Grünes Licht für WineVibes Vol.2

25.03.2012

Bloß nicht aufhören, nur weil‘s erfolgreich ist: das müssen sich Julia Klüber und Paul Truszkowski wohl gedacht haben - jedenfalls gab es nur drei Monate nach Vol.1 bereits die zweite Auflage der flippigen Wein&Musik-Party in München. Nur Gutes von beidem, versteht sich, in neuer Location, nach dem bewährten System „meet and greet the winzers“.  Sogar die gewünschte Gulaschkanone konnte aufgetrieben werden, aus der allerdings wärmendes Chili con carne schoss - nicht unwesentlich in dieser kalten Februarnacht, beim Auslüften im Hof. Drinnen, im Ars24-Gebäude, ging es auf zwei Etagen (nicht wirklich ideal für einen fließenden Übergang von Verkostung zu Party) dafür heiß her, das Defilée an jungen Winzern aus Deutschland und Österreich war wieder sehr überzeugend, und der Begriff jung zeigte sich auch als relativ dehnbar.

Frau Deutsch trinkt bekanntermaßen gerne deutsch, war aber ebenso über die Landsleute entzückt - nur war an diesem Abend nicht alles zu schaffen. Einige Notizen im grünen Licht sind aber mit nach Hause gekommen, wie immer blieben einzelne Weine besonders in Erinnerung.

Da war Matthias Knebel mit seinen balancierten, herrlich salzigen Rieslingen von der Mosel, vor allem den 2010er Röttgen Alte Reben, eine herrliche Spätlese von wurzelechten Stöcken (in dieser Lage gab es nie Flurbereinigung, in den kleinen Parzellen blieb der alte Bestand einfach stehen) zeigte Spannung im Jetzt und Potential für die Zukunft. Begeistert hat mich Jörn Goziewski, Weingut Ankermühle im Rheingau, ob mit der trockenen Spätlese 2010 Riesling „Hase“ aus traditionellen 1200 l-Fässern, der unglaublich elegante, leicht gerbstoffige, lebendige und anregende 2010 Riesling „Hölle“ aus Pfälzer Eichenfässern, der wundervoll schlanke 2010 Spätburgunder „Luzifer“ oder - Jesus! mein absoluter Lieblingswein des Abends. Dieser 2009 Riesling Jesuitengraben, als Landwein deklassifiziert, weil er sich nicht an die überkommenen Spielregeln für Riesling hält, ist von dunklem Gelb, zeigt die oxidativen Noten eines maischevergorenen Weißweines und braucht reichlich Luft. Sicher nicht der typische Riesling - aber ein umwerfender Wein des Typus „orange“!

Und noch ein Rheingauer, der mir den Glauben an gute Gewächse alldort nicht nahm: Pascal Sohns, dessen 2009 Weißburgunder „M“ Geisenheimer Mönchspfad ein sehr überzeugendes Beispiel für diese Rebsorte mitgebracht hatte. Nicht nur die Weine machen hier Spaß, sondern auch die Preise! Jürgen Krebs zeigt, dass in der Pfalz auch Viognier (2010 Freinsheim Silberkapsel; mit süßer Nase, frisch und feinfruchtig am Gaumen) gelingen kann; er ist als Mitglied des Pfälzer Barriqueforums aber vor allem für seine Roten bekannt.

Die neue, junge Seite des renommierten Weingutes Koehler-Ruprecht zeigte Johannes Lochner. Wie schon bei Bernd Philippi wurden alle Weine in Holz spontan vergoren, hatten 2 Tage Maischestandzeit und lagen 10 Monate auf der Vollhefe. Entsäuerung fand nicht statt, die Weißen profitierten vom Sauerstoff während der Reifezeit. Hell, mit Blüten- und Eibischaromen der frische, preiswerte 2010 Weißburgunder Kabinett; unglaublich exotisch der 2009 Riesling Kabinett Saumagen: cremig, trocken mit etwas Gerbstoff; reife Zitrusfrüchte, Kräuter und Blüten, aber auch ein wenig Hustensaft, Eibisch, Honigblüten. Und untypisch für den heißen Jahrgang zeigte sich der 2003 Philippi Pinot Noir „R“: präsente Säure, Gerbstoff, kantig, würzig, hinten etwas bitter - ein Tafelwein, der drei Jahre in neuen Barriques gelegen hat. Ausverkauft und trotzdem mit: der 2010 Ungsteiner Weilberg Riesling trocken von Andreas Rings, von alten, auf Roter Erde wachsenden Rebstöcken, spontan vergoren, mit nur 3 g Restzucker, ein balancierter Wein von Format.

Sehr spannend ist das Weingutsprojekt von Teresa Deufel aus Baden, einer zuletzt recht gehypten Newcomerin. 2009 hat sie das Weingut übernommen und nicht nur auf Bioanbau umgestellt, sondern sich auch nach ausgefalleneren, anderen Rebsorten umgesehen - ihre Weinberge sind in klimatisch schwierigen Lagen mit viel Niederschlag und Nebel angesiedelt. Eine klare Linie hat sich nach eigenen Angaben noch nicht, sie spielt jedes Jahr mit etwas anderen Varianten. 2010 Solaris: ruhig, rund und doch dank etwas Gerbstoff charaktervoll; 2011 Johanniter Fassprobe: Grauburgunder x Gutedel x Riesling, für sie eine Rebsorte statt Müller-Thurgau, duftig, spielerisch, mit feiner Säure, sehr aromatisch und reif. Auch die Fassprobe vom 2011 Solaris zeigte sich, obwohl noch hefig-trüb, bereits vielversprechend: straff, gerade, elegant, kräftig und saftig, ausgewogen. Der Wein bleibt noch bis Juni oder Juli im Tank.

Bei Steffen Röll, den ich als zwischen Österreich und Deutschland herumzigeunernden Studenten und Önologen kennengelernt hatte, konnte ich erstmals die eigenen Weine verkosten. Mit nur 1 ha und 2500 Flaschen gehört er zu den Kleinen in Württemberg. Wunderbar der erste Jahrgang seines Rieslings, der 2009 „Alte Reben“ mit nur 12,5%, im Holzfass ausgebaut, schlank, mit schöner Struktur. Und auch der 2009 Lemberger „Alte Reben“, 12,5%, zeigt sich mit feinem Gerbstoff ansprechend, kühl und frisch - Steffen will seine Weine „burgundisch angelegt“ verstanden wissen.

Den Altersschnitt etwas angehoben hat Martin Muthenthaler, der noch nicht so lange im Fokus einer breiteren Öffentlichkeit steht. Seine Weine aus dem Spitzer Graben sind von absolut kompromissloser Geradlinigkeit, kühl und elegant. Sehr vielversprechend zeigte sich bereits der 2011 Riesling Bruck, schlank, mit großer Frucht, vergnüglichem Trinkfluss und mineralischer Länge. Auch um Niki Moser scharten sich die Fans, vor allem seines 2009 Grüner Veltliner „Minimal“ wegen, der mit 10 mg SO², unfiltriert und ungeschönt, zur neuen Kategorie der fast oder gar nicht geschwefelten Weine zählt. An diesem Stand kursierte plötzlich auch eine Guerilla-Flasche, der DE-CI blanc von Gilles Troullier aus biodynamischen Grenache gris, Grenache blanc und Macabeu - salzig, säurefrisch, klar. „Zuckerfrucht ist passé“, sagte Niki Moser mit einem Lachen.

Bei Gerhard Wohlmuth in der Südsteiermark geht es allerdings nicht ohne Frucht, auch wenn sein 2010 Edelschuh Sauvignon Blanc nicht minder die wunderbaren Feuersteinaromen des Schiefers zeigt. Er riecht wie ein angezündetes Streichholz und flirrt lebendig zwischen Reife, Cremigkeit und enormer Mineralität. Bei 78-90% Hangneigung versteht sich Handarbeit von selbst; dieser Premiumwein wird erst im Mai gefüllt und ist eigentlich noch ein Baby. Das Reifepotential der Sausaler Weine wurde mit dem 2005 Edelschuh Chardonnay deutlich, ohne Malolaktik in Barriques ausgebaut, mit klarer Mineralität und durch die Reife noch zugelegten Finesse, präzise, fokussiert, ein wunderbarer „Trüffelwein“, wie Gerhard sagte. Bei Jakob Schönberger schließlich mochte ich den 2008 Kräften Blaufränkisch, ein „asketischer Wein“ nach Selbstdefinition, mineralisch, hell, von steinigem trockenen Boden, fast zu weicher Frucht für mich freilich, aber sonst sehr klar. Und der 2009 Kräften Sauvignon Blanc arbeitet noch immer, war zu diesem Zeitpunkt etwas unrund, rauchig, fast etwas weihnachtlich in der Aromatik (kleine Fässer!), aber mit guten Anlagen und lebendiger Dynamik.

Wie gewohnt wurden die Weine in die wunderbaren Zalto-Gläser eingeschenkt - und Christoph Hinterleitner als „Jugendvertreter“ der Produzenten war wieder mit von der Partie. Bereits im Gespräch: eine Ösaterreich-Auflage der WineVibes!

 

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