Biersilvester. Eine Verkostung.

30.09.2011

Mitten im schönsten Altweibersommer befand ich mich auf einmal im Biersilvester: der Wiener Sommelierverein hat gemeinsam mit „Bierpapst“ Konrad Seidl und „Biersepp“ Sepp Wejwar zu einer ausgesprochen spannenden Bierverkostung geladen, die aber ohne Biersommelier Clemens Kainradl, der einen großen Teil der Biere organisiert hatte, nicht so hätte stattfinden können. Der 29. September, der Tag des Hl. Michael, ist traditionell das Ende des alten Braujahres, die Tradition des Brausilvester* eine also ebenso alte. Und der wurde nun in den Räumlichkeiten von Bitzingers Vinothek auch würdig und flüssig-sinnlich begangen. Die nach eigenen Angaben nicht einstudierte und dennoch sehr pointiert gelungene Doppelconference der beiden Bierpublizisten führte durch sehr ungewohnte Bierkategorien - ungewohnt für Weinfixierte und Alltags-Biertrinker wohlgemerkt. Aber mit einer so professionell wie leidenschaftlich geführten Verkostung lässt sich auch eine Weinliebhaberin zum Bier verführen, das Argument „statt Wein“ als Begleiter für viele „schwierige“ Gerichte ist mehr als schlüssig.

Bier hat ja weder Salz noch Umami in den Aromen, damit lässt es sich da einsetzen, wo Wein versagt. Und außerdem schmeckt‘s. Zum Einstieg gab es ein extra für diese Veranstaltung gebrautes Steinbier aus der formidablen Biobrauerei Gusswerk in Salzburg, dem man mit seiner Malzigkeit die rasche Vergärung anmerkte, „hopfengestopft“ mit Mühlviertler Golding - für 14 Tage war ausnahmsweise grüner Hopfen zugesetzt worden, die feinbitteren kräftigen Hopfennoten waren sehr anregend schmeckbar; das Bier hätte sich, so die Bierherren, im Laufe einer Woche auch sehr verändert.

23 Biere waren in fünf Flights aufgeteilt worden - Tutti Frutti als Kategorie für sehr fruchtige, nicht ausschließlich „reinsortige“ Biere, Hopfenexplosion für besonders ausdrucksvolle Hopfenaromen, Malty Kiss für jene Biere, die mit weichen Malzaromen betören, Dunkle Phantasien für eine Reihe dunkler Biere voller Röstaromatik und schließlich Echte Hämmer, Starkbiere von Bock bis Porter. Es gab kaum ein Bier, das nicht durch seine markanten Aromen einer näheren Betrachtung würdig war, manche aber konnten durchaus Begeisterung erwecken (✭). Hier nun kurze Verkostungsnotizen zu den einzelnen Bieren, die soweit es die ausländischen betrifft, allesamt bei Clemens Kainradl erhältlich sind.
         
          Tutti Frutti

  • Stiegl Lungauer Gold, 4,9%: Stiegl ist zwar eine große Brauerei, aber bleibt dennoch nicht im üblichen Mainstream verhaftet, sondern fördert die Vielfalt der Bierkultur mit Monatsbieren. Dieses hier ist das aktuelle, auf einem Stiegl-eigenen Bauernhof werden alte Sorten von Braugetreide angebaut - das kommt der Individualität und Exklusivität der Biere zugute. Das Lungauer Gold aus Lungauer Roggen ist relativ, hell, trüb und schmeckt ausgesprochen fruchtig, Ananas, Birne lassen sich ausnehmen, es ist weich und süffig, mit feiner Fruchsüße. Die Bitterstoffe kommen erst ganz hinten in der Kehle. By the way - Bier spuckt man nicht, hab ich mir sagen lassen ;)
  • Schwechater Cervisia Ala Nova, 5,3%: klar, goldfarben. In der Nase Honig und Nadelholz; Stachelbeere, Honig; Bitteraromen kommen rasch, bleiben lang. Ein gut gehopftes helles Lagerbier aus der neuen Hopfensorte Nelson Sauvin, die vor 10 Jahren in Neuseeland gezüchtet wurde. Sehr frischer Eindruck.
  • Gusswerk CereVinum,8,1%: Ein Hybridgetränk, denn das Bier wurde mit Zweigelt-Traubenmost vergoren. Deshalb fast rosafärbig, ein Weinbier/Bierwein mit Fructose und Maltose; viel Frucht, Malzaromen, sehr eigenwillig, zuckerlartig, frisch, kaum bitter, eine gewisse Süße da, witzig kirschig; hinten Säure und feines Bitterl.
  • Edelweiss Gamsbock, 7,1%: Aus der größten heimischen Weißbierbrauerei. Leicht trüb, dunkles Gelb. Die Fruchtaromen kommen durch die Gärung und sind vom Hefestamm abhängig, hier: Banane, Bananenschalen; auch sehr bananig am Gaumen.
  • Kriek De Ranke, Belgien, 7%: Dieses Bier wurde mit Weichseln vergoren, ein traditioneller Brüsseler Bierstil. Biergenießer lehnen so etwas hierzulande gerne ab. Pink, das bislang am stärksten Gehopfte. Spontan vergoren, mit alten Hopfen - die Gerbstoffe daraus sind erwünscht. Milchsäuregärung löst alles von der Kirsche bis auf den kern auf, der Fruchtzucker bewirkt eine Nachgärung. Deshalb sehr frisch, prizzelnd, sauer, gerbstoffig, erinnert an oxidativen Amphorenwein. Beim einatmen hat man wieder Frischeempfindung am Gaumen, erinnert ganz vage an Brause. Ein sehr weiniges, mostiges Bier. Hat mir gefallen. ✭

    Hopfenexplosion
    (Variantenexperimente)
  • Zwettler Saphir, 5,3%: Aus einer neuen Hopfensorte, die in der Hallertau gezüchtet wurde. Hell, klar, ein Pils. Runde, weiche Nase, zarte angenehme Aromen, das Bittere kommt erst langsam, ist mit leichter Süße unterlegt.
  • Sierra Nevada Pale Ale, 5,6%: Eine größere amerikanische Kleinbrauerei, heute etwa wie Stiegl. Sehr erfolgreich. Dunkles gelb, fast bernstein, klar. Sehr fruchtige Hopfenaromen, Zitrus, Grapefruit (Sorte Cascade). Sehr frisch, erinnert aber auch an Fruchtzuckerl. Schönes Bitterl, sehr präsent und intensiv - ein ideales Aperitif-Bier, das nach Konrad Seidl auch zu Salat oder Schokoladekuchen passt. Länge. ✭
  • Del Borgo ReAle Extra, 6,2%: Italien zeigt neuerdings ein lebendiges, spannendes Bierleben mit vielen Kleinbrauereien und interessanten Spezialitäten. Champagnerflasche, viel Schaum. Dunkelgelb. Kräuteraromen, intensive, leicht gemüsige Aromen, Bitter mit leichter Süße unterlegt, Gewürzaromen von Hefe, ätherische Gewürze; gut für Speisenkombinationen. ✭
  • Schneider Hopfenweisse, 8,2%: Bayrischer Weizen-Doppelbock, mit Saphir und Cascade gehopft. Etwas dunkler, leicht trüb. Erinnert im ersten Moment an meine Kindheitstortur „Biomalz mit Lecithin“ ;) Braune Banane, das Bitter recht angenehm, obwohl die Bitterstoffe analytisch sehr hoch sind, aber sie sind nicht wirklich so spürbar. Zu Wiener Küche (Seidl).

    Malty Kiss
    (so fröhlich wie Küsse)
  • Schremser Naturpark Bio, 5,1%: Bernsteinfarben; weich und malzig, mit leichter Säure. Sehr anregend und süffig; Butterton, leicht bitter im Nachtrunk. Aus einer alten, geradezu „antiken“ Brauerei.
  • Samuel Smith‘s Nut Brown Ale, 5%: Aus Nordengland, braun, deutlich malzig; am Gaumen und Nachtrunk sehr malzig, nussig. Bitter zurückhaltend, kommt erst hinten nach dem Schlucken mit Herbe. Walnussbitter.
  • Birra Baladin Super, 8%: Wieder ein Italiener, diesmal aus dem Piemont. Helles Braun, mehr an Stollwerck erinnenrd. Tropische Früchte, Gruchtsüße, dann gleich kräftiges Bitter, Malz, auch Süße. Länge mit Bitter, etwas Bananenstreifen. Gut zu Käse und Desserts.
  • Robinson‘s Old Tom, 8,5%: Cheshire, GB. Dunkelbraun, sehr harmonisch-malzig; Dörrfrucht, Datteln, sehr rund und angenehm, süffig; Balance, in der Länge bitter, sehr gut. Zu Wild, Käse. Oder zum köstlichen Verival-Dattelkonfekt

    Dunkle Phantasien
    (was da wohl vorschwebte?)
  • Propeller Blinder Passagier, 5,3%: Eine Premiere, die Runde war die erste, die dieses Bier kosten konnte, hinter dem auch die Initiative des Biersepp steht! Aus einer Brauerei aus dem Sauerland, Porter-Stil. Dunkelbraun, riecht nach brauner Zuckermelasse. Blättriges angenehmes Bitter, sehr straight, macht fröhlich. ✭
  • Camba Bavaria Eric‘s Stout, 4,5%: Kleine Brauerei in Chiemsee-Nähe. Schwarzbraun, Kaffeeton, Kräuter, Getreide. Röstmalzcharakter, Bitter sehr anregend, man möchte immer mehr davon. Sehr trockener Eindruck. ✭
  • Gusswerk Black Betty, 5,4%: In der Biobrauerei in Salzburg mit Kräutern gebraut. Schönes marronebraun, Kräuterwürze, feinbitter, wirkt leicht; Antrunk Röstmalz, schöne Balance. Teil des Hopfens durch Wermuth ersetzt!
  • Meantime Chocolate Porter, 6,5%: Aus toller Brauerei in London, mit Kakao gebraut. Dunkelbraun, cremefarbener Schaum; sehr schöner Schokoladeduft, sehr schokoladig mit leichter Orangenfrucht. Perfekt zu Süßspeisen. ✭
  • Del Borgo KETO RePorter, 5,2%: Italien, mit toskanischem Tabak gebraut. Sehr dunkles Braun; süße Nase mit Frucht; Röstaromen, bitter, voll.

    Echte Hämmer
    (klare Aussage)
    Starkbiere haben enormes Alterungspotential! Bitte stehend lagern.
  • Camba Bavaria Mastrobator Doppelbock, 8,5%: Alle Doppelböcke in Bayern enden auf -ator, Ausnahme; das Aventinus. In Bourbon-Barrels gelagert. Bernsteinfärbig, Karamell pur.
  • Hofstetten Honigbock, 9%: Aus dem Mühlviertel. Der Bauernhof ist womöglich die älteste Brauerei Österreichs, aber es gibt keine Urkunden ...
    Hell, goldfärbig. Sehr viel Süße und Bitter, sehr erfolgreich im Export. Frische Länge, Würze wie Pinien. ✭
  • Edition bier.pur Barley Wine, 8,6%: Bernstein; Weihnachtskaramell, viel Hopfen. Sehr sympathisch. Ein Jahr alt - Jahrgang! Das Alkoholische geht mit der Lagerung zurück.
  • Schloss Eggenberg Samichlaus, 14%: 2010 gefüllt. Angelegt für jahrzehntelange Lagerung. Welterfolg in Russland und den USA. Orangebraun. Kaffee und Toffee, viel Süße, leicht prickelnd wie zarter Schaumwein; viel Aroma und Bitter - muss gut zu Ziegenkäse sein! Aber auch zu Desserts. Oder im Cognacschwenker als Betthupferl. ✭
  • Flying Dog Barrel Aged Imperial Porter, 9,5%: Aus einer der größeren Micro-Brews in den USA. Dunkelbraun mit einem Schuss violett; holzige Süße - wurde in Whiskeyfässern gelagert. Weinig, oder vielmehr mit Cognacanklängen; Bitterschokolade, Kakao, cremig; fruchtiger Nachhall, Länge.

Jetzt bleibt nur mehr, nach all den Bierbesonderheiten Ausschau zu halten. Wie gesagt: einiges bei Bierfacht. Und angeblich auch bei Interspar. Ausprobieren!

 

* Was ist der BRAUSILVESTER?

Die Abweichung des Braujahres vom Kalenderjahr hat ihren Ursprung im Mittelalter. Da die künstliche Kühlung erst im 19. Jahrhundert aufkam, durfte davor nur in der kalten Jahreszeit zwischen Michaeli (29. September.) und Georgi (23. April.) Bier gebraut werden. Zudem werden im September Braugetreide und Hopfen geerntet, die Rohstoffe für die neue Brausaison. Viele Brauereien führen noch heute den 30. September als Bilanzstichtag. Dieser Stichtag ist also mit dem 11. November (Martini) vergleichbar, der für die Winzer stets große Bedeutung hatte und noch immer genügend Grund zum Feiern gibt.