Sara Pérez - Venus oder die Schönheit im Weinmachen

11.02.2011
tags: weinfrauen

Sieht man Sara Pérez zum ersten Mal, so ist man zunächst einfach begeistert von ihrer Schönheit und Eleganz. Die freilich wäre nicht so einnehmend lebendig ohne die mitreißende Leidenschaft, mit der sie über ihre Arbeit spricht. Ihre Arbeit, das ist freilich nicht - oder vielmehr nicht mehr - ausschließlich ihre eigene, sondern eine, die sie mit ihrem Mann René Barbier jun. teilt. Selbst ihr zunächst eigenes Venus-Projekt, mit dem sie den Fußstapfen ihres Vaters entwachsen ist, wurde mittlerweile zur gemeinsamen Sache. Beide, Sara und René, haben ja mit Clos Mogador und Mas Martinet prominente elterliche Weingüter im Hintergrund; dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - gibt es eine Vielzahl eigener Projekte.

Venus freilich war dasjenige von Sara, das wie kein anderes ihre Vision vom Weinmachen verdeutlichen sollte. Als unermüdliche önologische Konsulentin zahlloser kleiner Weingüter, ob in der Region rund ums Priorat, in den vielen kleinen neuen Appellationen Spaniens oder auf den Balearen - eine Tätigkeit, die mittlerweile zugunsten ihrer drei Kinder zurückgestellt wurde - war sie vertraut mit unterschiedlichsten Bedingungen an Böden, Klima und Rebsorten. Die 15 Jahre als consultant haben den Spürsinn geschult, sie ist überall auf der Suche nach traditionellen Trauben, die am besten anzeigen, wo der Boden gut ist - the vocation of the soils. Und das, was sie im Montsant, jener kleine Region, die sich wie ein Ring ums Priorat schließt, vorfand, hat es ihr besonders angetan: karges Land mit Granituntergrund, steile Terrassen, hohe Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, und alte Rebanlagen, vornehmlich mit Cariñena bestockt - Stoff für charaktervolle, hochkomplexe Weine voller Eleganz und Frische.

Venus La Universal
1999 war es an der Zeit, umzudenken und sich selbständig zu machen: die Arbeit am väterlichen Weingut im Priorat war lehrreich, gewiss, doch darin lag auch eine gewisse Stagnation; sie war der überreifen, konzentrierten Art der Weine hier überdrüssig. Montsant bedeutete für sie frischeres Klima, leichterer Granituntergrund, mehr Frucht, mehr Eleganz, mehr Säure - ein „Ausatmen“, wie Sara sagt, gegenüber dem heißen, spannungsgeladenen und kraftvollen Charakter des Priorat. Und es waren zwei Gedanken, die Sara antrieben: zum einen den Begriff des „Terroirs“ auszuloten, wozu ihrer Meinung nach auch organic as closest way to express terroir gehört, und zum anderen einer weiblichen Idee des Weinmachens nachzugehen. Wobei sich dahinter durchaus komplexe Weine mit harten Tanninen, vor allem aber Charakter verbergen! So entstand auf 4 ha Steillagen von 300-700 m Seehöhe Venus „La Universal“, nicht schaumgeboren, sondern vielmehr dem Granit entwachsen.

Die rote Venus war der erste Wein, der 1999 hier entstand, in den ersten Jahren (bis 2005) immer aus 50% Cariñena und 50% Syrah, zwei einander nicht unähnlichen Rebsorten, zusammengesetzt. Ab 2006, als Ehemann René Barbier jun. mit einbezogen war, wurde der Syrah-Anteil zugunsten 10% Garnacha reduziert. Und seit 2004 gibt es auch eine zweite Venus-Füllung als Experiment: 100% Cariñena - denn: wer kann sich diese Rebsorte eigentlich vorstellen? Und sie ist eine, die zeigt, ob das Terroir etwas taugt.

Der Zweitwein zu Venus sollte ursprünglich Eneas heißen, Sohn der Göttin. Doch es gab Schwierigkeiten bei der Registrierung, und so wurde eben Dido, die Geliebte des Äneas, genommen - was die Weiblichkeit des Projektes zusätzlich unterstreicht. Da Sara auch Weißwein liebt, hat sie sich auf die Suche nach alten Weißweingärten gemacht, und es entstand Dido weiß.

Dido Blanco 2009
40% Garnacha Blanca, 50% Macabeo, 10% Cartoixà  14%
kräftiges Gelb, rauchige Frucht, kraftvoll, mineralisch, wärmend - ein Weißwein, der dekantiert und ins große (Burgunder)Glas gehört. „Wie in Cadiz“ sagt Sara und vergleicht die Böden mit jenen Deutschlands - doch die Aromatik ist im Montsant eine ganz andere.
Dido tinto 2008
50% Garnacha (bis zu 60 Jahre alt), 35% Merlot, 15% Cabernet Sauvignon  14%
Der „Zweitwein“ zu Venus ist als Wein für Freunde gedacht, bei einem gemeinsamen Abendessen, für die Party - für alle Gelegenheiten, wo man nicht unbedingt zu den teuren Weinen greift. Animalische dunkle Frucht, dunkle Beere; rauchig, Zwetschke, Sauerkirsch; warm, konzentriert, runde Tannine. Vorne weich, hinten mineralisch.

Wenn Sara Pérez die Jahrgänge der Venus erklärt, so wird sie sehr emotional. Für 2010 kündigt sie wieder einen herausragenden Jahrgang an, gar the best: kurz vor der Ernte hatte es etwas geregnet, alles konnte atmen - doch wer zu lange zugewartet hatte, den traf größerer Regen, der die Qualität wieder zunichte gemacht hat.

Venus 2001
Ein toller Jahrgang, einer der besten - und der Wein brauchte seine Zeit. Jetzt zeigt er sich mürbe, mit leicht pharmazeutischem, gereiftem Duft, mineralisch verwoben. Wunderbar zu trinken.
Venus 2002
Ungleich hellere Nase, fruchtig, mehr Säure, wirkt ingesamt leichter.
Venus 2003
Weiche dunkle Frucht, strenger Gerbstoff. Trotz heißen Jahres eine delikate Säure, Johannisbeeren.
Venus 2004
Ein großer Jahrgang, und so zeigt sich diese Venus auch zurückgenommener als 2003, mit dunkler Nase, aber verhaltener Frucht, sehr fokussiert, straff, mit reichlich Gerbstoff und einnehmender Länge. Wirklich toll.
Venus 2005
Das letzte Jahr mit 50:50 Cariñena/Syrah. Verhalten, sehr gerbstoffreich.
Venus 2006
Die 10% Garnacha - „a princess easy to understand“ bewirken eine neue Weichheit, die aber der ursprünglichen tannikräftigen Struktur des Weines keinen Abbruch tut. Reife Frucht, etwas Jod, als könne man das Meer hier riechen, mineralische Strenge.

Das Priorat hat sie freilich nicht ganz losgelassen, gemeinsam mit ihrem Mann René Barbier sind es zwei weitere Projekte, in denen die besondere Charakteristik dieser heißen, wilden Zone erarbeitet wird. Und weil Sara es liebt, die Trauben mit den Füßen zu stampfen, wird dies hier versuchsweise gemacht, ebenso wie der Ausbau in Amphoren und das Experimentieren mit verschiedenen Fassgrößen. Früher sei die Arbeit hier more tragic than fantastic gewesen, leicht ist sie an den steilen alten Hängen immer noch nicht, doch die Qualität, die auch durch den biologischen Anbau kommt, macht dies wett.
Gratallops-Partida Bellvisos 200514%
2002 entdeckten Sara und René in den Hügeln des Priorats alte, seit Jahrzehnten verlassene Weingärten. Auf steilen alten Hängen mit besonderen Schieferböden wächst neben Garnacha und Cariñena auch Garnacha peluda, die 4 ha mit bis zu über 100 Jahre alten Rebstöcken machen den Wein zu einer Rarität. Cariñena gibt die markante Struktur, die für das Alterungspotenzial notwendig ist, Garnacha die satte, vollreife Frucht, der Schiefer die intensive Mineralität. Konzentration, Röst-Süße, und dann die Mineralität, die wie eine Welle über den Gaumen kommt - da ist jedoch nichts zu viel, alles ist ausgewogen. Ein warmer, mitreißender Wein von großer Intensität, von dem es nur 1500 Flaschen gibt und der locker seine 19 Punkte wert ist.
Partida Pedrera 200814,5%
Unweit der Partida Bellvisos liegen die Hänge der Partida Pedrera, wo Sara und René mit reinsortigem Garnacha arbeiten. Die Weingärten liefern das perfekte Material, das auf Llicorella-Schiefer-Böden wächst, welche dem Wein eine kühle Mineralik verleihen. Und so wie allen anderen Weinen wird nur mit Naturhefen gearbeitet, die langsame Gärung erfolgt in Eichenfässern. Dicht, reich, kraftvoll, mit dunkler, süßer Frucht und lebendiger Mineralität, ein Wein, der sich trotz seiner Kraft wunderbar trinken lässt.

Vinya del Vuit
Catalan: der Weingarten der Acht. Ein besonderes Projekt von acht Menschen, unter ihnen eben auch Sara Pérez und René Barbier. Diese Besonderheit wird auch mit dem jährlich neu gestalteten Etikett ausgedrückt, in dem immer die Acht thematisiert, immer aber auch eine Geschichte zum Projekt erzählt wird: dass es 2003 besonders heiß war und dieses hot in einem Etikett mündet, das in Amerika Schwierigkeiten hatte; 2001 sind es einfach die Vornamen der „Teilhaber“, 2002 schlingen sich Reben ineinander, zwei Blätter symbolisieren die Acht; 2005 sind es Esel, die für die Arbeit in den steilen Weingärten benötigt werden - ein Etikett, dass auch an Rohrschach-Tests erinnert - dem Grafiker unter den Acht fällt immer Besonderes ein. Die Trauben stammen aus einem vernachlässigten Garten, einem special place, wo nie Überkonzentration entsteht; die Rebstöcke sind 30 Jahre und älter.
Vinya del Vuit 2006
70% Cariñena, 30% Garnacha  14%
Ein leichtes Jahr, ein komplexer Wein, der Kraft, Animalik, Frucht und Säure sowie Mineralik verdichtet, verbindet und ungleich schlanker wirkt als er ist. Ein dunkler und nicht unmittelbar entgegenkommender Wein, der herausfordert. Unter den Priorat-Weinen mein Favorit.

Und dann ist da noch das Projekt in Galizien, im spanischen Norden:
Dominio do Bibei
Ribeira Sacra - ein vergessener, vernachlässigter Landstrich in Galizien und damit wie geschaffen für Sara und René, die sich in diesem Projekt einen großen Freiraum ermöglicht haben. Ihre Arbeit auf diesem Weingut, die von der anfänglichen Beratertätigkeit überging in eine Bindung, als wär‘s der eigene Besitz, hat einen ganz besonderen Ausdruck, nicht nur aufgrund der Region mit ihren spezifischen Rebsorten und der Möglichkeit, verschiedenes Terroir zu erkunden. Der Besitzer des Weingutes kommt aus der Marken-Couture und stammt selbst aus diesem little little lost village. Als Zukunftsanlage für seine Töchter hat er mit diesem Projekt begonnen, hat Land gekauft, lauter Halb-Hektar-Plätze mit und ohne alte Weingärten, 100 ha insgesamt, und nun sind inklusive Neuanpflanzungen etwa 20 ha bepflanzt. Darunter auch Mencía - die echte, die nur selten zu finden ist, denn oft handelt es sich um eine Spielart des Cabernet Franc, und das sind doch erhebliche Unterschiede. Aber ähnlich Alvaro Palacios mit seinem Descidientes-Projekt setzen auch Sara Pérez und René Barbier auf die ursprüngliche, wohl von Mönchen in diese von Jakobswegen durchzogene Gegend gebrachte und mit einer portugiesischen verwandte Rebsorte. Begonnen wurde die Arbeit auch mit Stahltanks, doch seit 2000 gibt es nur mehr große Holzfässern, und dafür haben sie die österreichische Eiche für sich entdeckt: weil sie einen ganz anderen, würzigeren Geruch ermöglicht und die Weine besser respektiert. Seit 2004 gibt es Stockinger-Fässer, ab 2011 kommen auch noch solche von Pauscha hinzu. Und es gibt Betoneier für den Weißwein, archaische, organische Gebilde, in denen der Wein nach seinem Tempo schwingen und arbeiten kann. Im stark an Rudolf Steiner angelehnten, aber nicht ganz nach den strengen Demeter-Richtlinien ausgelegten Bioanbau werden die sieben biodynamischen Präparate verwendet, es kommt auch keine selektionierte Hefe zum Einsatz. Parzelle für Parzelle werden die Trauben genau angeschaut, eine kleine Probe wird noch im Weingarten zum Fermentieren gebracht, und das wird dann zum Starten der Gärung im Keller verwendet - Weingartenhefen par excellence also! Die Gärung erfolgt langsam, über 32 Tage hinweg, ohne Kühlung, ohne Remontage - ein Untertauchen alle 3 Tage genügt, alles geschieht ungleich sanfter. Es war freilich nicht so einfach, diese Art des Weinmachens, die mittlerweile beispielgebend für andere in der Region ist, durchzusetzen, doch die Ergebnisse rechtfertigen die Mühe. Schon das Kaprizieren auf Mencía war zunächst nicht verstanden worden, es waren Syrah und Tempranillo angeboten worden. Doch dank der Beharrlichkeit des Önologenpaares sind es nun alte Weingärten, deren Rebstöcke bis zu 100 Jahre alt sind, und neben Mencía, Garnacha und Godello (weiß) eine Vielzahl autochthoner Rebsorten, die die Spannkraft der Weine ausmachen.

LaPola 2007
80% Godello, Dona Blanca, Torrentés, Loureira, Colgadeira  13%
Weiche, cremige Frucht mit Frische und dezenter Säure, das Holz nur ganz zart zu schmecken. Am Gaumen wunderbar mineralisch. Godello hat Charakter und Potential für Reifung.
LaLama 2006
Mencía, Garnacha, Brancellao, Mouraton, bis zu 100 Jahre alte Rebstöcke 12,5%
Weiche Frucht mit Schokolade, feine Säure, eine eigene Würze - der Wein riecht wie ein Spaziergang durch die Weingärten. Würzige Kräuter, Eukalyptus, Johannisbeere, Brombeere, kräftiger Gerbstoff. 2006 war ein angenehmer Jahrgang, nicht so heiß, damit ist der Wein gut trinkbar.
LaCima 2005
100% Mencía   13%
aus 3 Lagen mit unterschiedlicher Ausrichtung und unterschiedlicher Höhe; Rebstöcke zwischen 50 und 100 Jahre alt
Bei allen Ribeira Sacra-Weinen fällt der niedrige Alkoholgehalt auf, bei dennoch intensiver Struktur - auch ein Ergebnis der biodynamischen Ansätze. Weiche Frucht mit etwas Joghurtnoten, dann aber straffe Würze, und wieder ein Aufwallen von Frucht. Sehr fleischige Noten, eisen, eindringliche mineralische Präsenz mit langem Nachhall.

Die Weine von Sara Pérez und René Barbier sind bei der Bodega Rioja in Lustenau erhältlich.

Link zum Löffelweise-Abend mit Sara Pérez in der Post Lech.

Sara Pérez über ihre Arbeit: