Hund, Schreck und Zeug - Die Steiner Rieslinge von Stagård

03.09.2012

Mit dem Privileg, eine der ersten zu sein, die die Rieslinge 2011 von Urban T. Stagård verkosten durfte, ging zugleich die Tatsache einher, dass die Weine erst gut eine Woche zuvor filtriert worden waren und frisch gefüllt sind - normalerweise Grund für einen Zustand der Unruhe, der Verschlossenheit oder anderer Schockhaltungen. Doch bei den Rieslingen aus Steiner Lagen zeigte sich gestern Abend ein erstaunlich zugänglicher Gestus, wiewohl jedem von ihnen auch reichlich Luft guttut - „Weine zum Dekantieren“ eben, sagt Urban.

Die Lage Steiner Hund, durch das Weingut Nikolaihof namhaft geworden, gehört seit drei Jahren zum Lesehof, kristallines Gestein unterhalb der Lage Grillenparz, steil und in Terrassen angelegt; im zerbröselnden Boden tun sich die Wurzeln leicht, die Mineralik herauszuholen. Steiner Schreck, 200 Luftmeter entfernt, ist eine extrem steile Lage und verlangt in den Terrassen pure Handarbeit. 3000 m² besaß die Familie selbst, 2000 kamen mit diesem Jahr noch dazu. Die Qualität der Trauben aus diesem Weingarten war schon im vergangenen Jahr durch Zukauf getestet worden und hat sich sichtlich bewährt; der pure Schieferboden im Untergrund gibt dem Wein hier seinen markanten Ausdruck. Steinzeug hingegen ist keine Lage, der Weinname kommt vom Ausbau: in einem 750l fassenden Gefäß aus gebranntem Steingut wurde der Most von Rieslingen aus Grillenparz, Steiner Hund und Steiner Schreck mit etwa 100 kg Maische bis Juni vergoren.

Die Bewirtschaftung der Gärten erfolgt biologisch; gespritzt wird, gemeinsam mit dem Nikolaihof, nach biodynamischen Methoden, und so weit es geht richtet sich Urban bei allen Arbeiten auch nach dem Mond. Weil er aber kein Mann für das straffe Reglement einer hermetischen Gruppe ist, blieb es bei der „normalen“ Biozertifizierung statt einer demeter-Zugehörigkeit. In der Familie war immer schon sehr nachhaltig gewirtschaftet, Kunstdünger und Herbizide kamen auch vor der Übernahme 2006 nicht zum Einsatz; mit der noch bewussteren, intensiveren Arbeit in der Begrünung und größter Zurückhaltung im Keller entstehen so markante, lagenspezifische Weine, die auch den jeweiligen Jahrgang deutlich zum Ausdruck bringen.

Gefüllt sind die drei Toprieslinge in den schönen antikblauen Flaschen, wie man sie von der Mosel kennt, und die rote Kapsel hat sich Urban bei van Othegraven abgeschaut - rot für Riesling ist ja nicht nur hierzulande eher ungewöhnlich. Der Schriftzug schließlich wurde als alte Originalschrift auf alten Steiner Hund-Etiketten im Internet gefunden und wird für alle drei Weine verwendet. 2011 war die Säure ungleich niedriger als 2010, statt um die 9‰ sind es nur zwischen 5,2-5,5‰. Steiner Hund und Steiner Schreck waren bis zuletzt auf der Feinhefe und bekamen zwei Mal Schwefel, der Steinzeug blieb auf der Vollhefe und sah nur ein Mal Schwefel. Das kleine Geheimnis bei allen dreien: dass, in unterschiedlichem Ausmaß, auch etwas Maische mitvergärt, am meisten im Steinzeug; das bringt Hefen für die Gärung, Gerbstoff und, in letzter Konsequenz, Geschmack. Der Alkoholgehalt liegt bei etwa 13% vol.

Steiner Hund 2011
Helle Nase, Ansatz von Steinobst; am Gaumen wirkt die sparsame Frucht wesentlich dunkler, zunächst mit kräftiger Marille der kleinen, wilden Sorte, die aber sofort von klarer Mineralität unterwandert wird. Am Gaumen vibrierend, und obwohl die Säure niedrig ist, tritt eine Schärfe hervor, die Langlebigkeit verheißt. Fleischige Frucht und schöner Reifeschmelz, etwas Mandarinenschale, ganz feine Bitternote; gerader Zug nach hinten, sehr mineralischer Charakter und bei aller Kraft doch der leichtfüßigste von den dreien.

Steiner Schreck 2011
Dieser Wein treibt sein reizvolles Verwirrspiel, zeigt erst hochreife Fruchtaromen, die unwillkürlich an breites und sattes Wesen, doch dahinter lauert schon - hurra! - schiefrige Mineralität. Am Gaumen ist dieses Hin und Her zwischen intensivem Fruchtschmelz und beissender Mineralität noch ausgeprägter, man mag gar nicht genug bekommen davon. Ich persönliche verliebe mich auf Anhieb in diese Lage, die wieder einmal aufzeigt, wie ungeschickt die Grenzen der verschiedenen Weinbaugebiete auf kleinstem Raum gezogen wurden - Franz Hirtzberger sen. hatte schon recht, wenn er das linke Ufer von Spitz über Krems bis hinten hinein nach Senftenberg als eine Einheit sah und auch so definiert haben wollte! Die schiefrige Note ist schon in der Nase ausgesprochen deutlich, mit Luft verschwindet die dichte Frucht immer mehr, man vermeint nur mehr in puren Schiefer zu tauchen, das ist bei österreichischen Weinen selten. Auch hier zeigt sich der feine Bitterton von Mandarinenschalen, am Gaumen macht sich dann in Wellen immer wieder der Reifeschmelz breit, ein abwechselndes Spiel von dunkel und hell, von klarem Stein und leicht oxidativem Schmelz.

Steinzeug 2011
Verhaltene Nase, doch dann: 9,8 g RZ, die schmeckt man. Allerdings nur im ersten Augenblick, denn gleich schießt auch im Steinzeug die Mineralik daher, und weil hier die größte Zugabe an Maischetrauben im Most war, hat man auch deutlicheren Gerbstoff und Biss. Mit Luft kommt zunehmend wieder eine feine Frucht, zarte und leicht bittere Marille zum Vorschein, zunehmend auch kräutrige Aromen. Bei jedem Schluck wieder dieses Erleben von leichter Süße und kompromissloser Kraft und Mineralik - das ist aber erst der Anfang eines langen Weinlebens!

Ein zufälliger Mitkoster formulierte so trefflich: „A guade Idee, dass ma aus Trauben, wenn ma sie lang gnua liegen lasst, so was Schönes machen kann!“ Eine faszinierende Arbeit jedenfalls, dieUrban T. Stagård da macht. Mein abschließender Kommentar, diese Weine wären so angenehm „unösterreichisch“, und meine Assoziation mit Deutschland, weil ich noch die Großen Gewächse vom Wochenanfang am Gaumen habe, freut Urban sichtlich. Genau das sei sein Anliegen: solche „ehrlichen Rieslinge“ zu machen.

 

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