Egon Müller im Almhof Schneider

09.04.2011

Wenn Katja und Gerold Schneider zum löffelweise laden, so wohnt einem solchen Abend immer eine Besonderheit inne. Gestern war Egon Müller im Almhof zu Gast, und wer einen Blick auf seine Homepage wirft, wird ahnen, welche Unzugänglichkeit diesem Mann anhaftet. Keine absolute freilich, und dass er kurz vor dem Abflug nach Australien, wo die Weinernte 2011, ohnedies hinausgezögert, schon ansteht, Zeit für Lech findet, ist wohl auch seinem Respekt für das Haus Schneider zu danken. Dass er aber auch ein Mann des feinen Humors ist, war bei der Nachmittagsverkostung des aktuellen Jahrganges zu erleben. Die wurde zum wirklich spannenden Teil der Veranstaltung, stellte er doch den 2010ern ein Pendant aus einem anderen Jahrgang gegenüber, in dem sich aufgrund gewisser Parameter Ähnlichkeiten oder Verwandtschaften ergeben.

Von den 28 ha der Lage Scharzhofberg in Wiltingen, die sich heute 8 Produzente teilen, besitzt Egon Müller 8,5 ha reiner Schiefer-Steillagen, die das Material für durchwegs „klassische“ deutsche Rieslinge hervorbringen; trockene Weine macht er anderswo. Was immer an Trauben von anderen kleinen Weinbergen stammt und nicht auf ein eigenes Etikett kommt, geht zusätzlich in den Gutsriesling Scharzhof.

  1. Scharzhof 2010
    Hier drin sind die als erste geernteten Trauben, es gibt kein Warten auf Spätlesequalität, vergoren wird in Edelstahl - ein Wein, der ohnehin innerhalb eines Jahres getrunken wird. Obwohl es ja immer, ob im Weingarten oder daheim im Weinkeller, spannend ist, „was passiert, wenn man ein bisschen Geduld hat“.
    Mit 10‰ Säure ein wirklich typischer Vertreter eines Jahrganges, der von dieser Spannung aus Reife und hoher Säure lebt - auch in diesem Wein sind die Extrakte hoch.
    Marille mit nassem Stein, weich, einnehmend, balanciert, die Säure nicht wahrnehmbar, lang.
  2. Scharzhof 2009
    Kräutrige Aromen, ziselierter, etwas Schmelz, Mineralität, wunderbar zu trinken jetzt, aber dennoch noch mit Potential.
  3. Scharzhofberger Kabinett 2010
    Zarte Frucht, Eleganz, noch vom Flirren der frischen Füllung getragen; ungemein dicht, von prägnanter Säure getragen; Tiefe, Stoff, Fülle, einfach mehr von allem als im Scharzhof. Die Säure wirkt absolut brilliant.
  4. Scharzhofberger Kabinett 1994
    Ein Jahrgang ähnlich 2010 und ein Wein, der sehr lange gebraucht hat, bis er - aufgrund hoher Säure - trinkbar war. Egon Müller hat sich vielmehr gefragt, ob dieser je harmonisch würde. Nun, er präsentiert sich jetzt wie trocken, mit zartem Schmelz, einem feinen Karamelltouch und feinfruchtigem Nachhall, nicht unbedingt ein Wein, der singt, aber wunderbar zu trinken.
  5. Scharzhofberger Spätlese 2010
    Verhaltene Finesse, deutliche Säure, von Kräuteraromen unterlegte Frucht, die sich erst mit einiger Luft bemerkbar macht; spielend und flirrend, Schmelz und Frische, und aufgrund markanter Säure eine Art „freundlicher Aggression“.
  6. Scharzhofberger Spätlese 2005
    „Der größte Jahrgang überhaupt“, sagt Egon Müller, hier hat alles gestimmt, es gab noch weniger Ernte als 2010. Die Parallelen ergeben sich auch aus den Zuckerwerten - 2010 war fast so hoch wie 2005, und beide über 2003.
    Zarter Petrolton, merkliche Süße, elegant und fließend, geht mit Luft ungemein auf - schwer zu sagen, wann der Wein noch perfekter sein wird.
  1. Scharzhofberger Auslese 2010
    Intensive Frucht und Würze, Tiefe, perfekte Balance trotz enorm hoher Säure - „von Säure getunt“; unglaubliche Klasse, spannendes Potential.
  2. Scharzhofberger Auslese 1999
    Mein Favorit dieser Verkostung. 1999 war einer der großen Botrytisjahrgänge, es war der letzte Jahrgang des alten Kellermeisters.
    Unglaublich fein, zarte Frucht, Eleganz, Geschmeidigkeit, Fruchtlänge, ein ganz leichter Bitterton, der von der Botrytis stammt, fügt eine belebende Pikanz hinzu; ein Wein wie Seide. Hat noch einiges an Potential.
  3. Scharzhofberger Auslese Goldkapsel 2010
    Der Jahrgang brachte endlich wieder Goldkapsel-Qualität im freien Verkauf!
    Helles Steinobst, dichter Schmelz und Säuregewalt. Noch sehr jugendlich, fast spritzig.
  4. Scharzhofberger Auslese Goldkapsel 1976
    In diesem Jahr hat alles gepasst - korrekte Säurewerte für gute Haltbarkeit, und „alles alles war faul“. Der größte Jahrgang des Vaters von Egon Müller.
    Dunkles Gold, malzig, nicht mehr vordergründig süß, Medizinalaromen von der Reife, Datteln, ein Hauch Karamell. „Er fängt langsam an Spaß zu machen“
  5. Scharzhofberger Trockenbeerenauslese 2010
    Kräftiges gelb, frische Nase, wie Waschküche - nasser Boden: der Bodenausdruck im Wein, ganz anders als bei den österr. TBAs. Am Gaumen dann der Zucker, die Säure, die Dichte - ein Wein zum Beißen. Mit der Luft kommt dann langsam etwas Frucht hervor.
  6. Scharzhofberger Trockenbeerenauslese 197
    Dunkles Bernstein, breiter Wasserrand. Malzkaffee; würziger Balsam, feine, aber spürbare Säure, die Frische gibt. Geschmeidige Würze.

Weitere Notizen zum Jahrgang, zum Weingut und zum Rest des Abends folgen demnächst.
Kursiv Gesetztes sind Zitate von Egon Müller.
Dank an Josef, den Sommelier des Almhofes, für die perfekte Abwicklung.

 

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