Notizen, GERNISCHT. Von FURMINT bis ANONYMOUS

11.04.2012

Nein das ist kein Tippfehler im Titel - die Auflösung finden Sie weiter unten. Zur Abwechslung gibt es einmal ein gemischtes Verkostungsnotizenprogramm, von weiß bis rot, ziemlich sprunghaft. Mehr als Katzensprünge! Denn wir reisen bis nach China, bzw. kam China zu uns, auf den Ostertisch. Zuvor aber eine als trockener Wein eher seltene Rebsorte, ein kurzer Seitensprung von der Wachau ins Traisental, und ein Blick hinter die Anonymous-Maske wird auch geworfen. Viel Vergnügen beim Nachkosten!

Günther Triebaumer Furmint 2011 13%
Der spätreife Furmint ist dünnschalig und damit höchst botrytisanfällig. Deshalb findet man diese Rebsorte auch eher als Prädikats- denn als trockenen Wein. Mit früher Ernte kann man dem begegnen, dann ist allerdings der Alkohol immer bei eher 12,5%. 2011 war ein Ausnahmejahr, mit einem langen trockenen Herbst. Und so zeigt auch die diesjährige Ausgabe desTriebaumer‘schen Furmints die typische Jahrgangsreife.

Sehr frisch, anfänglich unruhig. Würze, leicht bitter. Jahrgangsreife ist da, aber er ist derzeit wirklich noch sehr jung. Wurde schon Anfang Dezember gefüllt - ich find das ja früh, aber bin ich Winzerin? Ein absolut lebendiger Wein, mit erfrischender Säure. Dezente Frucht, grüner Apfel, ein wenig Blüten. Luft tut ihm gut, er gewinnt dann an Ausdruck und Geschmeidigkeit. Einige Pikanz. Liegenlassen und beobachten.

Tom Dockner
Der junge Traisentaler Winzer überzeugt schon seit ein paar Jahren mit ausdrucksvollen Weinen aus seinen ganz verstreut liegenden Weingärten. Bitte nicht mit dem Kremstaler Dockner zu verwechseln - das sind wirklich zwei Paar Schuhe!

Grüner Veltliner Traisental Tom 2011 12,5%
Duftig, frisch; salzig-mineralisch mit weicher Attitüde, sanft am Gaumen mit mineralischem Drive, sehr süffig, fröhliche Säure. Ein unkomplizierter Trinkwein.
Grüner Veltliner Traisental DAC Theyerner Berg 2011 13%
Sehr viel reife Frucht, reichlich Schmelz, intensive Nase, dahinter sofort tolle Mineralik. Fast zu üppig für einen straffen Traisentaler. Noch liegen lassen. Toller Speisenbegleiter.

Domäne Wachau Wachauer Katzensprung Steinfeder 2011
Steinfedern sind selten geworden in den letzten Jahren. Die Domäne aber beglückt ihre Kunden gleich zweifach: zum einen mit einer 2011 Steinfeder, die von den Jahrgangsbedingungen mit hoher Fruchtreife profitiert, und zum anderen mit der Neuauflage eines legendären Weines: der Dürnsteiner Katzensprung kam als Staatsvertrags-Unterzeichnungswein zu historischen Ehren und war eine Herkunftsmarke, wie sie heute erst wieder mühsam installiert werden müssen. Irgendwann verkümmerte der Wein allerdings zu einer Billigmarke, und den Original-Weingarten gibt es auch nicht mehr. Die Trauben zu diesem Wein kommen nun aus den umliegenden Rieden, und wer dazu das Staatsvertrags-Menü kochen will, der halte sich an Seezunge, Filet mit Champignons, gefülltes Huhn und  Salat mit harten Eiern. Um € 6,50 wohlfeil! (Was ist eigentlich aus der Dürnstein-Flasche geworden?)
Viel Fruchtfülle in der Nase, duftig, frisch, flirrend. Sehr reife Anmutung. Kernig und saftig, belebend, mit frischer Säure, Zitrus. Eine Steinfeder, die man nicht sofort austrinken muss, die mit den Tagen ruhiger wird. Dann kommt die Reife der Trauben auch gut zur Geltung, der Wein bleibt aromatisch, pfeffrig, ist trotzdem zart. Viel würzige Frucht, sehr süffig. So soll es auch sein.

Gut Oggau  Atanasius 2008 rot 13%
Auf Gut Oggau, bei Stephanie Eselböck und Eduard Tscheppe, geht es nicht um Rebsorten, sondern um Weincharaktere. Deshalb gibt es auch von mir keine detaillierten Angaben dazu. Der schöne Herr Atanasius jedenfalls gehört zur jungen Generation in der Oggau-Familie, und wer Schwierigkeiten mit den Etiketten hat, die ja zugegebenermaßen wirklich speziell sind, dem sei gesagt, dass sie funktionieren. Nicht nur, weil sie im MOMA San Francisco ausgestellt wurden, sondern weil mir zu Ohren kam, dass ein schöner Mann diesen Wein gerade des schönen jungen Mannes auf dem Etikett wegen kauft! Ich habe diese Flasche allerdings in „Verkleidung“ vor mir gehabt. Mit Mr. Anonymous als Coverheld (auf der ProWein wurde er auch auf einer Flasche Joshuari gesehen) werden aber Fragen aufgeworfen: Ist er als Symbol gegen Weinzensur zugegen? Oder tritt er gegen die Weineinheit und für mehr Individualität auf? Eine Antwort gibt die Rückseite, aber wie auch immer - im Zusammenspiel mit den Familiengesichtern ergibt das ein vom Gefühl her durchaus schlüssiges Bild.

Dunkle Frucht, Gewürzdüfte. Schokokeks, unsüß. Sauerkirsche und helle Heidelbeere mit etwas Kakao. Saftig, ein Hauch Zimt, Säure. Erfrischend. Salzig, mineralisch. Saure Zwetschke, Salzigkeit bleibt lange. Erfrischend, auch zum Dahintrinken. Hat noch ein langes Leben.

Während die europäischen Winzer den chinesischen Markt entdecken, haben wir die Möglichkeit, uns abseits von Pflaumenwein auch einmal mit richtigem chinesischen Wein zu befassen. Ob das sein muss, diese Frage stellt sich ja auch bei jedem Kalifornier (da gibt es zu gute, um sie auszulassen) oder Argentinier (die richtig guten verlassen kaum das Land) usw. Aber nun ist er da und hat unseren Osterbrunch ein wenig erfrischt.

Changyu Cabernet Gernischt d‘Est 2010 Ningxia, China
Noch nie von dieser Rebsorte gehört? Sie ist wahrscheinlich eine Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Aber nur wahrscheinlich. WEIN&CO, wo es diesen Wein um € 9,99 gibt, führt sie als autochthone chinesische Sorte - und tatsächlich scheint es sie nur mehr in China zu geben. Was aber noch nichts über ihr wahres Wesen aussagt. Einige interessante Überlegungen dazu habe ich in diesem Blog gefunden. Auf jeden Fall wurde das Weingut selbst 1892 gegründet und hat sichtlich seine Meriten. Hier aber unser Eindruck:

Viel blättrige Würze, etwas pfeffrig und minzig, Ribiselblätter, Johannisbeerfrucht, aber nicht vom charmanten Typus, eher wilde Beeren. Dunkel, lässt sich gut trinken. Erdige Nase, eigenwillig. Spätestens nach drei Gläsern aber wird deutlich: der Wein wird langweilig, hat keine Tiefe, ist von Anfang bis Ende (das nicht lang ist) gleichförmig. Keine Dynamik, keine Spannung; stimmig zum Essen, aber einfach so zu trinken, da fehlt ihm einiges. Dafür: sanfte Tannine, wenig Säure, ein eigenwilliger Schmeichler. Großer Vorzug: 12,5%. Also: nicht unsympathisch, für jede Blindverkostung empfehlenswert!

 

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