicht der Blick von der Insel Mainau schräg gegenüber über den ganzen Obersee und bei entsprechender Witterung bis zu den noch lange schneebedeckten Gipfeln der österreichischen und Schweizer Alpen. Auf den teilweise recht abfallenden Hängen ist ein Großteil der Weingärten des Gutes Markgraf von Baden zu finden, des größten privaten Weingutes Deutschlands. In der Vinothek neben dem Hofgut-Restaurant, das mehr von seiner prachtvollen Lage denn vom kulinarischen Angebot profitiert, befindet sich auch eine Vinothek des Weingutes, wo aromatischer Müller-Thurgau und fruchtbetonter Spätburgunder - die beiden wichtigsten Sorten dieser Weinbauregion – sowie der Secco, die deutsche Antwort auf Prosecco, erstanden werden können.

Vorbei an den Pfahlbauten von Unteruhldingen, Zeugnis der weit in die Vergangenheit zurückreichenden Geschichte dieser Region, kommt man zu einem weiteren Zentrum des Bodensee-Weines, das ganz in Seenähe liegt: nach Meersburg. In der Oberstadt hoch über dem Hafenbereich steht die düstere, trutzige Burg, in Privatbesitz und heute noch bewohnt. Daneben reihen sich das Neue Schloss und nicht weit davon das schlossartige Gebäude des Staatsweingutes Meersburg zu einer beachtlichen Kulisse. Die Meersburger Weine – und das gilt auch für jene aus dem benachbarten Hagnau von der dortigen Winzergenossenschaft stammenden – haben mittlerweile einen hervorragenden Ruf; sie spiegeln die Lieblichkeit der Landschaft wider, von verführerischer Aromatik bei den Weißen wie den Roten, mild und süffig, ohne jedoch allzu sehr in die Breite zu gehen. Drüben in Unteruhldingen ist ein anderer Fischer vom Bodensee tätig: um fünf Uhr morgens holt Andreas Knoblauch die Felchen aus dem Obersee, später dann Saiblinge und Kretzer aus dem Untersee. Im hauseigenen Bistro werden ab 11:30 die frisch gefangenen Fische gebraten.

Ziegen und Zeppelin

Ein weiterer Ausflug ins Hinterland führt nach Ahausen, zum Moserhof. Hier hat Regina Moser die Ziegenwirtschaft fest im Griff. 400 Tiere werden im neuen, großzügig angelegten Stallgebäude gehalten und haben reichlich Auslauf und Weidefläche auf den Wiesen rundum. Das feine, zarte Kitzfleisch wird verkauft, aus der Milch der Muttertiere entstehen unzählige verschiedene Käsesorten, die auch dem Feinschmecker eine Auszeichnung wert waren. „Von zarter Frauenhand gefertigt“, kokettiert die selbstbewusste Frau, die als Quereinsteigerin in dieses Metier gefunden hat und mit Hilfe ihres Mannes den ansehnlichen Betrieb mit großer Energie führt. Ihre gepflegten Käse sind nicht nur im Hofladen zu erwerben, sondern haben auch ihren Platz in der regionalen Gastronomie gefunden. Im Bischofsschloss von Markdorf hat sich das zum Mindness-Hotel gehörige Restaurant mit dem programmatischen Namen „Mundart“ zur Aufgabe gemacht, vor allem bio-regionale Spezialitäten in anregender Weise zu  präsentieren. Die durchwegs soliden Gerichte erhalten ihren Pep vor allem durch kreative Bezeichnungen wie „Vegetarischer Wahnsinn“, „Seitensprung“ oder „Wildes Vergnügen“ – ein eigenwilliger Kontrapunkt zum gediegenen, in grün-weiß gehaltenen Interieur unter der schweren Balkendecke.

Auf dem Weg nach Friedrichshafen wandelt sich die Landschaft von einer betont agrarischen immer mehr zu einer industriellen. Große Firmen haben hier ihre Niederlassungen; Friedrichshafen selbst hat nach all der Idylle schon fast Großstadtcharakter. Es war der Luftschiffbau des Grafen Zeppelin, der diese Verwandlung in einen Industriestandort bewirkte; Rundflüge mit einem solchen Luftschiff lassen irdische Meeres- wie Paradiesträume aus schwebendem Zustand betrachten.

Käse im Kulturbezirk

Mit nur 28 Kilometern ist der österreichische Anteil am Bodensee-Ufer der kürzeste; hier konzentrieren sich Kulinarik und Kultur auf engstem Raum. Inmitten der Ortschaft Lochau steht der ausladende, alteingesessene Gasthof Meßmer, seit 2006 nunmehr von Familie Müller mit großer Sorgfalt geführt. Die denkmalgeschützten großen Stuben sind nur ein Teil des eindrucksvollen Interieurs, das im Oberstock mit einer Zigarrenlounge samt begehbarem Humidor (dem einzigen in Vorarlberg) seine elegante Fortsetzung findet, während im Untergeschoß ein hinter gläserner Wand einsichtbarer und wohlsortierter Weinkeller samt urigem Weinstübchen das weitere Genusspotential dieses Hauses versinnbildlicht. Kulinarische Basis aber ist die bewusst bodenständig orientierte Küche, die für einheimische Gäste wie Festspielpublikum gleichermaßen Attraktivität besitzt.

Hinter Lochau steigt eine gewundene Straße weit hinauf nach Eichenberg, von dort aus kann man über einen Käselehrpfad nicht nur Naturlandschaft, sondern auch Wirtshäuser, Almen und Sennereien erkunden. Erster Einkehrplatz könnte das Restaurant Schönblick sein, von dessen Gourmetstube und vor allem Terrasse aus der Blick über den See bis zum Horizont von geradezu kitschiger Vollkommenheit ist. Zu Füßen liegt die Insel Lindau, Bregenz ist in der Bucht versteckt, dafür ragen Rheinspitz und Rohrspitz mit dem Flussdelta inmitten weit in den See hinein. Das Restaurant bietet eine regional orientierte Küche, interessant ist neben einem sonst auch reichhaltigen Sortiment - die spezielle Weinauswahl zu gereiften Bergkäsen. Wieder am Ufer entlang kommt man an der noch erhaltenen Bregenzer Badhütte vorbei bis hin zur Kulisse der Seebühne: der weitläufige Festspielbezirk direkt am Wasser bestimmt die kulturelle Identität dieser Stadt. Aber auch in kulinarische Hinsicht braucht man nicht zu darben: in der Oberstadt mit ihren Gässchen und historischen Gebäuden sorgt Heino Huber im Deuring-Schlössle für fortgesetzt elegante, saisonal wie auch regional bestimmte Haute Cuisine.

Käseliebhaber werden auch in Fredis Käslädele fündig, seit je erste Adresse für wohlgereifte Käsesorten nicht nur aus der Region. Nahe an der Altstadt liegt auch das kleine, heimelige Restaurant Neubeck, wo Nina Sotriffer ihre Reise- und Lebenserfahrung in wunderbar gefügten Menüs zum Ausdruck bringt. Ihr überzeugendes Spiel mit asiatischen Zubereitungsarten und Aromen – die Grundprodukte aber stammen größtenteils aus regionaler Bauernhand -  ist kein im Zugzwang eines Trends aufgesetztes, sondern rührt aus sehr persönlichem Erleben. Aus dem geschäftigen Treiben der Landeshauptstadt zieht es einen gern hinaus in Richtung See; zwischen Hard und Höchst führen zahlreiche Wege ins Rheindelta mit breitem Schilfgürtel und Vogelparadies im Naturschutzgebiet. Das Fischerheim am Schleienloch hat nicht nur einen idyllischen Namen, das kleine Lokal liegt auch recht verträumt zwischen Kanal und Fischtümpeln. Es ist ein allseits beliebtes Ausflugsziel mit traditioneller Gasthausküche und einer feinen kleinen Wein- und sogar Zigarrenauswahl.

Richtung Süden geht Bregenz nahtlos in Lauterach über; dort steht der vor fünf Jahren von Grund auf modernisierte Gasthof Guth, ein luftiger, heller Platz mit weiter Gartenterrasse. Thomas Scheucher ist ein präzisionsversessener Wirt, der nichts dem Zufall überlassen will. Vom perfekten Interieur, das auch Weinkeller wie Weinklimaraum beim Entrée mit einschließt,  über eigenes Designbesteck bis zur peniblen Wahl seiner Lieferanten ist ihm die Qualität zentrales Anliegen; seine leichte, mit vielerlei Aromen spielende, sehr präzise Küche reicht von bodenständigen Kalbskutteln über zartes Oktopusgröstl bis zum würzigen Zitronen-Chilihuhn. Besonders zufrieden ist er mit der Qualität von Kalbfleisch und Lamm aus Andelsbuch im Bregenzerwald – aber diese Region ist eine andere Geschichte.